Es ist kurz nach 18 Uhr, ein lauer Freitagabend in der Stadt, die sich selbst ihres italienischen Lebensgefühls rühmt. Aus den Büros strömen die Menschen, in den Straßencafés leuchtet das Rot des Aperols, vor den Eisdielen drängen die Menschen.

Dann kommen die ersten Eilmeldungen auf die Handybildschirme. "Schießerei im Olympia Einkaufszentrum (OEZ)." Kolonnen von Polizeifahrzeugen jaulen durch die Straßen. In den Restaurants bestellen die ersten Gäste die Rechnung.

Die meisten aber wenden sich zu diesem Zeitpunkt erst mal weiter ihrem Hauptgang zu. Erst als die Telefone nicht mehr stillstehen, Verwandte anrufen und die Polizei die Bürger in Sicherheit bittet, beschleunigen wie auf Kommando die Münchner ihren Schritt. Auf Gehwegen wird nicht mehr flaniert, es wird gestolpert, weil kaum einer den Blick von seinem Telefon hebt. Meldungen machen die Runde, der oder die Angreifer haben in der Fußgängerzone zugeschlagen. Irgendwo knallt eine Autotüre, schon suchen panische Blicke nach dem Schützen.

München - Wie ein Augenzeuge den Polizeieinsatz am Einkaufszentrum erlebte Die Lage am Olympia-Einkaufszentrum in München ist unübersichtlich gewesen. Ein Augenzeuge dokumentierte, wie er die Lage erlebte.

"Stehendes Ziel ist leichter zu treffen"

Und als dann auch noch Busse, U- und S-Bahnen stillstehen, wirkt der Münchner, der sonst auf wirklich alles eine freche Antwort hat, zum ersten Mal verloren. Wo soll ich hin? Wie komme ich jetzt nachhause? Diese Fragen kreisen an den Haltestellen. Plötzlich steht niemand mehr. Alles ist irgendwie in Bewegung.

Kurz vor 19 Uhr: Am Königsplatz, im Zentrum, brechen Freiwillige der Stadt den Aufbau eines beliebten Open-Air-Musik-Festivals ab. Weil sie nicht wegkommen, steuern sie zu Fuß ins nahegelegene Uni-Viertel: "Die Bars, in denen man sonst keinen Sitzplatz mehr findet, waren an einem Freitagabend noch nie so leer", berichtet Philipp, einer der Helfer. Wo sonst das Bier fließt und die Stimmen schwirren, herrscht jetzt Stille. Der Wirt schenkt noch aus. Aber keinem ist nach Trinken. Um 23 Uhr wird die letzte Runde gezapft.

Gegen 22 Uhr kommen am Ostbahnhof noch sporadisch Züge aus dem Umland an, der Hauptbahnhof ist da längst gesperrt. In der Halle nehmen Spezialeinheiten der Polizei die verängstigten Passagiere in Empfang. Auf die Frage, wo sie jetzt hin sollen, antwortet ein Polizist, das sicherste sei es, nicht hier zu bleiben. Soll heißen: fernhalten von wichtigen Verkehrspunkten und Menschenansammlungen. Überhaupt sei es besser, sich zu bewegen: "Ein stehendes Ziel ist leichter zu treffen."  Viele trauen sich nicht nach draußen und bleiben erst mal im stickigen Untergeschoss auf dem Boden sitzen.