Das Mamuśka! im Zentrum von London ist ein typisch hippes Großstadtrestaurant. Die Kunden bestellen ihr Essen an der mit Aluminium verkleideten Theke und setzen sich dann an einen der schlicht-funktionalen Holztische. Die Einrichtung und die Beleuchtung sind modern. Das fertige Essen holen die Kunden an der Durchreiche zur Küche wenige Meter weiter selbst ab.

Die Besitzer Paulina und Ian Coll haben das "Fast Casual"-Konzept übernommen, das man in Deutschland vor allem von den Vapiano-Restaurants kennt. Statt Pizza oder Pasta stehen auf der Speisekarte aber Pierogi und Kotlet Schabowy, Kielbasa und Chłodnik. Die Küche ist polnisch und der Laden immer voll.

"Eigentlich hatten wir vor, in ganz Großbritannien Filialen zu eröffnen", sagt Paulina Coll. Sie ist vor 16 Jahren aus Polen nach London gekommen. Vor fünf Jahren haben sie und ihr Mann, der aus Kanada stammt, gemeinsam ihr erstes Restaurant eröffnet. "Doch dann kam das Brexit-Referendum und wir dachten nur: Oh Gott." Jetzt würden sie wohl erst mal in Städte expandieren, die überwiegend für Remain gestimmt haben, etwa nach Cambridge, Bristol und Edinburgh. Ein EU-Referendum als Gradmesser für die Akzeptanz polnischer Küche.

Für viele EU-Bürger, die in Großbritannien leben und arbeiten, hat sich der Alltag radikal verändert: Die Zahl der gemeldeten Hassverbrechen ist seit Mitte Juni – eine Woche vor dem Referendum – deutlich in die Höhe geschnellt. Bis Mitte dieses Monats registrierte die Polizei fast 6.200 Vorfälle, ein Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum. Das sind mehr als 200 pro Tag. Zu den häufigsten Vorkommnissen zählen Beleidigungen und Bedrohungen. Häufig sind Menschen aber auch bespuckt und angegriffen worden.

Auffällig oft entlädt sich der Hass auf Muslime und EU-Bürger aus Osteuropa. In Plymouth haben Unbekannte die Gartenlaube einer polnischen Familie niedergebrannt und eine Nachricht zurückgelassen, auf der stand: "Geht zurück in euer verf***tes Land. Nächstes Mal wird es eure Familie sein." In Londons Stadtteil Hammersmith beschmierten Unbekannte die Türen eines polnischen Gemeindezentrums mit Beleidigungen. Immer wieder werden die Hasstiraden begleitet von Aufforderungen, das Land zu verlassen. Schließlich hätten die Briten ja für einen EU-Austritt gestimmt.

Auch das Mamuśka! hat einen solchen Vorfall erlebt. "Ein Mann mit einem deutlichen englischen Akzent hat einmal mitten während der Geschäftszeiten angerufen und gesagt: 'Ist es nicht großartig, dass ihr Polen jetzt alle nach Hause gehen müsst'", erzählt Ian Coll. Der Mitarbeiter, der den Anruf entgegengenommen habe, sei zwar auch Pole, aber in Südlondon groß geworden. Im breitschnäuzigsten südlondener Englisch konnte er dem Anrufer Paroli bieten: "Er hat ihn gefragt, ob er an einem Freitagabend nichts Besseres zu tun hat, als so einen lächerlichen Anruf zu tätigen."

Rassismus wird salonfähig

Kritiker sind davon überzeugt, dass die Politiker, die im Wahlkampf für einen EU-Austritt geworben haben, für den Anstieg der fremdenfeindlichen Vorfälle verantwortlich sind. Die Oberhausabgeordnete und frühere Vizevorsitzende der Konservativen Partei Sayeeda Warsi warf führenden Leave-Politikern erst vor wenigen Tagen vor, sie hätten mit ihrer auf Einwanderung ausgerichteten Negativkampagne das gegenwärtige gesellschaftliche Klima geschaffen, in dem rassistische Übergriffe zum Alltag gehören. "Ich war schon von dem Rassismus der 1970er und 1980er Jahren abgestoßen, der offen und aggressiv war. Aber der war mir lieber als diese neue Form von salonfähiger Fremdenfeindlichkeit, wie sie von politischen, journalistischen und akademischen Kreisen betrieben wird", sagte Warsi dem Guardian.

Die Vertreter der Leave-Kampagne – und da vor allem der jetzige Außenminister Boris Johnson – hätten ein Klima geschaffen, in dem Leute es akzeptabel fänden, Mitgliedern lange etablierter Gemeinschaften zu erzählen: "Es ist an der Zeit für euch, zu gehen."