Besonders wichtig seien für die Jugendlichen ein sicherer Rahmen, klare Tagesstrukturen und eine konstante Betreuungssituation, sagt Eichberg. Dies ist in Deutschland eigentlich auch so vorgesehen. Wenn alleinreisende Jugendliche unter 18 Jahren in die Bundesrepublik kommen, werden sie von den Jugendämtern in Obhut genommen. Diese organisieren dann die Unterbringung in einer Einrichtung der Jugendhilfe, also entweder einem Heim oder einer betreuten Wohngemeinschaft. Die Jugendlichen erhalten dort nicht nur pädagogische Betreuung, sondern auch psychologische Hilfe, wenn sie diese brauchen. "Die Landkreise bieten den Jugendlichen viel Unterstützung an, etwa Traumatherapien", betonte auch der Deutsche Landkreistag am Dienstag.

Doch was in der Theorie gut funktioniert, klappt in der Praxis viel zu oft nicht. Zumal der Zuzug von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im vergangenen Jahr stark angestiegen ist. Rund 60.000 von ihnen sind derzeit in Deutschland registriert, 25.000 bis 35.000 von ihnen kamen Schätzungen zufolge allein im vergangenen Jahr. In den letzten Monaten seien die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge keineswegs überall angemessen untergebracht und betreut worden, sagt Diakonie-Vorstandsmitglied Loheide. Mitunter seien die Kommunen einfach überfordert gewesen. Dann seien auch minderjährige Flüchtlinge einfach in Hostels eingewiesen worden, wo sich niemand weiter um sie gekümmert habe. Von psychologischer Betreuung gar nicht zu reden.

Warten auf den Vormund

Auch dauere es häufig viel zu lange bis endlich ein Vormund bestellt werden könne, weil die Jugendämter mit dieser Aufgabe nicht hinterherkämen. Der Vormund ist für die Jugendlichen aber von zentraler Bedeutung. Er ist nicht nur dafür zuständig, den Asylantrag zu stellen. Er kümmert sich auch um die Suche nach Familienangehörigen und beantragt deren Nachzug. Eine Traumatherapie zu bekommen ist laut dem Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Jugendliche (BumF) ohne Vormund ebenfalls schwierig, in einigen Gegenden sei selbst der Schulbesuch ohne Vormund nicht sichergestellt.

Der BumF fordert deswegen genau wie die Diakonie, dass die Standards in der Jugendhilfe, anders als dies beispielsweise von Bayern gefordert werde, keinesfalls weiter abgesenkt werden dürften. Im Freistaat, wo die Jugendhilfe bisher sehr gut gewesen sei, sei dies im Zuge der Flüchtlingskrise bereits geschehen, kritisiert Ulrike Schwarz, Referentin beim BumF. Für Schwarz steht fest: Nur wenn bei den zentralen Leistungen für unbegleitete Minderjährige nicht gekürzt werde, könne Integration gelingen und die Beeinflussung der Kinder durch Menschen, die ihnen in unterschiedlichster Weise nicht gut täten, verhindert werden.

In der Diskussion höre man immer wieder das Argument, die jugendlichen Flüchtlinge bräuchten die intensive Betreuung durch die Jugendhilfe doch gar nicht, sagt Loheide. Die kämen auch so zurecht. Auch wenn der afghanische Täter aus Würzburg kein Beispiel für staatliche Vernachlässig ist: Das zumindest dürfte in Zukunft wohl keiner so schnell mehr sagen.