Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der Opfer des mutmaßlichen Amoklaufs von München gedacht. "Wir teilen Ihren Schmerz, wir denken an Sie, wir leiden mit Ihnen", sagte sie in Berlin an die Angehörigen gerichtet. Zeitgleich dankte Merkel den vielen Münchnern, die am Abend und in der Nacht ihre Türen für Mitbürger geöffnet hatten. "In dieser Freiheit und Mitmenschlichkeit liegt unsere größte Stärke."


Sie verstehe aber auch die Verunsicherung vieler Menschen, sagte Merkel. "Immer sind es Orte, an denen jeder von uns hätte sein können. So kann ich jeden verstehen, der heute mit Beklommenheit auf eine Menschenmenge zugeht, der im Hinterkopf die Frage hat, ob er dann sicher ist."

Am Freitagabend hatte der 18-jährige Ali David S. am Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen getötet. Wie die Rekonstruktion der Polizei am Folgetag ergab, tötete sich der Schüler danach selbst, nachdem Polizisten auf ihn aufmerksam geworden waren. "Gegen 20.30 Uhr hatte demnach eine Streife der Münchner Polizei nördlich des Olympiaeinkaufszentrums Kontakt zum mutmaßlichen Täter", teilte die Polizei mit. "Als Reaktion auf die Ansprache der Beamten zog er unvermittelt seine Schusswaffe, hielt sie sich an den Kopf und erschoss sich." In den vergangenen Stunden waren demnach Beamte befragt worden, die während der Tatzeit im Dienst waren – dabei seien neue Details über die Tat zusammengetragen worden.

Viele der Opfer waren minderjährig. Der 18-Jährige hatte offenbar gezielt junge Menschen angelockt: Nach Erkenntnissen der Münchner Staatsanwaltschaft hatte er vor der Tat den Facebook-Account eines Mädchens mit einem türkischen Namen gehackt. "Kommt heute um 16 Uhr Meggi am OEZ", soll er geschrieben haben– "Meggi" steht für McDonalds. Zudem soll er versprochen haben, Getränke und Essen zu spendieren.

Nach der Tat blieb die Lage bis in die Nacht schwer durchschaubar. Zur Sicherheit wurde der öffentliche Nahverkehr eingestellt. Unter dem Hashtag #offenetuer boten Münchner den in der Stadt festsitzenden Menschen eine Notunterkunft an. Nach Angaben der bayerischen Staatskanzlei wurden insgesamt 100 verunsicherte Menschen vorübergehend aufgenommen. Allein in der bayerischen Regierungszentrale kamen demnach etwa 20 bis 30 Menschen unter.

2.300 Polizisten im Einsatz

In ihrer Rede dankte Merkel zudem den beteiligten Polizeibeamten der bayerischen Landes- und Bundespolizei. Die Einsatzkräfte hätten hoch professionell gearbeitet und besonnen kommuniziert, sagte die Kanzlerin. "Sie waren und sind im besten Sinne Helfer und Beschützer der Bürgerinnen und Bürger."

Die Münchner Polizei hatte Verstärkung aus anderen Bundesländern, von der Spezialeinheit GSG9 und der Elitetruppe Cobra aus Österreich hinzugezogen. Insgesamt waren laut Polizei 2.300 Beamte im Einsatz, um Menschen aus der Schusslinie zu bringen, den Täter aufzuspüren und die Bevölkerung auf dem Laufenden zu halten.

De Maizière: Keine Hinweise auf Terrorakt

Bereits am Freitagabend hatte Merkel das Sicherheitskabinett einberufen, am Mittag war das Gremium zusammengekommen, um über die aktuelle Sicherheitslage zu beraten. Im Anschluss daran äußerte sich auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière zu der Tat in München. "Es zerreißt einem schier das Herz", sagte der Minister mit Blick auf die überwiegend jungen Opfer.

Zu den Motiven des jungen Mannes sagte de Maizière, dass es Hinweise auf eine Amoktat gebe. In der Wohnung des Täters sei Material gefunden worden, das Verbindungen zum Amoklauf von Winnenden 2009 und zu den Massenmorden des Norwegers Anders Behring Breivik vor genau fünf Jahren aufzeige. Auch gebe es Hinweise, dass der 18-Jährige gemobbt worden sei.

Einen islamistischen Hintergrund schloss der Innenminister nach bisherigem Kenntnisstand erneut aus. Es handele sich aller Wahrscheinlichkeit um einen Einzeltäter.

Zu möglichen sicherheitspolitischen Konsequenzen wollte de Maizière sich nicht äußern. "Heute ist nicht die Stunde für Konsequenzen, schon gar nicht, wo die Ermittlungsergebnisse noch nicht vollständig vorliegen", sagte der Minister. Gleichwohl sprache de Maizière davon, dass der Täter gewaltverherrlichende Computerspiele gespielt habe und forderte eine Debatte über das "unerträgliche Ausmaß gewaltverherrlichender Spiele im Internet".

Am späten Nachmittag flog de Maizière nach München, besichtigte den Tatort und gedachte dort der Opfer. "Ich bin hier hergekommen, um die Trauer der gesamten Bundesregierung zu überbringen", sagte der Minister und bedankte sich wie zuvor die Kanzlerin bei den Münchner Bürgern und den Polizeibeamten.

Bundeswehreinsatz stand zur Debatte

Derweil hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) erklärt, dass am Freitagabend zeitweilig der Einsatz der Bundeswehr im Inland erwogen worden war. "Solange das Ausmaß des Anschlages am Freitag nicht klar war, war eine Feldjägereinheit der Bundeswehr in München in Bereitschaft versetzt", sagte von der Leyen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Über einen möglichen Einsatz hätten die zuständigen Polizeibehörden zu entscheiden, fügte von der Leyen hinzu. "Sie beobachten die Entwicklung einer Terrorlage und wissen genau, wann die eigenen Kräfte an ihre Grenzen kommen oder spezielle Fähigkeiten gefragt sind, über die nur die Bundeswehr verfügt."

Bundeswehreinsätze im Inneren sind im Zusammenhang mit einer terroristischen Gefahr unter Umständen möglich und geplant. Das hatte von der Leyen bei der Präsentation des neuen Weißbuchs vor zwei Wochen erklärt. Das Weißbuch legt die Sicherheits- und Verteidigungsstrategie der Bundesregierung für die kommenden zehn Jahre fest.