Fünf Tage nach der Ermordung eines katholischen Priesters durch zwei Islamisten in einer Kirche in Nordfrankreich haben knapp 2.000 Menschen an einer Gedenkmesse in der Kathedrale von Rouen teilgenommen. Darunter waren rund hundert Muslime. Sie folgten dem Aufruf des Französischen Rats der Muslime, aus "Solidarität und Mitgefühl" zu dem Trauergottesdienst für den 85-jährigen Pfarrer zu kommen.

"Wir begrüßen heute Morgen besonders unsere muslimischen Freunde", sagte der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun, der den Gottesdienst in der vollbesetzten Kathedrale leitete. Er danke ihnen "im Namen aller Christen". Mit ihrer Teilnahme bekräftigten die Muslime, dass sie Gewalt im Namen Gottes ablehnten. Vor Journalisten nannte Lebrun die Teilnahme der Muslime eine "mutige Geste".

Am Eingang der Kathedrale sicherten Soldaten und Polizisten die Ankunft der Gottesdienstteilnehmer. Bereits am Samstag hatte es Gedenkfeiern für den Priester gegeben. In einer Kirche von Saint-Étienne-de-Rouvray, wo der Anschlag geschehen war, nahmen ebenfalls Christen und Muslime an einer Trauerfeier teil. Auch in Bordeaux versammelten sich 400 Menschen in einer Kirche.

In Lyon beteiligten sich Hunderte Menschen an einem "Marsch der Brüderlichkeit". Auf Spruchbändern war zu lesen: "Das ist kein Krieg der Religionen" oder "Wir sind alle Brüder und Schwestern". "Ich bin stolz, das zu tun", sagte eine muslimische Frau dem Sender France Info beim Besuch einer Messe in der Basilika des Pariser Vororts Saint-Denis. "Ich möchte meinen Schmerz und meine Solidarität mit den Katholiken Frankreichs und einem ganzen Volk zeigen."

Aufruf muslimischer Persönlichkeiten "gegen den radikalen Islamismus"

Politiker hatten nach dem Mord in der Kirche die verschiedenen Religionsgemeinden aufgerufen, sich nicht von der Gewalttat spalten zu lassen. Denn dies würde nur den Mördern in die Hände spielen. Zwei in Frankreich geborene junge Männer hatten am Dienstag einen Gottesdienst in Saint-Étienne-du-Rouvray gestürmt, dem Priester die Kehle durchgeschnitten und einen Gottesdienstbesucher schwer verletzt. Beim Polizeieinsatz wurden die beiden Attentäter erschossen.

Die muslimische Gemeinde von Saint-Étienne-du-Rouvray will einen der Attentäter, Adel K., nicht in ihrem Ort beerdigen. "Wir werden den Islam nicht mit dieser Person beschmutzen", sagte der Verantwortliche der örtlichen Moschee, Mohammed Karabila. "Wir werden uns weder an der Totenwäsche noch an der Beisetzung beteiligen." Über eine mögliche Beerdigung müsste laut der Nachrichtenagentur AFP letztlich das Rathaus entscheiden. Der 19-jährige Adel K. hatte anders als sein Komplize in dem kleinen Ort bei Rouen gelebt.

In Frankreich wird unterdessen auch über eine Reform der islamischen Institutionen diskutiert. Um die 40 muslimische Persönlichkeiten riefen in der Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche dazu auf, "gegen den radikalen Islamismus" zu handeln. Sie seien besorgt über die Machtlosigkeit der derzeitigen Organisation des Islams, heißt es in dem Text. Premierminister Manuel Valls sprach sich für einen neuen "Pakt mit dem Islam" aus und forderte ein massives Engagement der Muslime im Kampf gegen die Radikalisierung.