Mit 73 Jahren darf man noch träumen, und Pedro Eneias dos Santos hat einen Herzenswunsch. "Ich will an einen einsamen Ort fliehen", sagt der alte Mann, "und dann will ich irgendwo alleine sein. Alle sollen mich in Ruhe lassen!"

Ein bisschen überrascht das schon, denn dos Santos lebt bereits auf einer winzigen Insel. Drei Häuschen bloß erheben sich auf der Ilha Mãe Maria, einem Felsengrüppchen in der Guanabara-Bucht von Rio. Zur Landseite hin ein hübsches großes, mit Balkon und Schindeln auf dem Dach. Das gehört seinem Bruder, der aber eigentlich in einer Wohnung an der Küste lebt und nur noch selten kommt. Ein anderes gehört seiner Schwester und ihren Verwandten, auch sie kommen und gehen. Durchgängig am Ort sind nur er, dos Santos, und seine Frau. Die hat er geheiratet und mit auf die Insel genommen, als er 40 war und sie 17 Jahre alt. Die dos Santos' wohnen hinten raus, zur Seeseite hin. Ihr Häuschen ist aber eher eine Baustelle, ein seit Jahrzehnten unfertiges Projekt aus Backsteinen und Mörtel.

Einst hatte sein Ziehvater die Insel für sich reklamiert. Niemand fechtet seither das Wohnrecht der Familie an. "Als ich sechs Jahre alt war, bin ich hier hingezogen", sagt der Mann, "und ich bin immer hier." Irgendwer müsse ja aufpassen. Der Sturm, sagt dos Santos, fege häufig über die Insel. Er reiße die Palmen aus, treibe Gerümpel über den Fels, lasse Fensterscheiben bersten.

Pedro dos Santos ist von Beruf Fischer, das hat er gelernt. Von fünf Uhr nachmittags bis sieben Uhr morgens fährt er mit seinem Boot durch die Bucht, meistens wagt er sich bis zur Autobrücke zwischen Rio Niteroi hinaus, und bis in das Gebiet, wo zu den Olympischen Spielen die Segelregatta läuft. Das Fischen ist aber kaum noch ein gutes Geschäft. Die Bucht von Guanabara sieht malerisch aus wie eh und je, aber sie stirbt: Eine Serie von Umweltkatastrophen ist hier geschehen, und heute laufen pro Sekunde 18.000 Liter ungeklärtes Abwasser hinein. Dos Santos weiß, wie man hier trotzdem noch Fische und Meeresfrüchte findet. 90 Centavos pro Stück bringt ihm eine Garnele ein, das sind umgerechnet 25 Eurocent.

Im Jahr 2000 hat sich die Lage für Fischer drastisch verschlimmert. Unternehmen aus dem Umfeld des staatlichen Ölkonzerns Petrobras bekamen ein gewaltiges Leck nicht in den Griff, tagelang, und ein schwarzer Teppich legte sich über die Bucht. "Rings um meine Insel war alles schwarz", erinnert sich dos Santos. Später kamen Aufräumer, die mit Druckwasser seine Felsen abgespritzt haben. Sie gaben Chemikalien auf das Öl, damit es sich auf den Boden senkt. "Seither ist ringsherum alles tot", sagt der Mann. "Früher waren hier kleine Fische, und manchmal große, und Meeresfrüchte. Jetzt muss man mit dem Boot immer weiter hinaus."

Der Fischer Pedro Eneias dos Santos auf seiner Insel in der Guanabara-Bucht in Rio de Janeiro © Thomas Fischermann

Die Olympischen Spiele? Sie nerven ihn schrecklich. Nein, er habe nichts gegen die Segler, die Gringos, die Sportler, die jetzt kommen. "Aber die Schnellboote der Küstenwache lassen einen Fischer seit Wochen nicht mehr in Ruhe", klagt er. "Sie wollen die Dokumente sehen. Die wollen wissen, ob man hier Drogen und Waffen transportiert. Und ab 20 Tage vor der Regatta darf man nicht mal mehr unter der Brücke herfahren, weil dort trainiert wird!"

Dos Santos hat die Nase voll, er will weg – und hofft darauf, dass an Land ein einsamerer Platz auf ihn wartet als diese Insel. "Wenn man ein Leben lang alleine fischt, kommt irgendwann der Punkt, wo man nicht viel mit anderen Leuten zu tun haben will." Fernsehen schaut er gerne, die Nachrichten und Telenovelas wie das Historiendrama Velho Chico. Manchmal ist das schwierig, Mãe Maria hat nämlich keinen Stromanschluss, nur einen ratternden Benzingenerator. Die andere technische Herausforderung ist der Kühlschrank.

Strombetriebene Kühlung kann man hier vergessen, dos Santos holt Eis in Säcken vom Land. "Aber die passenden Kühlschränke, die man mit Eis betreibt, werden heute ja kaum noch verkauft."

Manchmal, sagt der alte Fischer, habe er Angst vor der Zukunft. Davor, dass er doch keinen schönen Platz mehr für sich finde, dass er auf dieser Insel mit all der nervigen Verwandtschaft gefangen bleibe. "Meine beiden Knie sind kaputt, und ich hatte fünf Bandscheibenvorfälle", klagt er. "Ich kann keine fünf Minuten am Stück mehr gehen. Ich kann nur noch fischen. Schmerzmittel nehmen, und fischen gehen. Man muss doch fischen. Sonst kann man nicht überleben."