Wenn der Ausnahmezustand eintritt, fällt es schwer, noch mit normalen Maßstäben zu messen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die einen jetzt geradezu frenetisch die Münchener Polizei feiern, besonders ihren Pressesprecher und dessen Kommunikationsstrategie während der Nacht. Während sich die anderen lautstark beklagen, die Polizei habe mit der nahezu hermetischen Abriegelung des gesamten Stadtgebiets völlig überzogen reagiert, sei außerdem viel zu lange von mehreren Tätern ausgegangen und habe damit bloß Panik geschürt. Es gibt – wie immer in solchen Fällen – kein Richtig und kein Falsch, aber Fakt ist: Die Polizei war tatsächlich die große Ausnahmeerscheinung der gestrigen Nacht. Weil sie Dinge tat, die ihr viele so nicht zugetraut hätten. Vor allem aber, weil sie in regelmäßigen Abständen offen und ehrlich begründete, warum sie bestimmte Maßnahmen ergriff. Und das nicht zum ersten Mal.

Die heikelsten Fragen, denen sich die Einsatzkräfte an diesem Mittag nach dem Amoklauf im überhitzten und überfüllten Medienzentrum des Polizeipräsidiums stellen müssen, sind: Warum ging die Polizei über Stunden von mehreren flüchtigen Tätern aus, wo es doch mehrere Überwachungskameras im Einkaufszentrum gab und letztlich nur ein 18-Jähriger als Einzeltäter die Tat beging? Und warum brachten die Verantwortlichen gleich den gesamten Stadtverkehr inklusive sämtlicher Busse, Bahnen und Taxen über Stunden zum Stehen, obwohl sich das Geschehen auf das Einkaufszentrum beschränkte? Auf diese Fragen hätten viele Journalisten am Tag danach gerne Antworten. Und die bekommen sie auch: ganz einfache und ganz klare.

Wenn man so will, dann war es die übergroße Mithilfe der Bevölkerung, die zu den drastischen Maßnahmen führte. Denn sie signalisierte den Einsatzkräften, dass hier vermutlich ein größerer, vielleicht sogar ein verheerender Angriff stattfinde. Nachdem um kurz vor sechs Uhr abends die ersten Notrufe eingegangen waren, die von Schüssen aus dem Olympia-Einkaufszentrum berichteten, verbreitete sich diese Nachricht rasend schnell über soziale Medien. Danach standen die Telefone bei der Polizei nicht mehr still: "Wir haben viele Hinwiese aus dem gesamten Stadtgebiet erhalten, dass immer wieder geschossen wurde", sagt Polizeipräsident Hubertus Andrä, "das war der Grund, weswegen wir beschlossen haben, den gesamten öffentlichen Personennahverkehr bis Pasing stillzulegen."

Von Schüssen am belebten Verkehrsknotenpunkt Stachus war die Rede, vom Marienplatz ebenfalls, der das Herz der Fußgängerzone bildet. Selbst Reporter der Abendzeitung meldeten in der Nacht, sie hätten Schüsse rund um ihr Verlagsgebäude gehört und alarmierten die Polizei. Ursache dafür war im letzten Fall lediglich eine Punkparty, die etwas lauter ausgefallen war. "Gott sei Dank hat sich keiner der Hinweise als wahr herausgestellt", kommentiert Andrä das – völlig sachlich, aber ehrlich erleichtert, das merkt man ihm an.

Wenn man sich vorstellen möchte, was vergangene Nacht bei der Polizei los war, muss man sich nur folgende Zahlen vergegenwärtigen: 4.310 Notrufe gingen bei ihr ein, allein in den sechs Stunden zwischen 18 und 24 Uhr. So viele, wie sonst in vier Tagen bearbeitet werden müssen, also in 96 Stunden. Außerdem gingen über eine Webseite mit Medien-Upload weitere 14.000 Videos und Hinweise zur Tat bei ihr ein, die sie nun auswerten muss. Bei all dem gewährte das Polizeipräsidium in der Nacht sogar noch 100 verängstigten Bürgern Unterschlupf, die lieber in sicheren Räumen bleiben wollten.

Es waren unendlich viele "Fake-Meldungen" unter den Notrufen, so nennen es die Berichterstatter. Die Polizei möchte sie nicht so bezeichnen, sie sagt stattdessen: "Es waren Bevölkerungsängste, die wir ernst genommen haben. Es waren ja in dem Sinne keine Fakes. Leute haben merkwürdige Verhaltensweisen an anderen beobachtet. Dann hat jemand angefangen zu schreien, und das setzte sich als Welle fort. Solche Meldungen abzutun und die Leute wegzuschicken, ist nicht hilfreich." Denn was wäre gewesen, wenn die Meldungen der Wirklichkeit entsprochen hätten? Wenn tatsächlich an mehreren Stellen bewaffnete Täter unterwegs gewesen wären? Es sei darum gegangen, "erst einmal die Gefahr für 1,6 Millionen Menschen zu minimieren".

Und warum sei man von einem Terroranschlag ausgegangen und habe dadurch zusätzlich Panik geschürt? Auch dafür hat die Polizei ein überzeugendes Argument: "Wenn Sie die Erstmeldung erhalten, dass jemand in einem gut besuchten Einkaufszentrum schießt und es Tote gegeben hat, dann gehen wir automatisch von der höchsten Gefahrenstufe aus. Alles andere ist unprofessionell", findet Andrä, "die Zeit, die Sie sonst verlieren, wenn Sie sagen: Jetzt warten wir erst einmal, wie schlimm es wirklich ist, die holen Sie nie wieder auf."

Wirklich gesprochen hat die Behörde übrigens über den Terrorverdacht nicht. In ihren Meldungen, die sie über den Nachrichtendienst Twitter veröffentlichte, steht ebenfalls kein Wort davon. "Wir haben nur getwittert, was wir mit Sicherheit wussten", sagt Pressesprecher Marcus da Gloria Martins, "aber Sie brauchen sich keine Illusionen zu machen: Wenn Sie twittern, dass es eine Schießerei im OEZ gegeben habe, dann wird automatisch von Terror gesprochen. Nach all dem, was in den vergangenen Wochen alles passiert ist."

Seit gestern Abend ist Pressesprecher Marcus da Gloria Martins für viele so etwas wie ein Held. Fans haben sogar eine Facebook-Seite für ihn angelegt, die inzwischen über 27.000 Nutzer gelikt haben. Viele sagen jetzt über ihn, er sei "das sympathische und gut aussehende Gesicht der Münchener Polizei". Er selbst quittiert das nur mit einem "oh", und die Sache mit der Facebook-Seite ist ihm etwas unangenehm, sagt er: "Weil es hier nicht um meine Person geht. Es geht um mein Team, und das hat viele Köpfe." Und man glaubt ihm das. Allein vier bis fünf Mitarbeiter haben gestern mit ihm getwittert. In mehreren Sprachen. All das, was die Polizei sicher wusste.

Wie Marcus da Gloria Martins zum Polizei-Star wurde? Weil er in mehreren Interviews und Pressekonferenzen so ruhig und sachlich informierte. Weil er selbst die unglaublichsten "Können Sie sagen, ob ..."-Fragen  gelassen parierte: "Ja, das kann ich sagen, will ich aber nicht." Weil er bei unzulässigen Fragen klare Grenzen markierte: "Hätte ich jetzt eine gelbe Karte, würde ich sie jetzt hochhalten." Und weil er in all dem Chaos sogar einen Rest Humor bewahrt. Auf die Frage, wie viele Sprachen er selbst spreche, antwortet er: "Ich spreche Deutsch, Rheinisch in Wort und Schrift und Bayerisch, aber das ist nicht für die Öffentlichkeit tauglich." Detaillierte Fragen zu sich selbst beantwortet er mit: "Ich habe das Recht, die Antwort zu verweigern und möchte davon Gebrauch machen."

Der 43-Jährige ist erst seit einem Jahr Sprecher der Polizei in München, er kommt aus Köln, hat dort als Polizist angefangen und war später Kommissar. Er war im Rauschgiftdezernat und Zivilfahnder, war bei der Verkehrspolizei und hätte sich nie träumen lassen, in der Öffentlichkeitsarbeit zu landen, sagt er selbst. Spätestens seit er in München ist, gilt bei der bayerischen Polizei die Philosophie: "Wir kommunizieren mit der Bevölkerung, schnell, offen und transparent. Wir wollen als Stimme wahrgenommen werden, die nicht viele Informationen herausgibt, aber dafür wasserdichte", so sagt da Gloria Martins. Natürlich ist die Medienstrategie nicht nur sein Verdienst und nicht nur die Münchener Polizei, sondern auch das Landeskriminalamt und die Polizei Oberbayern Süd unterstützen diese Informationspolitik, das hat man in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gemerkt.

Drei mediale Großeinsätze hat die bayerische Polizei nämlich zuletzt erlebt und alle drei hat sie bravourös gemeistert: Die Ankunft der Flüchtlingsströme am Hauptbahnhof begleitete sie per Twitter und koordinierte so die vielen freiwilligen Helfer, die spontan zum Bahnhof fuhren, um mit anzupacken. Schon damals wurde sie selbst zum "Freund und Helfer" in der Flüchtlingskrise. Der Amoklauf von Grafing vor ein paar Wochen, war ebenfalls ein Beispiel dafür, wie man Informationen gezielt, möglichst schnell, aber unaufgeregt an die Bevölkerung bringt. Zuerst war von einem politisch motivierten Angriff auszugehen, doch die Erkenntnisse zu den psychischen Problemen des Täters drehten sich schnell. Und jetzt der mutmaßliche Amoklauf im OEZ, über den die Polizei maximal schnell und größtmöglich ehrlich Informationen veröffentlichte.

Man kann nur hoffen, dass solche Ereignisse tatsächlich Ausnahmesituationen bleiben. Die Polizei jedenfalls würde sich eines wünschen: Dass die Bevölkerung zwar wachsam bleibt und ihr über die sozialen Kanäle bei der Arbeit hilft. Aber dass sie "nicht unmöglich viel Unfug in Umlauf bringt" und auch "nicht alles skandalisiert, denn das ist der Treibstoff, den Angst braucht".