In den Staaten der nördlichen Welthalbkugel scheint es vorrangig nur noch darum zu gehen: Wie schützt man sich am besten vor den Flüchtlingen aus dem Süden?

In den Vereinigten Staaten von Amerika will der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump eine Mauer entlang der rund 3.000 Kilometer langen Grenze zu Mexiko errichten. Außerdem verkündet er, als Präsident keine Muslime mehr ins Land zu lassen.

Eine Mehrheit der Briten könnte an diesem Donnerstag vor allem deshalb für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmen, weil sie keine weiteren Einwanderer mehr will. Und weil Premierminister David Cameron nicht sein Versprechen gehalten hat, die Zahl der Einwanderer merklich zu reduzieren, auf möglichst unter 150.000 pro Jahr.

Die EU selber droht an dem Streit über eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen zu zerbrechen. Die 28 Mitglieder haben es bislang nicht einmal geschafft, ihren Beschluss vom vergangenen Herbst umzusetzen, demzufolge den EU-Grenzstaaten Italien und Griechenland gerade einmal 160.000 Syrer und Iraker abgenommen werden sollen.

Australien, das zwar ganz im Süden liegt, aber gleichwohl zur sogenannten Ersten Welt gehört, schottet sich schon seit Jahren hermetisch gegen Flüchtlinge ab.

Kein Zweifel, die vielen Flüchtlinge, vor allem, wenn sie auf einmal kommen, stellen auch wohlhabende Nationen vor große Schwierigkeiten: vor finanzielle, soziale, politische und kulturelle.

Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge kommt aus drei Ländern

54 Prozent der weltweiten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Afghanistan und Somalia

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Aber während diese Länder in erster Linie damit beschäftigt sind, sich die Not leidenden Menschen mit Zäunen, Gesetzen, Geld und internationalen Verträgen vom Leib zu halten, lenkt das UN-Flüchtlingshilfswerk am heutigen Weltflüchtlingstag mit einem Global Trends Report den Blick auf die wahren Probleme und wirklichen Herausforderungen. Es ist ein ebenso erschreckender wie heilsamer Blick, der die Dinge wieder ins rechte Licht rückt.

Die EU bleibt weitgehend verschont

Binnen Jahresfrist ist die Zahl der Flüchtlinge, so der UNHCR, dramatisch gestiegen, von 59,5 Millionen Ende 2014 auf 65,3 Millionen Ende 2015. Derzeit ist damit jeder 113. Mensch auf der Welt ein Flüchtling, der seinen Wohnort verlassen musste, um Schutz zu suchen – entweder im Ausland oder in einem entfernten Winkel des eigenen Landes.

Umgerechnet auf die etwa 530 Millionen EU-Bürger würde diese Zahl bedeuten: Rund viereinhalb Millionen Europäer müssten derzeit wegen Krieg, Hunger, politischer Verfolgung oder Naturkatastrophen das Weite suchen und umherirren.

Doch anders als Hetzer, Populisten und Wahrheitsverdreher behaupten, bleibt Europa auf doppelte Weise von dem Weltübel der Flucht weitgehend verschont. Zum einen gibt es kaum europäische Flüchtlinge: laut UNHCR lediglich 593.000, die meisten davon aus der Ukraine. Zum anderen zogen 2015 trotz Balkanroute und drastisch steigender Zahl vergleichsweise immer noch wenige Menschen aus den südlichen und östlichen Brandherden nach Europa. 86 Prozent der Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr unter dem Mandat des UNHCR standen, baten in Staaten außerhalb der EU um Obdach.

Was in der aufgeregten europäischen Debatte oft vergessen wird: Weltweit nimmt die Türkei die meisten Flüchtlinge auf, etwa 2,5 Millionen. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist der Libanon am großzügigsten, auf 1.000 Einwohner kommen dort 183 Flüchtlinge. Und legt man die Wirtschaftskraft zugrunde, trägt die Demokratische Republik Kongo die größte Last.

Die größte Leistung vollbringt Afrika

Apropos Afrika: Nach dem Mittleren Osten müssen dort die meisten Menschen fliehen. Kriege, Massenvertreibungen und Dürre zwangen bis Ende 2015 rund 18 Millionen Afrikaner, ihre Heimat zu verlassen. Doch nach Europa gelangten vergangenes Jahr allenfalls 150.000, alle anderen suchten Schutz in Gegenden südlich der Sahara.

Auch das ist eine schlichte Wahrheit: Sechs der zehn Hauptaufnahmeländer liegen in Afrika. In absoluten Zahlen nimmt Äthiopien die meisten Flüchtlinge auf, gefolgt von Kenia, Uganda, der Demokratischen Republik Kongo und dem Tschad.

Auf der Flucht ins Ausland sind vor allem Syrer (4,9 Millionen), gefolgt von Afghanen (2,7 Millionen) und Somaliern (1,1 Millionen). Die meisten Binnenflüchtlinge gibt es in Kolumbien (6,9 Millionen), danach in Syrien (6,6 Millionen) und im Irak (4,4 Millionen).

Und noch eine alarmierende Nachricht des UNHCR: Es fliehen derzeit besonders viele Kinder und Jugendliche. 51 Prozent aller Flüchtlinge sind jünger als 18 Jahre. Unter ihnen sind immer mehr, die sich allein oder getrennt von ihren Eltern auf die gefährliche Reise machen.

Noch einmal: Europas Sorgen lassen sich nicht vom Tisch wischen. Doch angesichts dessen, was viele andere Staaten und Gesellschaften in der weltweiten Flüchtlingskrise schultern müssen, sind diese Nöte und Ängste klein.