Das amerikanische Justizministerium hat vergangene Woche seinen Bericht zur Situation der Polizei in Baltimore vorgelegt. Die Ermittler werfen der Behörde darin vor, gezielt Afroamerikaner zu diskriminieren – 95 Prozent der Polizeikontrollen haben laut dem Bericht einen rassistischen Hintergrund. Schwarze werden deutlich öfter angehalten, verhaftet und von gewalttätigen Polizisten misshandelt.

Major Neill Franklin arbeitete 34 Jahre lang als Polizist, sein Haupteinsatzgebiet war Baltimore. Dort bildete er zehn Jahre lang den Polizei-Nachwuchs aus. Heute kritisiert er die brutalen Methoden seiner ehemaligen Kollegen. Und leitet einen Verein, der für mildere Drogen-Gesetze kämpft.

ZEIT ONLINE: Major Franklin, haben Sie all die Jahre an der Seite von Rassisten gearbeitet?

Neill Franklin: Von Anfang an, ja. Als junger, schwarzer Polizist hatte ich es in den späten Siebzigern sogar selbst noch schwer. Wir wurden nicht befördert, kamen im Job kaum voran. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Noch zum Ende meiner aktiven Zeit habe ich Cops das Wort "Nigger" benutzen hören.

Dabei geht es auf der Straße eigentlich gar nicht um Weiß gegen Schwarz. Viel eher verbünden sich alle Polizisten unabhängig von ihrer eigenen Hautfarbe gegen die Afroamerikaner in Baltimore – weiße Cops, Latinos und auch Schwarze arbeiten Hand in Hand. Natürlich bekommen wir das nicht in der Polizei-Akademie beigebracht. Es ist eher eine Frage der Kultur, mit der sich die Stadt nie wirklich auseinandergesetzt hat.

ZEIT ONLINE: Wie konnte es so weit kommen?

Major Neill Franklin © Neill Franklin/​Law Enforcement Against Prohibition

Franklin: Historisch hat es in Baltimore schon immer Rassismus gegeben. Eigentlich sprechen wir sogar von zwei unterschiedlichen Städten. Ein Blick auf die Karte zeigt deutlich, dass zwischen der weißen und der schwarzen Community eine klare Grenze verläuft. Die schwarzen Stadtteile sind abgehängt: Die Armut ist hoch, der Bildungsgrad extrem niedrig und die Gesundheitsvorsorge katastrophal – seit Jahrzehnten schaut die Politik einfach weg. In diesen Gegenden floriert der Drogenhandel, überall herrscht extreme Gewalt.

Das sind die Bedingungen, unter denen die Cops der Stadt arbeiten. Wir schicken unsere Beamten dort rein, sie sollen die Lage in den Griff bekommen. Wie machen sie das? Sie sperren Leute ein. Und weil die Stadt sich nicht um die Schwarzen kümmert, sind es eben auch die Schwarzen, die unter der Polizei zu leiden haben.

ZEIT ONLINE: In dem Bericht ist von einem Mann zu lesen, der in vier Jahren 30 Mal von der Polizei durchsucht wurde – ohne je eine Straftat begangen zu haben. Das ist doch kein Zufall.

Franklin: In der jetzigen Situation belegt die Polizei ihren Erfolg mit Statistiken. Denn die Kollegen müssen dafür sorgen, dass sich die Bürger an geltendes Recht halten. Die Strafzettel und Festnahmen sind ihr Arbeitsnachweis. Gleichzeitig ist die Kriminalität in den schwarzen Vierteln von Baltimore so hoch wie nie, das gilt vor allem für den Drogenhandel. Wegen der strengen Rauschgiftgesetze kommt es dort deshalb regelmäßig zu massenhaften Überprüfungen durch die Polizei – so wie bei dem Mann in dem Bericht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie in Ihrer aktiven Zeit selbst etwas von der Gewalt gegen Schwarze mitbekommen?

Franklin: Als ich einmal mit Kollegen auf Streife war, habe ich mitgekriegt, wie einer unserer Leute einen Passanten zuerst anhielt, dann vor sich her schubste und ihn schließlich den Gehweg runterjagte. Das war noch ein ziemlich milder Fall. Hätte der Kollege gewusst, dass ich ihn beobachte, hätte er sich anders verhalten – die meisten Beamten wissen, dass ich ein großes Problem mit Polizeigewalt habe und halten sich deshalb zurück.

Aber genau da liegt das Problem: Viele ranghöhere Polizisten tolerieren diese Fälle – oft sind sogar selbst diejenigen, die extrem gewalttätig vorgehen. Im mittleren Management unserer Stadt wurde dafür in den vergangenen Jahren nie jemand zur Rechenschaft gezogen. Und so hat sich die Situation immer weiter verschlimmert – schließlich musste ja niemand Konsequenzen fürchten.