Papp-papp, papp-papp. Es ist ein unmissverständliches Geräusch, das Rodney Wilson da nachahmt. Er hat seinen Mittel- und Zeigefinger am langen Arm ausgestreckt. Wie beim Rückstoß einer Pistole knickt er das Handgelenk zweimal ab: "Totales Chaos, aus dem Nichts. Es war ein friedlicher Protest, niemand wollte, dass Gewalt ausbricht. Und dann plötzlich: papp-papp, papp-papp, Schüsse aus dem Nichts."

Wilson war nicht in Downtown Dallas am Donnerstagabend, als die tödlichen Schüsse auf fünf Polizisten fielen. Das Bein macht nicht mehr mit, der 52 Jahre alte Frührentner packt sich ans Knie. Am Fernseher hat er in der Nacht das Geschehen verfolgt. Er kommt von einer Routineuntersuchung, steht draußen mit einer Zigarette vorm Parkland Memorial Hospital, wo in der Nacht mehrere angeschossene Beamte behandelt wurden.

Gegen drei Uhr morgens stand ein gutes Dutzend Polizisten am Ausgang der Notaufnahme, die Fingerspitzen der flachen Hand an der Stirn zum letzten Gruß für ihre Kollegen, die die Schüsse nicht überlebt haben.

Mit genauen Angaben, wer wo behandelt, wer wo verstorben ist und wer die verstorbenen Beamten sind, halten sich die Behörden zu diesem Zeitpunkt noch bedeckt. Die Schießerei in Dallas war der schlimmste Angriff auf US-amerikanische Gesetzeshüter seit dem 11. September 2001.

Nicht nur deshalb ringen die Behördenvertreter nach Antworten. Viele Details sind noch ungeklärt. Der Attentäter, Micah J., soll Veteran der US-Armee sein. David O. Brown, der schwarze Polizeipräsident von Dallas, sagte in einer Pressekonferenz, der Schütze hätte sich an dem Abend in einem mehrstündigen Gefecht mit der Polizei unzufrieden über die Black-Lives-Matter-Bewegung geäußert. Das Knattern der Schüsse fiel mitten in den friedlichen Protest zu Ehren der nur Tage zuvor von Polizisten erschossenen Afroamerikaner Alton Sterling (Louisiana) und Philando Castile (Minnesota).

Der mutmaßliche Schütze wollte Weiße töten

"Der Verdächtige sagte während des Gefechts, er sei aufgebracht wegen der jüngsten Schießereien", erklärte Polizeipräsident Brown in seiner Stellungnahme. "Der Verdächtige sei wütend über weiße Bürger. Er sagte, er wollte Weiße töten, vor allem weiße Polizeioffiziere."

Am Morgen danach steht rechts vom Krankenhauskomplex ein schwarzer Polizist und zieht die USA-Flagge auf Halbmast. Ein älterer Herr, der an ihm vorbeigeht, nimmt seinen Gehstock kurz auf links und schüttelt ihm wortlos die Hand. Der Polizist beißt sich auf die Lippen und schaut auf den Boden. Was soll man auch sagen in solchen Augenblicken?

"Ich bitte die Politik jetzt genau zu überlegen, was sie sagt", mahnt Mike Rawlings, Bürgermeister von Dallas, vor versammelter Presse. Auf den Straßen der texanischen Millionenstadt sei Gewalt statt Gerechtigkeit verübt worden. Der gängige Reflex der Politik, scheint er sagen zu wollen, bringt uns keine Antworten, er trocknet keine Tränen. Noch eher habe er das Zeug, Öl ins Feuer zu gießen.

Polizist in den USA sein? Ein tougher Job

Joshua Nyangon wartet vorm Parkland Memorial Hospital auf seine Mutter, die heute entlassen wird. Er ist schwarz, hat sich in Dallas aber noch nie von Polizisten gegängelt oder diskriminiert gefühlt. "Ich bin oft genug angehalten worden", sagt er. "Wenn man denen Respekt entgegenbringt, bekommt man ihn meistens auch zurück. Die machen einen toughen Job, keine Frage." Starke Spannungen zwischen Afroamerikanern und Polizisten hat Nyangon in Dallas bisher nicht bemerkt.

Egal welchen Polizisten man anspricht, offiziell dürfen sie nichts sagen zu der Schießerei. Rund um den Tatort ist gelb-schwarzes Absperrband gespannt. Aus der Ferne kann man Plastikhütchen sehen, nummeriert für die Beweisführung der Spurensicherung. Viele Geschäfte sind geschlossen, Hubschrauberlärm kommt und geht. Polizisten sitzen auf ihren schweren Motorrädern, fahren mit Mountainbikes Patrouille, selbst auf Segways sind sie unterwegs.

State Trooper bringen den in der schwülen Mittagssonne wartenden Polizeibeamten von Dallas Sandwiches vorbei. Untereinander, so scheint es, besteht ein großer Zusammenhalt. Ein Beamter lässt sich kurz in ein Gespräch verwickeln. "Ein Kollege von mir ist gestorben", sagt er. "Ich möchte nicht darüber reden. Wenn Sie Details brauchen, wenden Sie sich an die Behörden." Und wie geht es ihm persönlich? "Danach fragt keiner, ich habe Dienst. Routine kann über vieles hinweghelfen. Natürlich macht mir das schon Angst. Jeder versucht, heute den Tag irgendwie rumzubekommen."

Bevor Rodney Wilson seine Zigarette ausdrückt und mit seinem kaputten Knie vorm Krankenhaus zu seinem Wagen humpelt, will er noch etwas über die Arbeit der Polizei sagen. "Es gab mal eine Zeit, da war hier sehr viele Spannungen. Aber in jüngster Vergangenheit war es in Dallas ziemlich ruhig. Wieso ausgerechnet diese Polizisten, die an dem Abend dort standen, um die friedlichen Demonstranten zu beschützen, dran glauben mussten...". Er zieht die Augenbrauen hoch vor Ratlosigkeit. "Aber ganz egal, ob wir nun von Polizeigewalt oder dem Schützen da gestern sprechen: Was bei einer einzelnen Person im Kopf vorgeht, kann keiner wissen."

Der Riss wird größer

Innerhalb von vier Tagen trauern sieben Familien um ihre Liebsten: eine in Louisiana, eine in Minnesota, fünf in Texas. Wenn es ein Akt der Vergeltung gewesen sein sollte, hat der Attentäter von Dallas bloß dafür gesorgt, dass jetzt ein noch größerer Riss durch die amerikanische Gesellschaft geht.