Seit ein junger Afghane am Montagabend in einem Regionalzug bei Würzburg mehrere Fahrgäste angriff, stehen sie im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses: minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Vielen gelten sie ohnehin als eine Gruppe, die für Kriminalität besonders anfällig erscheint. Die Tat des 17-jährigen Afghanen, der mehrere Menschen mit einer Axt teilweise lebensgefährlich verletzte, scheint diese Ängste nun zu bestätigen.

"Junge Flüchtlinge fallen immer wieder durch Gewalt und Straftaten auf", behauptet etwa der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU). Extremistische Salafisten suchten sich diese jungen Menschen ohne gefestigtes soziales Umfeld oftmals gezielt aus, um sie für ihre Zwecke zu missionieren, sagt er: Die Gewalttat in Würzburg zeige, dass eine intensive Betreuung notwendig sei.


Dabei ist gerade der Fall des jungen Afghanen kein Beispiel für ein Versagen der Behörden – zumindest nach dem was man bisher weiß. Der Mann war, ganz wie es dem deutschen Kinder- und Jugendhilferecht entspricht, zunächst in einer vollstationären Jugendwohngruppe des Kolping-Bildungswerks Mainfranken untergebracht. In dieser würden Jugendliche Tag und Nacht pädagogisch betreut, heißt es in einer Pressemitteilung des Landratsamts Würzburg von Ende vergangenen Jahres. Seit zwei Wochen lebte er bei einer Pflegefamilie. Er absolvierte gerade ein Praktikum und hatte einen Ausbildungsplatz in Aussicht. Dass der Mann, in dessen Wohnung man ein selbstgemaltes IS-Symbol fand, gewalttätig sein könnte oder sich radikalisiert hätte, war niemandem in seinem Umfeld aufgefallen.

Kein besonderes Radikalisierungsrisiko

Doch auch die Annahme, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonders häufig kriminell würden oder zur Radikalisierung neigten, wird von Experten nicht bestätigt. "Dass die jungen Flüchtlinge Krieg und Gewalt miterlebt haben, macht sie nicht gefährlich", sagt zum Beispiel Thomas Mücke im Interview mit ZEIT ONLINE. Mücke ist Pädagoge und Geschäftsführer des bundesweit tätigen Violence Prevention Network (VPN), deren Mitarbeiter radikalisierte Jugendliche und deren Familien betreuen. Mit Ausnahme jener Flüchtlinge, die gezielt eingeschleust worden seien, gebe es kein besonderes Radikalisierungsrisiko unter Flüchtlingen, betont Mücke.

Auch nach Ansicht von Maria Loheide, die bei der Diakonie Deutschland den Bereich Sozialpolitik leitet, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge besonders anfällig dafür seien, straffällig zu werden. Zahlen oder Studien, die das belegten, gebe es nicht, sagt sie. Eine Einschätzung, die auch Heilpädagogin Sabine Eichberg bestätigt, die seit sieben Jahren mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen arbeitet. Zumindest unter den von ihr betreuten Flüchtlingen habe sie in der ganzen Zeit keinen Fall gehabt, in dem jemand sich radikalisiert habe. Zwar gebe es Konflikte unter den Jugendlichen. Diese hätten dann in der Regel ethnische oder jugendtypische Gründe.

Natürlich seien die Jugendlichen in einer besonders schwierigen Situation, betont Loheide. Nicht nur, weil sie ohne ihre Verwandten und Freunde in einem völlig neuen Land ankommen müssen. Sondern auch, weil auf ihnen häufig ein besonderer Erfolgsdruck lastet. Manche wurden schließlich mit dem Auftrag losgeschickt, die Familien nachzuholen oder zumindest von Deutschland aus zum Leben der Familie im Heimatland beizutragen. Und natürlich sind viele durch ihre Erlebnisse auf der Flucht schwer traumatisiert.

Traumatische Erfahrungen

Eichberg kennt viele solcher Fluchtgeschichten. Die von dem jungen Mann aus dem westlichen Afrika etwa, dessen Eltern auf der Flucht starben und der dann vier Jahre lang in Libyen unter schwersten Bedingungen arbeiten musste, um so das Geld für die Fahrt über das Mittelmeer aufzubringen. Oder von einem anderen Jugendlichen aus Eritrea, der erlebte, wie auf der nächtlichen Fahrt durch die Wüste Menschen vom Lkw fielen, die dort einfach liegen gelassen wurden.

Auch das Landratsamt Würzburg gibt auf seiner Homepage Einblick in die tragischen Schicksale von einigen seiner Schützlinge. Dort ist die Rede von einem 15-Jährigen aus Nigeria, der die Enthauptung seiner Mutter miterlebt hat. Oder von dem 16-jährigen Somalier, der vor seiner Rekrutierung als Kindersoldat floh. Bis heute schläft er nur bei Licht, mit Kleidern und Schuhen an den Füßen, den gepackten Rucksack in Greifnähe.

Doch nicht bei allen ist die Traumatisierung spürbar. Viele Jugendliche verdrängten diese Erfahrungen erst mal, sagt Eichberg. Sie versuchten stattdessen vor allem, in der neuen Umgebung zurechtzukommen. Dabei sei ihnen durchaus bewusst, dass sie durch gute Integrationsleistungen ihre Chancen, in Deutschland zu bleiben, verbessern könnten. Viele seien deswegen besonders engagiert und fleißig. Frustration könne allerdings daraus entstehen, wenn Asylverfahren zu lange dauerten. Zwar werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bis zu ihrem 18. Geburtstag grundsätzlich nicht ausgewiesen. Dennoch wünschen natürlich auch sie sich Klarheit über ihre Situation.