Mohammad D., ein gefolterter Oppositioneller, der vor brutaler politischer Verfolgung fliehen musste? Fast wirkt es so, als habe ein junger Heimatloser seine Fluchtgeschichte nachträglich um hässliche Flecken bereinigt, um sie eindrucksvoller erscheinen zu lassen.

Unstimmigkeiten finden sich auch in D.s Schilderungen über seine Etappe als Flüchtling in Bulgarien: 2013 sei er von Syrien über die Türkei und Bulgarien nach Serbien gereist. Die serbische Polizei habe ihn nach Bulgarien zurückgeschickt, dort sei er in Ljubimez ins Gefängnis gesteckt und geschlagen worden.

Das bulgarische Innenministerium bestätigt zwar, dass D. festgenommen wurde – allerdings an der türkisch-bulgarischen Grenze. Für diese offizielle Version spricht, dass Ljubimez im Südosten an der Grenze zur Türkei liegt, nicht im Nordwesten an der Grenze zu Serbien. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat Bulgarien in der Grenzstadt Ljubimez tatsächlich vorübergehend Flüchtlinge eingesperrt. Allerdings bezweifeln selbst kritische Flüchtlingshelfer, dass D. dort geschlagen wurde.

Iliana Savova vom Helsinki-Komitee in Sofia hat sich 2013 persönlich um den verletzten jungen Mann gekümmert. Im Oktober 2013 saß D. in ihrem Büro in der Innenstadt von Sofia. Er habe Schmerzen im Knie gehabt, erinnert sich Savova. Das Treffen habe "keine zehn Minuten" gedauert. Sie habe D. anschließend an das Rote Kreuz verwiesen. Tatsächlich wird sich D. an diese Organisationen wenden. Über die Foltervorwürfe, die D. später erhob, wundert sich die Helferin vom Helsinki-Komitee: "Ich kann es nicht komplett ausschließen, aber zu dieser Zeit hatten wir keine Berichte über Misshandlungen."

Doch selbst wenn D. gelogen hätte, macht ihn das im Umkehrschluss zum IS-Kämpfer?

In Ansbach hat Anette Walden den toten Flüchtling als etwas verwahrlosten, stillen Mann in Erinnerung. Walden wohnt in einem Reihenhaus, schräg gegenüber liegt das Hotel Christl, in dem D. bis zu dem Anschlag lebte. Fast jede Woche war sie als ehrenamtliche Betreuerin in dem Flüchtlingsheim. Auch D. habe sie hin und wieder Essen gebracht, erzählt die Ansbacherin. In den vergangenen Monaten habe er sich jedoch häufig in seinem Dachzimmer zurückgezogen. Manchmal sei er tagelang nicht zu sehen gewesen. Zuletzt habe Walden ihm einen Deutschkurs angeboten, den er aber mit der Begründung ausgeschlagen habe, er wolle bald zurück nach Syrien.

Am 13. Juli, also elf Tage vor dem Selbstmordattentat, bekommt D.s Anwalt Hermann Gimpl erneut Post vom Bamf. Die Behörde unternimmt einen weiteren Versuch, den Syrer nach Bulgarien abzuschieben. Am 18. Juli leitet der Anwalt das Schreiben an D.s gesetzliche Betreuerin in Ansbach weiter. Sein Mandant hätte zwei Wochen gehabt, um den Bescheid anzufechten, sagt Gimpl. "Aussichtslos wäre es nicht gewesen." Doch D. versucht offenbar nicht mehr, seine Duldung zu verlängern. Kurz darauf erfährt D. dass seine Therapie bei den Eheleuten Maltitz fortgesetzt werden kann, die zwischenzeitlich nicht mehr von der Stadt Ansbach finanziert worden war. Wenige Tage vor dem Anschlag telefoniert er noch einmal mit Axel von Maltitz, vereinbart einen Termin für den 1. August, den er nicht mehr erlebt.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat inzwischen einige Indizien offengelegt, die für einen terroristischen Anschlag sprechen. Die Bundesanwaltschaft hat das Verfahren wegen des Verdachts an sich gezogen, dass D. die Tat als IS-Mitglied beging. Ermittler entdeckten auf D.s Handy ein Video, in dem der Syrer dem IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi die Treue schwört. Über sein Handy soll er außerdem bis kurz vor dem Selbstmordanschlag "intensiv" mit einem Unbekannten kommuniziert haben, sagte Innenminister Herrmann. Der Unbekannte habe das Attentatsgeschehen "maßgeblich" beeinflusst. Der Spiegel berichtet, aus dem Chatverlauf gehe hervor, dass D. die Bombe in der Menschenmenge des Festivals ferngesteuert zünden und danach weitere Anschläge verüben wollte.

Gibt ein IS-Kämpfer Fernsehinterviews?

Doch auch diese Anhaltspunkte belegen noch nicht, dass der Syrer ein kühl kalkulierender IS-Terrorist war. Es gibt gute Gründe, die gegen einen länger geplanten Anschlag in Ansbach sprechen: Der IS behauptet etwa, D. habe in Syrien als IS-Kämpfer in einer Einheit für Sprengstoffanschläge gearbeitet. Warum aber baute er dann seine Bombe so dilettantisch? Auch der Tatort spricht gegen eine akribisch geplante Tat: Weil er kein Ticket hatte, kam D. nicht durch zur Menschenmenge, die an jenem Sonntagabend das Konzert hören wollte. Stattdessen ging seine Bombe vor einer linksliberalen Kneipe hoch. Ein professioneller Kämpfer hätte sich eigentlich geschickter anstellen müssen. Und warum begab der Syrer sich stationär in psychiatrische Behandlung: Hätte er den Anschlag nicht gleich begehen können, ohne Umweg über die Therapie?

D. gab Fernsehinterviews in Bulgarien, er bat sogar das Rote Kreuz, Briefe an die Europäische Kommission zu verfassen, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. Würde sich ein IS-"Soldat" auf der Durchreise in Bulgarien vom dortigen Fernsehen zweimal für die Abendnachrichten interviewen lassen und so viel Aufhebens um seine Person machen?

Was vorerst bleibt, ist eine Vermutung: Vielleicht war D. wirklich psychisch krank, ein verlorener junger Mensch, der sich irgendwann auf seiner 3.000 Kilometer langen Flucht aus dem Bürgerkriegsland über den Balkan nach Deutschland entschied, zum Attentäter zu werden und den Schrecken in die beschauliche, fränkische Provinz zu tragen. Dann wäre er Opfer und Täter zugleich. Manuela Schiffer, eine der Verletzten des Anschlags, sagt eine Woche nach der Explosion in Ansbach, sie habe sogar Verständnis für den Täter. Nicht jedoch für seine Tat. 

* Name geändert

Mitarbeit: Kliment Hristov, Joachim Riedl