Zwölf Verhandlungstage lang saß Frank S. nun im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts. Dort, wo sonst nur schweigsamen Islamisten der Prozess gemacht wird. Aber Frank S. ist anders, Frank S. ist gar nicht schweigsam. Er redet lange und ausführlich, er beantwortet alle Fragen der Bundesanwaltschaft und der Nebenkläger, der Vorsitzenden Richterin Barbara Havliza vertraut er Intimes aus seiner Kindheit an. Fast so, als wäre sie eine Freundin, der er endlich einmal sagen kann, wie schwer er es hatte. Er berichtet davon, wie er verhauen wurde, zuerst von seinem Pflegevater, dann von der Antifa, und wie er sich immer weiter in seiner Einsamkeit einbunkerte. 


Nun hat ihn das Gericht wegen versuchten Mordes und vierfacher Körperverletzung zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Havliza sagte, S. habe ein Klima der Angst schaffen wollen um damit Politiker von ihrer Flüchtlingspolitik abzubringen.

Messerattacke - Kölns Oberbürgermeisterin Reker sagt aus Reker hat vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht die Messerattacke vom Oktober 2015 geschildert, bei der die damalige OB-Kandidatin schwer verletzt wurde. Im Gerichtssaal begegnete sie erstmals wieder ihrem Angreifer.

Frank S. hatte erwartet, dass der Staat ihn nicht mit Milde behandeln würde. Tatsächlich hätte das Straßmaß auch höher ausfallen können. Das Gericht berücksichtige unter anderem die Persönlichkeitsstörung, deren Ursachen in der Kindheit des Täters liegen, sagte Havliza.


Aber Frank S. hatte  sich die Sache doch ganz anders vorgestellt, als er am Abend des 16. Oktober 2015 eine Liste mit den Wahlkampfterminen der Oberbürgermeisterkandidatin ausdruckte und probte, wie er sein Messer aus der versteckt getragenen Halterung ziehen und dann zustechen würde.

Sein Attentat sollte die Menschen aufrütteln. Schon kurz nach der Tat würde man herausfinden, dass er aus der rechten Szene stamme und würde Schlüsse ziehen. Die Politiker würden endlich sehen, dass die Proteste im Land ernst gemeint seien. Sie würden den "Volkssturm fürchten" und wieder die Interessen ihrer eigenen Bevölkerung berücksichtigen, anstatt nur auf ihre Gehaltschecks zu achten. Und sie würden erkennen, dass die parteilose Kandidatin Reker von den Grünen unterstützt wird. Oder wie S. sagt: "Dass das eine Riesenvolksverarschung ist mit diesem 'überparteilich'."

Er, der arbeitslose Malergeselle aus Bonn, wollte den Leuten zeigen, was falsch läuft. Deutschland sei eine "Diktatur" geworden, die von einer "irren Kanzlerin" geführt wird. "Ich wollte, dass der millionenfache Rechtsbruch", er meint die Einreise von Flüchtlingen, "mal vor ein Gericht kommt". Entweder das, oder er wollte erschossen werden, was in seiner Vorstellung das noch größere Fanal bedeutet hätte.

Dass dieser Plan lückenhaft war, will S. nicht wahrhaben. Die Richterin fragt ihn, wie er im Falle des Erschießens denn seine Botschaft unter die Leute hätte bringen wollen. Die Zeitungen hätten dann doch geschrieben: "Durchgeknallter bringt Oberbürgermeisterkandidatin um". "Ihre Tat wäre völlig umsonst gewesen", sagt Havliza. Ob er denn keinen Bekennerbrief hinterlassen habe? Nein. "Sie verstehen, warum ich das frage?" "Ja", sagt S. "Das ist eine gute Frage."

Es gibt einige solcher Momente der Selbsterkenntnis, aber es dauert jeweils nur ein paar Minuten, bis sich der Angeklagte wieder gefangen hat. Bis in seinem Kopf wieder alles zusammenpasst und er die Geschichte weitererzählt, in der er der Held ist und alle anderen nur nicht verstehen wollen.