Der Mord an fünf Polizisten lag erst wenige Stunden zurück, da stand für manche schon fest, wer die eigentliche Verantwortung an den Vorgängen in Dallas zu tragen hat: Black Lives Matter sei eine terroristische Vereinigung, erklärte der einflussreiche konservative Radiokommentator Rush Limbaugh. Ihre Motivation scheine blanker Hass zu sein.

Die Bürgerrechtsbewegung, die am vergangenen Donnerstagabend in Dallas zu friedlichen Protesten in Gedenken an die nur Tage zuvor durch Polizeibeamte getöteten Afroamerikaner Alton Sterling (Louisiana) und Philando Castile (Minnesota) aufgerufen hatte, sieht sich plötzlich in einer Art Mittäterrolle.

Denn Limbaugh ist nicht der einzige, der eine Verbindung zieht zwischen den Bürgerrechtlern und Micah J., dem Todesschützen von Dallas. "Für mich sind vorherige Black-Lives-Matter-Proteste klar verantwortlich für das, was hier geschehen ist", sagte etwa Dan Patrick, Vizegouverneur von Texas. Zwar sei ihm bewusst, dass der Protestmarsch in Downtown Dallas am vergangenen Donnerstag friedlich verlaufen sei, bis es zur Schießerei kam. Aber der Ton und die Taktik der Gruppierung hätten einen direkten Bezug zu der Tat. "Das muss endlich aufhören", sagte Patrick.


Die bisherigen Ermittlungsergebnisse stützen diese These nicht. Micah J. war demnach ein Einzeltäter. Als die Black-Lives-Matter-Demonstration durch Dallas marschierte, hatte er seine Tat längst geplant. Doch Kritiker der Bürgerrechtler verweisen auf seine Äußerungen während der nächtlichen Verhandlungen mit der Polizei: Er sei zornig über die Polizeigewalt gegen Schwarze. Er sei wütend auf weiße Bürger, er habe Weiße töten wollen, vor allem weiße Polizisten.

Für die Bürgerrechtler scheinen diese Äußerungen heikel, weil Black Lives Matter zwar friedlich, aber im selben Kontext agiert. Auch das Ziel der Bürgerrechtler ist es, Polizeigewalt gegen Schwarze zu thematisieren. Und auch ihre Proteste sind bisweilen vom Zorn getragen, dass sich offenbar nichts ändert am Verhalten der Polizei. Dass es immer neue Fälle gibt, die – meist gut dokumentiert – zeigen, wie weiße Beamte schwarze Bürger aus den nichtigsten Anlässen erschießen.

Black Lives Matter ist eine relative junge Bewegung. Sie ging aus dem gleichnamigen Slogan hervor, der 2013 nach dem Freispruch für den Todesschützen des schwarzen Teenagers Trayvon Martin entstanden war und auf die Diskriminierung von Schwarzen aufmerksam machen wollte. Zur Bewegung wurde der Satz im folgenden Jahr, nachdem Michael Brown in Ferguson und Eric Garner in New York durch Polizisten getötet worden waren.

Von Anfang an begleitete Kritik an ihrer konfrontativen Art die Bewegung. Selbst Bürgerrechtler, die seit Jahrzehnten gegen die Diskriminierung von Schwarzen kämpfen, haben damit Probleme. "Ich war selbst Aktivistin in den Sechzigern. Aber für mich ist es nicht einfach, mich hinter die Black-Lives-Matter-Bewegung zu stellen", schrieb die Autorin Barbara Reynolds. "Ich unterstütze deren Anliegen, aber nicht deren Ansatz." In den Sechzigern sei man dem weißen Mob und der Polizei mit Würde begegnet. Heute könne man bei Demonstrationen nur schwer unterscheiden, wer friedlicher Aktivist und wer Brandstifter sei.

Dennoch oder gerade deswegen fand Black Lives Matters Gehör. Spätestens nach den Vorfällen in Louisiana und Minnesota Mitte vergangener Woche waren viele Amerikaner überzeugt, dass die systemimmanente Polizeigewalt in Amerika ein Problem ist, das gelöst werden muss. 

Wer den Livestream von Diamond Reynolds gesehen hatte, deren Freund Philando Castile in seinem Wagen durch vier Polizeikugeln getötet worden war, konnte sich die Antwort auf die Frage, ob die beiden Fälle von Louisiana und Minnesota genauso verlaufen wären, hätte es sich um zwei weiße Männer gehandelt, selbst geben.