Micah J. hat in Dallas fünf Polizisten erschossen, doch offenbar plante der Attentäter noch schlimmere Angriffe. Darauf deuteten Eintragungen in J.s Tagebuch sowie Sprengstofffunde in seiner Wohnung hin, sagte der Polizeichef aus Dallas, David Brown, im Interview mit dem Sender CNN. Der Angreifer habe in der Vergangenheit Bombendetonationen getestet und habe genug Material besessen, um große Schäden in Dallas und im Norden von Texas anzurichten.

J. habe seine Pläne schon vor den Vorfällen Anfang Juli in Louisiana und Minnesota gefasst. Dort hatten weiße Polizisten die Afroamerikaner Alton Sterling (Louisiana) und Philando Castle (Minnesota) erschossen. Es folgten landesweite Proteste gegen Polizeigewalt. Die Erschießungen hätten J. dazu veranlasst, seine Attentate auf Polizisten tatsächlich durchzuführen. Aus seinem Tagebuch gehe hervor, dass er sich im Recht gesehen habe und mit Angriffen auf weiße Polizisten Vergeltung für die Polizeigewalt gegen Schwarze üben wollte.

Am Donnerstagabend hatte J. in Dallas fünf Polizeibeamte erschossen und fünf weitere sowie zwei Zivilisten verletzt. Anschließend verschanzte sich der 25-Jährige in einem Parkhaus. Die Polizei steuerte einen mit Plastiksprengstoff beladenen Roboter in die Nähe des Mannes und ließ den Sprengstoff detonieren. Der Täter wurde bei der Explosion getötet. Als sein Motiv gilt sein Hass gegen Weiße. Gefundene Schriften und Facebook-Einträge deuten auch darauf hin, dass J. Sympathien für afronationalistische Ideen und schwarze Extremistengruppen hatte.

Polizeichef Brown verteidigte im Interview den Einsatz des Roboters. Der Schütze habe während der stundenlangen Verhandlungen mit Polizisten nicht nur geschossen, sondern auch gelacht, gesungen und darüber gesprochen, wie viele Polizisten er wohl umbringen werde. Es habe keine andere Wahl gegeben, als ihn mithilfe des Roboters zu töten. "Ich würde es unter den gleichen Umständen wieder tun", sagte Brown.

In dem Parkhaus soll J. im Treppenhaus die Buchstaben RB mit seinem eigenen Blut an die Wand geschmiert haben. Brown sagte, dass er möglicherweise vor seinem Tod verletzt worden sei. Was die Buchstaben bedeuten, ist unklar.

Zudem ist nach Angaben von Brown weiterhin nicht bekannt, ob J. allein handelte oder ob es Komplizen gab. Das und die Frage, welche spezifischen anderen Pläne der Täter gehabt hatte, untersuchten die Polizisten derzeit. Neue Erkenntnisse erhofft sich Brown von der Durchsuchung des Laptops und der Handys von J.

Obama reist Anfang der Woche nach Dallas

Über den Attentäter war zuvor bekannt geworden, dass er während seiner Armeezeit in Afghanistan wegen sexueller Belästigung angezeigt worden war. Nach Angaben seines Militäranwalts habe es die Empfehlung gegeben, J. unehrenhaft zu entlassen. Dazu kam es dann aber doch nicht. Warum, wisse er nicht, sagte der Anwalt.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete den Angreifer als "verrückten" Einzeltäter. Obama will Anfang der Woche nach Dallas reisen. Deswegen verkürzte er einen Spanienbesuch im Anschluss an den Nato-Gipfel in Warschau. Der Präsident bemühte sich, die aufgewühlte Nation zu beruhigen. Amerika sei nicht so gespalten, wie manche es behaupteten, sagte er.

Die Vorfälle in Dallas lösten in mehreren Städten weitere Demonstrationen gegen Polizeigewalt aus. Dabei kam es erneut zu Übergriffen auf Polizisten. In Saint Paul im Bundesstaat Minnesota wurde die Polizei nach eigenen Angaben mit Steinen, Flaschen, Böllern und Molotowcocktails beworfen. Etwa hundert Personen seien festgenommen worden. Auch in Baton Rouge in Louisiana wurden mehr als hundert Festnahmen gemeldet.

In der Metropole San Antonio im Bundesstaat Texas sollen Unbekannte auf das Polizeihauptquartier im Stadtzentrum geschossen haben. Doch neben der Gewalt gab es auch Trauer über die ermordeten Polizisten. Vor allem in Dallas selbst sprachen viele Menschen den Opfern und Angehörigen ihr Beileid aus und legten beispielsweise Blumen vor die Polizeiwache.