Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Sehr geehrte Leser!

Und ganz besonders: Sehr verehrte Senioren, liebe Jugend!

Wissen Sie, was "Fahrerflucht" ist? Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie jetzt mit "ja" antworten, ist extrem hoch, denn dieses Delikt kennen die allermeisten Menschen – oder glauben es jedenfalls. Dass "Fahrerflucht" bestraft wird und zu bestrafen sei, dürfte eine der gesichertsten "herrschenden Meinungen" sein, die wir im Strafrecht haben: Eher noch leuchtet dem Deutschen die Flucht nach einem Mord oder Bankraub als menschlich ein als die nach einer Ordnungswidrigkeit mit Lackschaden. In Neapel ist das, wie wir von jeher wissen, selbstverständlich anders, abgesehen davon, dass der Lackschaden bei automobilen Erzeugnissen solcher Länder zur Grundausstattung gehört.

Die große Flucht ist allgegenwärtig: Als Schicksal (Bonny and Clyde), als Aufgabe (Graf von Monte Christo), als Heimkehr (Perfect World, 1993, Regie: Clint Eastwood, mit Kevin Kostner), als Spaß (O Brother, Where Art Thou?, Coen-Brüder, USA 2000, mit Holly Hunter). Die Kleinen Fluchten sollen Sie daran erinnern, dass Sie den gleichnamigen Film von Yves Yersin (Schweiz 1979, mit Michel Robin) unbedingt sehen sollten. 

Fortschritt

Früher, als der noch von jugendlicher Spannkraft beseelte Kolumnist wunderbare Automobile wie einen Fiat 500 "Weinsberg" (Heckflosse!), 18-PS-Enten oder per Handkurbel zu startende 26-PS-Renault 4 bewegte (6 Volt), von Ford Transit, Citroën DS 19 und 21 sowie DKW F93 ganz zu schweigen (was schwerfällt), war das natürlich anders. Da rumpelte man hier und dort mal dagegen, hatte einen Karosserie-Hammer, einen Topf Spachtelmasse und einen Satz Maulschlüssel unterm Sitz und war froh, wenn der runderneuerte Radialreifen 10.000 Kilometer hielt. Auch die später folgende automobile Zivilisationsform "Atomkraft Nein Danke" stand der Fahrerflucht im Grundsatz eher gleichgültig gegenüber: Eine Tendenz zur Materialisierung vordem rein formaler Regeln brach sich Bahn, welche die Beule im Blech nicht als naturwissenschaftliches Selbst an sich begriff, sondern eine sogenannte "Gesamtabwägung" unterlegte, die sich in der Strafrechtsprechung bis heute erhalten hat. Die – bekanntlich ausdifferenzierte – Theorie der Gesamtabwägung lautet: Es kommt immer darauf an.

Problembezogen bedeutete das: Wer ist der Schädiger? Wie wirkt er auf mich? Hat er die notwendige gesellschaftlich progressive Einstellung (erkennbar an: Automarke, Autozustand, Autosauberkeit, Aufkleberauswahl, Frisur, allgemeines Auftreten)? Und wer bin ich? Sind spontane Solidarisierungen gegen den Konsumterror des makellosen Autolacks möglich? So mancher Fuffziger wechselte nach nächtlichen, Vino-Rosso-inspirierten Parkmanövern und dem Angebot "Okay, gib mir hundert Mark und die Sache ist gegessen" den Eigentümer. Damals existierten Anti-AKW-Aufkleber mit 30 cm Durchmesser! Abschleifen, Rostentferner drüber, entfetten, aufkleben, mit Klarlack übersprühen: Fertig war die Karosserie-Instandsetzung.

So etwas geht heute natürlich nicht mehr. Das Automobil hat einen Entwicklungszustand erreicht, der dem roher Eier in einem Kristallpalast gleicht, mit der Außenwelt verbunden durch Bitströme unendlicher Sensibilität. Das gilt namentlich für jene Geräte, die speziell für die Büffeljagd ausgerüstet sind und dank hochgelegtem Luftfilter Wattiefen von einem Meter bewältigen.

Letzteres hat sich in der Klimalage der mitteleuropäischen Starkregensommer sehr bewährt, sodass ein gewisser Matthias Wissmann dem Vernehmen nach eine europäische Initiative "Starkregen – mir doch egal!" gegründet hat (Erstunterzeichner die Sponsoren Daimler, BMW, Audi), die sich zur Aufgabe setzt, die Bevölkerung Bangladeschs mit der notwendigen Anzahl von GL, X5 und Q7 auszurüsten. Der Brexit hat die Beteiligung von Range Rover zweifelhaft gemacht; Hummer und Toyota planen eigene Initiativen auf der Nord-Route. Volkswagen hat sich zum Projekt nicht geäußert; der Gesamtbetriebsrat soll sich derzeit in Begleitung mehrerer Herren aus Österreich zu geheimen Gesprächen in Nordkorea aufhalten.

Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen würde bereits die Vertausendfachung des SUV-Einsatzes dank des hohen Fahrzeugeigengewichts zu einer deutlichen Verdichtung des oft allzu lockeren Bodens in den südlichen Deltas von Bangladesch führen, was zum rascheren Abfließen des Wassers, daher zur früheren Neubepflanzung mit resistentem Mais und im Ergebnis zum Anstieg der Tortilla-Produktion um 840 Prozent führen würde. Hoffnung für Millionen!

Wie auch immer: Die Berührung eines Zweieinhalb-Tonnen-SUVs an einer seiner gläsernen oder kohlenstoffenen Außenseiten führt unweigerlich zum Bersten der gesamten Heck- oder Frontschürze, was wiederum mit dem finalen Zusammenbruch der dort angebrachten Multisensorik (Nachtsichtgerät, Verkehrszeichenerkennung, Einparkautomatik, Abstandsradar) sowie in der Folge leider auch der Aufhängung des Rammschutzes führen muss. Eine Achsvermessung ist unvermeidlich; wollen wir hoffen, dass wenigstens die Reifendruckkontrolle, das ABS und das DSC es überstanden haben.