Bindestrich-Identitäten – Seite 1

Ein Mensch tötet und nichts ist klar. Wir stellen Fragen, um das Chaos zu ordnen und die Hilflosigkeit ein wenig zu zähmen, was geschieht da überhaupt und warum und wie kann das alles überhaupt sein? Als in München ein junger Mann neun Menschen erschoss, war aber die brennendste Frage: War's ein Ausländer? Ein Flüchtling gar?

Wer die Antwort wusste, bevor irgendetwas bekannt war, der ließ sich von Fakten nicht mehr beirren. Als die Nachricht die Runde machte, dass der Täter Ali S., der sich David nannte, iranische Eltern hatte, da war aus dem Deutsch-Iraner längst ein deutsch-IRANER geworden, ein Ausländer. Ein Ali eben und kein David. Dass dieser Ali womöglich aus rechtsextremen Motiven gehandelt haben könnte, obwohl er ausländische Eltern hat, das lag ebenso jenseits ihrer Vorstellung wie die Möglichkeit, dass ein psychisch Kranker der Täter war und kein Islamist.

Der Verweis auf iranische Eltern war irreführend

Polnische Nationalisten und tschechische Präsidentensprecher, rechte CDUler und die üblichen AfDler hetzten, dass die Deutschen nun die Rechnung für Merkels Flüchtlingspolitik zahlten. Greifbar war förmlich die Erleichterung, dass die Täter in Würzburg, Reutlingen oder Ansbach echte Flüchtlinge waren und keine Bindestrich-Ausländer, die sich als Deutsche tarnen. Selbst der Grünen-Politiker Boris Palmer stellte die Frage, was das alles zu bedeuten habe und nannte in einem Atemzug den Flüchtling, der im Namen des IS in Würzburg tötete, den Syrer, der eine Bekannte umbringt, und den Münchener Täter.

Ziffer 12 des Pressekodex hält fest: "In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht." Der Paragraf klingt, als stamme er aus einer unschuldigen, längst vergangenen Zeit. Heute gehört die Herkunft zu den ersten Merkmalen, die abgefragt werden, um einen Täter zu charakterisieren. Doch es hatte keine Bedeutung für seine Tat, dass Ali David S. iranische Eltern hatte. Er fand offenbar die AfD gut und schien sich vom Rassenwahn des Norwegers Anders Behring Breivik angezogen zu fühlen, der vor fünf Jahren 77 Menschen tötete. Er hasste Menschen. Der Verweis auf die ausländischen Eltern war eher irreführend als hilfreich.

Es ist folgerichtig, über die Herkunft zu berichten, an der oft die Religion dranhängt, wenn diese zur Tatmotivation dient, das sieht der Pressekodex auch vor. Die Angriffe auf Frauen in Köln waren so ein Fall. Aber mittlerweile vermischt sich die Abwehr der Flüchtlingspolitik mit der Abwehr der deutschen Gesellschaft, wie sie heute existiert: frühere Gastarbeiter, deren Kinder heute als Redakteure und Politiker arbeiten, junge Eltern, die ihre Kinder zwei- oder dreisprachig erziehen, Nationalspieler, die nicht alle die deutsche Hymne singen wollen, Straftäter, deren Eltern Libanesen sind und Karrieristen, deren Eltern Palästinenser sind. Über die Flüchtlingspolitik kann verhandelt werden, über die deutsche Einwanderungsgesellschaft in ihrer Heterogenität aber nicht. Deutschsein bedeutet heute anderes als noch vor 60 Jahren. Unter anderem bedeutet es, dass auch ein Kind von Iranern ein Rassist sein kann.

Wenn Journalisten heute die Herkunft nicht nennen, gilt das als Zensur. Der Pressesprecher des tschechischen Präsidenten schrieb am Abend der Morde in München von den Journalisten des "Reichs", die die Menschen einlullen wollen. Für ihn schien klar zu sein, dass ein Islamist neun junge Menschen erschossen hat, wie könnte es anders sein. Die AfD tickt ebenso und einige Mitglieder anderer Parteien stimmen ein. Einige Medien kapitulieren. Die Sächsische Zeitung erklärt, dass sie den Pressekodex missachten und fortan die Nationalität bei Straftaten angeben wird, deutsche ebenso wie ausländische.

Das ist für sie heutzutage selbstverständlich, dachte ich

2012 habe ich zusammen mit zwei Kolleginnen ein Buch geschrieben. Wir neuen Deutschen heißt es. Wir wollten zeigen, was es bedeutet, als zweite Generation in Deutschland zu leben, als deutsche Erwachsene, die Kinder von Ausländern sind. Ich war die einzige von uns dreien, die nicht in Deutschland geboren wurde, aber nie nach meiner Herkunft gefragt wurde. Ich wurde in Polen geboren, ich habe helle Haut und helle Augen, mein Name klingt deutsch, ein Teil meiner Familie ist deutsch. Ich war perfekt assimiliert, bis mir die Assimilation als ein zu hoher Preis erschien für meinen Platz in dieser Gesellschaft. Ich holte meine Bindestrich-Identität hervor. Wir gingen auf Lesereise. Ein, zwei Jahre vergingen. In Diskussionen mit den Lesern kam es mir manchmal so vor, als hätten wir dieses Buch vor Jahrzehnten geschrieben. Als seien die großen Schlachten um Identitätsfragen längst geschlagen, darum, wer deutsch ist und wer nicht und wie flirrend und widersprüchlich Identitäten sein können. Ich war mir sicher: Das Land ist längst weiter, die nachkommende Generation hat ganz andere Sorgen als Diskussionen über Bindestrich-Identitäten und Migrationshintergründe. Das ist für sie heutzutage alles selbstverständlich, dachte ich.

Wir wissen nur, wer wir auf keinen Fall sein wollen

Wie falsch ich lag. Es fängt erst an. In einer Atmosphäre der Panik, in der die Angst und Sorge zur Bürgerpflicht erhöht wird, dient die Identität wieder der Abgrenzung. Als könnte ein einziges Charakteristikum ein Problem lokalisieren, das dann nur noch beseitigt werden muss. Als könnte man sich so seiner selbst vergewissern. Nie habe ich das Wort "Wir" so häufig gelesen wie in den vergangenen Monaten. Wir, der Westen. Wir, im Kampf gegen den IS. Wir, die Deutschen. Wir wissen nicht, wer wir sind. Aber wir wissen, wer wir auf keinen Fall sein wollen.

Ein Mensch tötet. Ein Rentner beobachtet das Geschehen von seinem Balkon aus und findet den Mut, dem Täter etwas zu zurufen. Es entspinnt sich ein erschütternd irrer Wortwechsel. "Wichser, Arschloch, Scheiß-Kanake", das fällt dem Rentner wirklich als Erstes ein, als er einen bewaffneten jungen Mann mit dunklem Haar wüten sieht. Und der Täter antwortet, natürlich akzentfrei, wie auch sonst: "Ich bin Deutscher! Ich bin in Deutschland geboren worden!" Dann schießt er weiter.

Die letzte Diskussion seines Lebens führte Ali David S. darüber, wer er war. Ein deutsches Kind mit ausländischem Namen tötete Teenager, von denen die meisten Nachnamen trugen wie Sulaj, Dag und Leyla. Kinder von Ausländern, die eine deutsche Zukunft vor sich hatten. Ali David S. nahm sie ihnen.

Das alles gehört zu Deutschland im bisher reichlich beschissenen Jahr 2016.