Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Verehrte Leser, was ist eine menschenverachtende, zutiefst zynische, rechtszerstörende, gewaltbefürwortende, abstoßende und ekelhafte Argumentation? Ja, genau – die Meinungsäußerung oder Handlungsweise eines anderen Menschen damit zu "erklären", dass die Person einem bestimmten Geschlecht angehört.

Beispielsweise ist es eine menschenverachtende Herabwürdigung der personalen Würde, wenn jemand äußert, gewisse Verhaltensweisen eines portugiesischen Fußballspielers seien "hormongesteuert". Fast schon verfassungswidrig ist es auch zu behaupten, Redakteure gewisser Magazine für Männerspaß dächten eher mit dem Unterleib als mit dem Gehirn. Eine Menschenrechtsverletzung ersten Ranges schließlich ist der Hinweis, in der Diskussion über das Sexualstrafrecht würden von manchen Personen gelegentlich Argumente allein deshalb vertreten, weil sie Männer sind.

All das würden Feministinnen – also die Guten (!) unter uns – niemals tun. Keiner Journalist_In würde es je einfallen zu schreiben, irgendein Schmierencasanova sei "testosterongesteuert". Und – Sie werden es nicht glauben, liebe Leser – noch nie hat zum Beispiel eine Journalistin das Tun, Lassen oder Äußern von Herrn Dieter Bohlen oder von Herrn Gerhard Schröder schon einmal mit "Hormonen" in Verbindung gebracht! Das wäre doch sexistisch!

Und es gibt noch schlimmere Verbrechen des Kolumnistentums. Zum Beispiel frech zu behaupten, die berufliche Tätigkeit eines Baustellen-Klo-Aufstellers bestehe darin, fremde Fäkalien einzusammeln und zu entsorgen. Oder zu behaupten, die Berufstätigkeit einer Prostituierten bestehe darin, gegen Entgelt fremde Geschlechtsteile in sich eindringen zu lassen. Die allerschlimmste Menschenverachtung aber ist es zu sagen, die Berufstätigkeit einer Person bestehe überwiegend darin, ihre künstlich stark vergrößerten sekundären Geschlechtsmerkmale vorzuzeigen und fotografieren zu lassen. Dies ist dem Model Lohfink, nach zahllosen Detailbeschreibungen in der Lohfink-Presse, nun auch in dieser Kolumne widerfahren. Die Betroffenheit der Menschenfreundinnen ist unermesslich.

Der Kolumnist freilich hat niemals das Geringste gegen Klo-Aufsteller, Prostituierte oder Busenwunder gehabt oder geäußert. Er meint, dass es darunter etwa genauso viele gute und auch schlechte Menschen gibt wie unter Redakteuren oder Richtern. Nicht die Brustvorzeigerin ist pervers, sondern die Gesellschaft, die sie dazu macht (in memoriam Rosa von Praunheim). Nicht das Einkommen der Brustvorzeigerin ist verächtlich, sondern die moralinverseucht-spießige Widersprüchlichkeit von Geilheit und Verachtung, die unsere Gesellschaft – Männer wie Frauen – pflegt und die solch schöne Berufe hervorbringt.

Im konkreten Zusammenhang ging es (wie 95 Prozent der Leser auch zutreffend erkannt haben), sogar um noch viel weniger: nämlich um die alberne Angewohnheit vieler Medien, Geldstrafen immer als Summe anzugeben, obwohl – oder weil – das gar nichts aussagt; weil man mit der bloßen Summe eben Neid oder Empörung erzeugen kann bei Lesern oder Zuschauern, die das nicht verstehen.

Jedoch: Wenn sie mal kocht, die Seele, dann kocht sie halt. Dann muss es raus. Dann kennen der und die Deutsche kein Pardon. Allein die Tatsache, dass der Kolumnist der sogenannten Reform des Sexualstrafrechts sich entgegenstemmt, kann von den Gläubigen nur als ultimative Unverschämtheit wahrgenommen werden, nicht mehr erklärbar mit Argumenten, sondern nur noch mit Feindschaft, Ignoranz, bösem Willen.

Im Folgenden stelle ich Ihnen einige ausgewählte Stimmen aus den Veröffentlichungen und aus Leserbrief-Zusendungen vor, die jenseits des Kommentar-Forums bei der Redaktion eingegangen sind, und füge ein paar kleine Anmerkungen hinzu. Die Leserbriefe sind gekürzt, aber nicht sachlich entstellt.

Sehr geehrte Zeit!

Was BGH-Richter Thomas Fischer in seiner Zeit-Kolumne gegen die geplante Reform des Sexualstrafrechts herumschwadroniert, ist platter, reaktionärer, unverhohlener Antifeminismus. Die sehr wohl bestehenden Probleme des aktuell geltenden Strafrechts mit sexueller Gewalt und Missachtung der sexuellen Selbstbestimmung der Frau sind diesem "Herren der alten Schule" erkennbar unbekannt. … Das alles ist zudem gepaart mit einem zwischen den Zeilen aufglimmenden Hass auf jene neuen Frauen, vor deren Aufstieg in Führungspositionen sich dieser Alte ganz offenkundig fürchtet. (…) Bedenklich, dass solche Männer als Vorsitzende an einem höchsten Bundesgericht noch eine ganze Weile werden Recht sprechen dürfen. (…)

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. S.R., Hamburg

Frau R. (Jahrgang 1949, also vier Jahre älter als der Kolumnist) meint das Wort "alt" ersichtlich im Sinne Dick Cheneys (vgl. "altes Europa", im Gegensatz zum drohnenkrieggeilen "jungen Amerika"). Das ist also etwas sehr Schlechtes. Jedenfalls bei Männern. Alte Frauen sind entweder Opfer der Umstände oder trotz allem unglaublich jung.

Das Schlimmste überhaupt sind alte weiße Männer: der Feind der Feinde, die verachtungswürdigste unter allen Kreaturen des Schreckens, die der Absolventin eines Studiums der Angewandten Kulturwissenschaften begegnen. Der Begriff stammt direkt aus dem amerikanischen Soziologen-Jargon, seine Verwendung verleiht der Sprecherin also per se den Adel der Hochqualifikation, selbst wenn sie eine 22 Jahre alte Studentin aus Passau ist und junge schwarze, mittelalte gelbe oder uralte braune Männer nur aus dem Fernsehen kennt. Keine Angst: Der Kolumnist weiß, dass wir über die Farben der Seele sprechen, nicht über die der Geschlechtsteile.

Im Missy Magazine, dem "feministischen Magazin für Popkultur, Politik und Style, Transfamilien, Sexarbeit, Mösendampfbäder, Bike Polo, Fat Acceptance, Computerspiele, Vereinbarkeit, Asyl und Alltag, The Knife, Anal Plugs, Katzen und Männer, Menstruation in Horrorfilmen", äußerte Frau Dr. Ulrike Lembke, wissenschaftliche Assistentin aus Greifswald mit den beiden Veröffentlichungsthemen Sexualität und Raumnutzungsmanagement, folgenden herrlichen Text:

Bundesrichter Fischer pöbelt gegen die Reform des Sexualstrafrechts.

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Fischer, ich bin gebeten worden, auf Ihre letzte "Kolumne" zu antworten, und zwar in so einer Art Gegenprogramm mit möglichst vielen Daten, Fakten und meines Wissens zutreffenden Behauptungen. Ich könnte also schreiben, dass in Bezug auf sexualisierte Gewalt in Deutschland nichts sinkt außer der Verurteilungsquote und dem Niveau einer gewissen Zeit-Kolumne, (…) dass Ihre Darstellung der Rechtslage ein bisschen unvollständig ist, weil zufällig die Normen fehlen, nach denen die von Ihnen beschriebenen Konstellationen strafbar sein sollen, und ich könnte ein paar Ausführungen zu Rechtsgutspyramiden, Sachverständigengutachten und Bundestagsanhörungen machen. Aber ehrlich: Wer will das lesen?

Dr. jur. Ulrike Lembke

Gute Frage! Die Rechtswissenschaftlerin Lembke beschränkt sich daher aufs – wie sie es ausdrückt – "Plaudern". Das ist gut so, denn schon die bloße Drohung mit einem Vortrag über "Rechtsgutspyramiden" treibt dem Strafrechtler den Angstschweiß auf die Stirn. Gerade noch mal gut gegangen!

Die nächste Leserin beschwert sich darüber, dass der Kolumnist "Namen unterschlägt". Gleichzeitig regt sie an, den Kolumnisten durch einen besseren zu ersetzen, zum Beispiel durch sie selbst.

Sehr geehrte Redaktion,

Am 22.6. hat der Kolumnist die Grenze des Erträglichen überschritten, indem er mehrere Teilnehmerinnen der Bundestagsanhörung zu Sexualstrafrecht persönlich beleidigt und diffamiert hat. (…) Es spricht auch Bände, dass der Kolumnist eine Universitätsprofessorin zwar beschreibt, aber ihren Namen unterschlägt. Ich werde die Kolumne in Zukunft nicht mehr lesen (…) Einige von uns können auch ganz gut schreiben.

Mit freundlichen Grüßen,

Prof. Dr. M.W., Fachhochschule Dortmund

Wer "uns" ist, erfährt man von der FH-Professorin für "rechtliche Grundlagen der sozialen Arbeit" nicht. Irgendeine strafrechtliche Spur hat sie in der Wissenschaft bislang nicht hinterlassen. Ihre Klage steht in krassem Gegensatz zu anderen Beschwerden, die mir gerade umgekehrt vorwerfen, Namen genannt zu haben. Im Übrigen: Nichts liegt mir ferner als den Namen von Frau Prof. Tatjana Hörnle aus Berlin zu "unterschlagen". Sie ist eine herausragende Wissenschaftlerin, die ich seit Langem kenne und schätze und mit deren Rechtsmeinungen ich in vielen Bereichen ganz übereinstimme. Der des Sexualstrafrechts gehört nicht dazu.