Die Entschleierung regelt sich quasi von selbst

Zugegeben, Burkas und Nikabs sind mir aus vielerlei Gründen höchst unsympathisch. Diese Ganzkörperkleider mit ihrem vergitterten Sehschlitz sind in den meisten Fällen ein Symbol religiöser und politischer Unterdrückung. Sie sind auch ein Integrationshindernis, denn wie soll man Menschen, die sich verstecken, also nicht sehen kann, integrieren?

Auch Burkinis, diese zweiteiligen, den gesamten Frauenkörper verhüllenden, allerdings das Gesicht freilassenden Badeanzüge aus Elastan sind mir nicht sonderlich sympathisch. Aber berechtigt diese persönliche Abneigung und berechtigen die – nicht ganz ungewichtigen Einwände gegen derartige Kleidungsstücke – den Generalverdacht, dass jede Frau, die sich bis fast zur Unkenntlichkeit unter einem Kleidungsstück verbirgt, ein Opfer ist? Ein Opfer religiöser, sexueller, politischer und männlicher Repression? Jeder Selbstbestimmung beraubt?

Vielerorts in der westlichen Welt wird derzeit über ein Burkaverbot nachgedacht, auch bei uns. In Frankreich haben die Mittelmeerstädte Nizza und Cannes sogar das Tragen von Burkinis untersagt. Der Bürgermeister der Filmfestspielestadt Cannes begründet seine Order damit, dass nicht nur Burkas, sondern ebenso Burkinis ein demonstrativer Ausdruck einer "bestimmten religiösen Verbindung" seien und damit die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdeten.

Damit unterstellt er: Alle Trägerinnen sind islamistische Fundamentalistinnen oder zumindest in Abhängigkeit von Fundamentalisten lebende Ehefrauen. Sie stünden damit in der Nähe von Terrororganisationen wie dem IS. Doch trifft das die Wirklichkeit?

Es gibt zahlenmäßig nicht besonders viele Burkaträgerinnen in Europa – und schon gar nicht in Deutschland. Bislang hat noch niemand den Beweis erbringen können, dass von ihnen eine erhöhte Gefahr für die innere Sicherheit ausgeht. In Europa jedenfalls hat noch keine mit einem Burka bekleidete Muslima unter ihrem Gewand einen Sprengstoffgürtel gezündet und einen Terroranschlag verübt.

Woher kommt also dieser generelle Argwohn? Und dieser Furor, mit dem Burka- und Burkiniträgerinnen mit allgemeinen Verboten belegt werden sollen? Könnte man nicht auch umgekehrt argumentieren? Und zwar in dem Sinne: Wer die Gesamtverhüllung untersagt, nimmt diesen Frauen auch die letzte Möglichkeit, sich in der offenen Gesellschaft zu bewegen und so andere, tolerantere, liberalere Lebensformen kennenzulernen, zu erfahren – und vielleicht auch schätzen zu lernen.

Der Burkini entspricht einem Glauben

Und überhaupt, was berechtigt uns zu derartigen Pauschalverdächtigungen? Vor wenigen Tagen schickte mir eine junge tunesische Bekannte ein paar Fotos, die sie ebenso auf ihre Facebookseite gestellt hat. Darauf springt sie bester Laune und völlig ausgelassen mit ihrem Mann in den Mittelmeerwellen umher. Er trägt eine Badehose, sie einen Burkini.

Nur: Diese tunesische Bekannte ist alles andere als unterwürfig. Sie hat studiert und gerade ein Kind bekommen, sie arbeitet, spricht mehrere Sprachen und steht ihre Frau. Sie lässt sich von niemandem vorschreiben, wie sie leben soll. Ihr Mann käme auch nicht auf diese Idee.

Meine Bekannte ist durchaus religiös, die Verhüllung mit einem Burkini entspricht ihrem Glauben und ihrer Lebenseinstellung. Aber meine Bekannte ist mit keiner Faser fundamentalistisch. Sie ist so weit weg von jeder salafistischen oder gar terrorgeneigten Ideologie wie die Erde vom Mond. Meine Bekannte und viele andere Frauen kann der Bürgermeister von Cannes also nicht gemeint haben mit seinem Generalverdacht.

Wen stört die Kleiderordnung auf dem Straßenstrich?

Ein völlig anderes Beispiel aus einer entgegengesetzten Welt: Am Ende meiner Berliner Straße im Stadtviertel Tiergarten beginnt der Straßenstrich. Dort stehen Tag und Nacht äußerst leicht bekleidete junge Frauen. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa.

Ihre Miniröcke sind so kurz, dass man diese Bekleidung kaum noch wahrnimmt, ihre T-Shirts so weit ausgeschnitten, dass die Brüste herausfallen. Einige der Prostituierten tragen nicht einmal mehr eine Unterhose und strecken vorbeifahrenden Kunden mehr oder weniger den nackten Hintern entgegen.

Ist diese dürftige Bekleidung nicht ebenso Ausdruck männlicher Unterdrückung und sexueller Ausbeutung? Eine Frage von Über- und Unterordnung? Diese jungen Frauen auf dem Straßenstrich haben doch keine andere Wahl, sie müssen sich so freigiebig anziehen, müssen sich unterordnen, weil ihre Zuhälter es verlangen. Doch nimmt an dieser Kleiderordnung niemand öffentlich Anstoß und denkt keiner auch nur im Entferntesten an ein allgemeines Verbot.

Es gibt viele Formen der Bekleidungsbevormundung von Frauen, seien sie nun religiös begründet oder nicht. In aller Regel haben sich Männer diese Vorschriften ausgedacht. Zugegeben, die Vollverhüllung mit einem vergitterten Sehschlitz ist ein besonders radikales und extremes Gebot, zumal in liberalen Gesellschaften, die davon leben, dass ihre Mitglieder, Männer wie Frauen, miteinander kommunizieren – und zwar mit offenem Visier.

Gesicht des Gegenübers soll sichtbar sein

Darum stoßen Burka und Nikab in diesen Gesellschaften auch an Grenzen – nicht an absolute, sondern an relative, vor allem an funktionale Grenzen. Denn wo es darauf ankommt, dass eine Frau gesehen und erkannt werden muss, hat sie ihre Vollverschleierung abzulegen, zumindest zeitweise, also für die Dauer des Vorgangs.

Das gilt zum Beispiel fürs Autofahren (wer verhüllt hinter dem Steuerrad sitzt, kann nur eingeschränkt sehen und nicht geblitzt werden) wie für den Besuch bei der Meldebehörde oder beim Sozialamt. Das gilt ebenso für Frauen, die vor Gericht als Zeugin aussagen, die eine Schulbank drücken oder eine Universität besuchen. Die in einem Laden oder in einer Apotheke Kunden bedienen, die einen Arzt aufsuchen oder ihre Sprösslinge vom Kindergarten abholen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wo im alltäglichen Zusammenleben das Gesicht des Gegenübers gesehen und identifiziert werden muss.

Ob man für diese Fälle, wie es die Innenminister von CDU und CSU jetzt wollen, extra ein neues Gesetz schaffen muss? Ob, wenn es schon kein Totalverbot sein darf, zumindest ein Burkaverbot light her muss? In den meisten der eben genannten Fälle regelt sich die – zeitweise – Entschleierung quasi von selbst, kann der Arbeitgeber dies verlangen und die Ordnungsbehörde es eigenständig regeln. Auch dafür gibt es bereits zahllose Beispiele.

Eine eigene Vorschrift, ein spezielles Verbot für ein paar Tausend Burkaträgerinnen? Die Welt ginge davon nicht unter und auch die Verfassung würde nicht völlig außer Kraft gesetzt. Aber den islamistischen Fundamentalismus oder gar den Terrorismus besiegte man damit nicht.