São Paulos fliegende Taxis – Seite 1

Warten auf den Heli © Thomas Fischermann

Ich will kein Taxi, habe ich dem Mann am Hotelempfang gesagt, ich will einen Helikopter. Es ist mir egal, dass der Mann jetzt merkwürdig schaut. Tatsache ist, dass mein Flug in einer guten Stunde zum Einsteigen bereit sein wird, am Flughafen Congonhas in São Paulo. Nach aller Erfahrung kann man es vergessen, diese Stadt so schnell in einem Auto zu durchqueren. Die 21-Millionen-Metropole ist als Wirtschaftshauptstadt Südamerikas bekannt – und außerdem für ihre mehrstündigen Staus. Hallo iPhone, was ist los auf den Straßen? "8 Kilometer Fahrtstrecke", antwortet Google Maps, "56 Minuten Fahrtzeit". Ich schalte zur App des Taxi-Dienstes Uber um. Das Programm bietet mir eine Auswahl an. "Kleines Auto, großes schwarzes Auto oder Helikopter?"

Na klar doch: Ich klicke auf "UberKopter". Die ungewöhnliche Option in der Handy-App ist kein Scherz. Vier Wochen lang bietet das kontroverse Transportunternehmen aus San Francisco, das Taxis mit Discountangeboten unterbietet, in São Paulo auch Lufttransporte an. Ein Test. Fünf Chopper sind von morgens bis abends zwischen strategischen Punkten der Innenstadt und den vier Flughäfen unterwegs. São Paulo ist für Uber ein Schlüsselmarkt, das Geschäft wächst dort rasant. Geschäftsleute aus São Paulo gelten als zahlungskräftig und effizienzbewusst.

"Verfügbar in 12 Minuten", meldet sich die Uber-App auf meinem Handy zurück. "Abholort einstellen". Ich nenne die Adresse meines mittelmäßigen Hotels in der Innenstadt. Gepäck plus Eigengewicht des Passagiers: 500 Kilo erlaubt, das kriege ich hin. Voraussichtliche Transportgebühr: umgerechnet 67 Euro. "Klicken Sie hier, um die Buchung zu bestätigen". Es ist 9:10 Uhr. In einer Stunde soll ich am Gate des Flughafens sein. Die Zeit läuft.

Und sie läuft. Es gibt ein Problem bei Versuchen, in Brasilien irgendetwas schnell zu erledigen: In aller Regel scheitert man. Wer in Brasilien Eile zeigt, bringt rasch das halbe Land gegen sich auf, Anzeichen von Hast werden erbarmungslos sanktioniert. Ich nenne das die große São-Paulo-Verschwörung, und auch UberKopter wird zu ihrem Opfer. Obwohl es gut losgeht. Draußen vor dem Hotel fährt ein wuchtiger, pechschwarzer Kia Sportage vor. Er hat zwar keine Rotoren, soll mich aber zum nächsten Helipad bringen. Der Mann von der Rezeption tanzt aufgeregt um den Wagen herum und sagt "Helikopter!". Dann stehen wir im Stau.

9:20 Uhr. Dummerweise ist ein Großteil der Innenstadt heute für ein Radrennen gesperrt. Das verlängert erstens den Stau, und zweitens liegt der Heliport in der abgesperrten Zone. "4 Minuten bis zur Ankunft am Heliport", meldet die Uber-App, aber der freundliche Uber-Fahrer lacht bloß sarkastisch auf. Cleriston heißt er. Er trägt ein weißes Hemd und einen schwarzen Anzug, seinen Fahrgästen bietet er Mineralwasser an und Gratistipps zur Transportsituation. "Also, ich kann auch versuchen, Sie direkt zum Flughafen zu fahren", sagt Cleriston, "mit viel Glück schaffen Sie das doch noch!"

9:23 Uhr. Cleriston sagt: "Ich wollte den Job sowieso nicht annehmen. Ich habe denen gleich gesagt, dass alles gesperrt ist."

Jetzt aber rennen!

Endlich ist er da! Nur noch das Gepäck verladen. © Thomas Fischermann

9:26 Uhr. Ich habe die App meiner Fluggesellschaft geöffnet und will versuchen, den Flug um eine Stunde nach hinten zu verschieben. Das geht aber leider nicht. Ein Mitarbeiter der Firma Uber ruft dreimal an. Er will wissen, wo ich denn bleibe. Und ob ich sicher sei, dass ich meine Ausweisnummer richtig angegeben hätte. Ohne eine korrekt angegebene Ausweisnummer laufe bei UberKopter nichts. Ich buchstabiere, ganz langsam, die Zeichen der Ausweisnummer. War alles richtig. Der Mitarbeiter hängt auf.

9:27 Uhr. Cleriston sagt: "Jetzt ist es wohl besser, wenn Sie laufen."

Um 9:28 Uhr renne ich durch die Straßen von São Paulo, den Koffer ziehe hinter mir her. Mir ist warm, ich schwitze. 400 Meter noch bis zum Heliport. Eine SMS-Nachricht geht ein: Willkommen, mein Helikopter hebt um 9:50 ab, die Flugzeit beträgt 5 Minuten. An der angegebenen Adresse für den Heliport steht ein Hotel. "Uber?", fragt ein Rezeptionist. 26. Stock. Das Dach. Ein Pool. Halbnackte Geschäftsmänner auf Liegestühlen. Unten erheben sich die Häuserschluchten von São Paulo aus dem Dunst, malerisch von der Sonne beschienen. Hier oben ist nur der Wind.

10:04 Uhr. Die Landung am Flughafen von São Paulo. Ein Helikopter war auf dem Dach gelandet, mein Koffer wurde blitzschnell von einem Concierge hineingeschoben, ich setzte mich neben den Piloten. Sicherheitsgurt, Kopfhörer gegen den Lärm. "Uber, nicht so teuer, was?", sprach der Pilot in meinen Kopfhörer hinein. Wir glitten sanft über die Stadt, als wäre es ein Traum.

10:06 Uhr. Der Minivan zu meinem Abflugterminal steht bereit. Es fehlt aber ein Formular, das jeder Fahrgast ausfüllen muss. "Das Mädchen hat das vergessen", sagt fröhlich der Mann am Steuer. Er steigt wieder aus, verschwindet im Verwaltungsgebäude des Heliports und regelt Sachen mit "dem Mädchen". Als er zurückkommt, berät er mich liebenswürdig beim Ausfüllen des Formulars (Name, Datum, Unterschrift). Wir fahren los, am Rollfeld für die großen Flugzeuge entlang. In greifbarer Nähe streicht die Boeing 737 vorbei, in die ich gleich einsteigen soll, aber erst muss ich ja zum Checkin und zur Gepäckaufgabe. Beziehungsweise: JETZT muss ich zum Checkin und zur Gepäckaufgabe. Dringend.

10:13 Uhr. Wir fahren immer noch Van. Die Vanfahrt dauert jetzt länger als mein Helikopterflug.

10:22 Uhr: Jetzt aber rennen! Ich überrede den Mann am Check-in-Schalter, dass er mich nach vorne lassen soll. Sonst verpasse ich ja meinen Flug. Rolltreppen hoch. Handy und Kugelschreiber aus der Tasche. Metalldetektor, Röntgengerät. Gleich werden die letzten Gäste eingestiegen sein am Gate Nummer 17. Aber ich bin jetzt nicht mehr nervös. Das werde ich noch schaffen. Schließlich arbeite ich als Südamerikakorrespondent! Auf der Rennstrecke zu den Gates von São Paulo haben wir Journalisten längst gelernt, im Laufschritt die Maximalgeschwindigkeit herauszuholen.