Wie verzweifelt ist ein junges Mädchen, wenn es sich seine Lippen zunäht? Wie unmenschlich die Wärter, die sich darüber lustig machen? Dass die Bedingungen für Flüchtlinge in den von Australien betriebenen Lagern auf den Pazifikinseln Nauru und Manus schlimm sind, ist lange bekannt. Die über 2.000 internen Fallberichte, die der Guardian jetzt veröffentlicht hat, geben dem Horror in dem australischen Flüchtlingslager auf Nauru jedoch eine neue Dimension: Sexuelle Übergriffe auf Kinder, Gewalt, Selbstverletzungen, Suizidversuche. Die Pazifikinsel, das belegen die Dokumente, ist für Flüchtlinge zur Hölle auf Erden geworden.

Der internationale Aufschrei nach den Enthüllungen ließ nicht lange auf sich warten: CNN, die New York Times, viele internationale und deutsche Medien berichteten über die skandalösen Geheimdokumente, die Nauru-Files. Die Vereinten Nationen und internationale Menschenrechtsorganisationen appellieren an die australische Regierung, die Flüchtlingslager im Pazifik sofort zu schließen. Australien müsse endlich seiner Verantwortung gerecht werden und die Flüchtlinge nach Australien übersiedeln. Nachdem vor wenigen Wochen europäische Politiker noch die "australische Lösung" der Flüchtlingskrise in Europa diskutiert hatten, blickt die Welt nun schockiert nach Down Under.

Und in Australien? Am Tag nach den Enthüllungen des Guardian sucht man in den Printausgaben der wichtigen Tageszeitungen vergeblich nach großen Berichten, scharfzüngigen Kommentaren, einem moralischen Aufschrei darüber, was im Namen des australischen Volks auf Inseln Tausende Kilometer vom Festland entfernt vor sich geht.

"Wir haben uns daran gewöhnt"

Stattdessen beherrschen die verkorkste Volkszählung und die Medaillenhoffnungen des australischen Schwimmteams in Brasilien die Schlagzeilen. "Das in Nauru? Das ist eben nichts Neues mehr", meint ein Kunde in einem Café in Sydney dazu, während er auf seinen Cappuccino wartet. "Es ist traurig, aber wir haben uns daran gewöhnt", sagt er kopfschüttelnd.

Die unmenschliche Behandlung von Flüchtlingen ist in der australischen Öffentlichkeit inzwischen so normal geworden, dass sie nicht einmal mehr eine Schlagzeile wert ist. Tatsächlich sind Berichte über Vergewaltigungen, Selbstmorde und traumatisierte Kinder in den Lagern schon lange keine Seltenheit mehr. Amnesty International und Human Rights Watch werfen der australischen Regierung gar vor, die Misshandlung der Flüchtlinge in den Überseelagern habe System. Die Regierung bezwecke damit, mehr Flüchtlinge vom Versuch abzuhalten, die Überfahrt nach Australien zu wagen. Die Unmenschlichkeit in den Lagern könne der Preis sein, den man in Canberra bereit ist, für eine Flüchtlingspolitik der Abschreckung zu zahlen.

Die Flüchtlingspolitik basiert auf einem simplen Prinzip: Wer versucht, Australien über den Seeweg zu erreichen, wird auf offener See abgefangen, dahin zurückgeschickt, von wo er aufgebrochen ist, oder auf die bettelarmen Pazifikinseln Nauru und Manus verschifft. Rund 1.000 Flüchtlinge sitzen inzwischen seit bis zu drei Jahren auf Nauru fest, weitere 900 auf Manus, einer Insel, die zu Papua-Neuguinea gehört. Private Sicherheitsfirmen sind für die Lager auf den Inseln verantwortlich, ein System, das sich die australische Regierung jährlich allein auf Nauru über 280 Millionen Euro kosten lässt.

Grundsätzlich gilt, dass keiner der Flüchtlinge jemals australischen Boden betreten darf. Wer als Flüchtling anerkannt wird, soll sich ein Leben in Nauru und Manus aufbauen. Alternativ kann er nach Kambodscha umsiedeln, das von Australien Entwicklungshilfe bekommt dafür, dass es Flüchtlinge aufnimmt. Mit aller Macht will die australische Regierung an den Menschen auf den Inseln ein Exempel statuieren: Wer es mit dem Boot versucht, wird es nie nach Australien schaffen.