Wegen der massenhaften sexuellen Übergriffe in der Neujahrsnacht in Köln erhebt die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker Vorwürfe gegen die Landesregierung und die damalige Polizeispitze. Im Untersuchungsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen sagte die parteilose Politikerin, weder Ministerpräsidentin Hannelore Kraft noch Innenminister Ralf Jäger (beide SPD) hätten sich bei ihr gemeldet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe sie im Unterschied zu Jäger am 5. Januar angerufen und sie nach einer Einschätzung gefragt. Bei dem Telefonat habe Reker der Kanzlerin gesagt, "dass viel zu wenig Polizeipräsenz da war und die Polizei die Situation einfach nicht in den Griff bekommen habe". Innenminister Jäger ist der oberste Dienstherr der Polizei von Nordrhein-Westfalen.

Jäger hatte im Mai vor dem Ausschuss ausgesagt. Dabei verwahrte er sich gegen Vorwürfe, er hätte früher über die Taten informiert sein können. Die Dimension der Raubdelikte und sexuellen Übergriffe sei in den ersten Tagen "weder der Polizei in Köln noch der Bundespolizei noch meinem Ministerium bekannt" gewesen.

Jäger hatte zudem Spekulationen zurückgewiesen, seine Behörde habe Polizeimeldungen manipuliert. Ein Kölner Kriminalkommissar hatte zuvor im Ausschuss ausgesagt, ein Beamter des Lagezentrums habe – angeblich auf Wunsch des Innenministeriums – den Begriff Vergewaltigung aus einer Meldung streichen lassen wollen.

Auch der damaligen Polizeispitze machte Reker schwere Vorwürfe. Polizeipräsident Wolfgang Albers habe öffentlich von ausreichend eingesetzten Einsatzkräften gesprochen und behauptet, dass es keinen rechtsfreien Raum gegeben habe. Der tatsächlichen Lage habe dies nicht entsprochen. Zudem habe er sie persönlich nur unzureichend informiert. Dass er in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde, sei "angemessen", sagte Reker.

Reker selbst war nach den Vorfällen mit der Empfehlung an Frauen, eine "Armlänge Abstand" zu halten, in die Kritik geraten. Die Politikerin, die im Oktober 2015 Opfer eines lebensgefährlichen Messerangriffs wurde, bedauerte die Aussagen später.

In der Silvesternacht waren rund um den Kölner Hauptbahnhof unter den Augen der Polizei mehrere Hundert Frauen Opfer sexueller Übergriffe geworden. Öffentlich bekannt wurden die Anzeigen jedoch erst mit tagelanger Verspätung. In einer Pressemitteilung vom Neujahrstag hatte die Kölner Polizei sogar fälschlicherweise von einem weitgehend friedlichen Verlauf der Silvesterfeiern an Dom und Hauptbahnhof berichtet.

Nach bisherigen Erkenntnissen wurden die Übergriffe überwiegend von Männergruppen aus dem nordafrikanischen Raum verübt. Die Vorkommnisse lösten eine bundesweite Debatte über den Umgang mit straffälligen Ausländern aus.