Wenn Chefreporter Carsten Schönebeck aus der Redaktion des Vorpommern Kurier tritt, bleibt er gerne kurz auf dem Bürgersteig stehen, kramt eine Packung Filterzigaretten aus seiner Jeanstasche, steckt sich eine an, bläst den Rauch aus und guckt über den Marktplatz aufs Rathaus von Anklam.

Der 31-Jährige hat Politik studiert, in Anklam volontiert, ging für kurze Zeit zu einer anderen Zeitung und ließ sich dann zurück nach Anklam versetzen. "Für mich die interessanteste Region Deutschlands", sagt er. Er arbeitet so viel, dass seine Mutter ihn manchmal fragt: "Willst du dir nicht mal eine Frau suchen und Kinder kriegen?" Dann antwortet er: "Wie soll ich das denn zeitlich noch unterkriegen?"

Schönebeck fühlt sich ein bisschen verantwortlich dafür, dass das mit der Demokratie in Anklam funktioniert. In einer Stadt, in der AfD, NPD und rechte Kameradschaften Hand in Hand gehen. Mit seinen Berichten will er über Missstände informieren und aufklären.


Es ist Montag, kurz vor vier Uhr. Schönebeck überquert den Marktplatz, läuft links am Rathaus vorbei, öffnet die Tür zur Stadtverwaltung und steigt die Stufen zum nüchternen Sitzungssaal hoch: Tische in Buchenoptik, blaue Stühle, ein Tageslichtprojektor. Drinnen sitzen schon die drei Vertreter des Bündnisses Anklam für alle!, die Schönebeck interviewen möchte. Das Bündnis wurde im April 2016 gegründet, von Ehrenamtlichen, Politikern und Vereinsvertretern, gemeinsam wollen sie gegen den Rechtsruck in der Stadt angehen.

Eigentlich ein ganz alltäglicher Termin für einen Reporter. Doch unversehens wird aus dem Gespräch ein Grundsatzstreit: Das Bündnis wirft Schönebeck vor, zu viel über die AfD zu berichten und ihr damit zu helfen. Es ist eine Frage, die auch bundesweit Politiker, Journalisten, Talkmaster und ihre Zuschauer umtreibt: Es geht darum, wie Journalisten, wie die Öffentlichkeit mit der AfD umgehen sollte. Soll man über sie berichten wie über jede andere Partei? Oder sie eher behandeln wie eine rechtsextreme Partei – und ihr Wirken darum lieber ignorieren, als dass man ihr eine Bühne bietet?

Hintergrund des Treffens zwischen Schönebeck und dem Bündnis: Frauke Petry, Bundessprecherin der AfD, wird an diesem Freitag in Anklam auftreten. Die AfD-Leute vor Ort mieteten einen Saal, der der Stadt gehört. Die Anklamer Immobiliengesellschaft sah darin kein Problem und gab grünes Licht. Doch als Bürgermeister Michael Galander (Wählergemeinschaft IfA) davon erfuhr, widerrief er den Mietvertrag. Und wieder standen die Anklamer vor einer Frage, die zu groß wirkt für diese kleine Stadt: Darf einer offiziell zugelassenen Partei der Zugang zu öffentlichen Räumen verwehrt werden? Ja, fand der Bürgermeister. Nein, entschied das Oberverwaltungsgericht Greifswald in zweiter Instanz. Und so wird Frauke Petry heute Abend dort reden.

Schönebeck gegenüber am Tisch sitzen die drei Bündnisvertreter. Anklam ist klein, sie kennen sich und duzen einander. Im weißen Hemd und mit Jackett sitzt da SPD-Mann Christopher Denda, 26 Jahre alt, Lehramtsstudent, der schon mit 16 Jahren im Sozialausschuss der Stadt aufstand und sagte: "Wir müssen etwas gegen die NPD tun." Das war das erste Mal, dass die Zeitungen über ihn berichteten.