Ein völlig anderes Beispiel aus einer entgegengesetzten Welt: Am Ende meiner Berliner Straße im Stadtviertel Tiergarten beginnt der Straßenstrich. Dort stehen Tag und Nacht äußerst leicht bekleidete junge Frauen. Die meisten von ihnen kommen aus Osteuropa.

Ihre Miniröcke sind so kurz, dass man diese Bekleidung kaum noch wahrnimmt, ihre T-Shirts so weit ausgeschnitten, dass die Brüste herausfallen. Einige der Prostituierten tragen nicht einmal mehr eine Unterhose und strecken vorbeifahrenden Kunden mehr oder weniger den nackten Hintern entgegen.

Ist diese dürftige Bekleidung nicht ebenso Ausdruck männlicher Unterdrückung und sexueller Ausbeutung? Eine Frage von Über- und Unterordnung? Diese jungen Frauen auf dem Straßenstrich haben doch keine andere Wahl, sie müssen sich so freigiebig anziehen, müssen sich unterordnen, weil ihre Zuhälter es verlangen. Doch nimmt an dieser Kleiderordnung niemand öffentlich Anstoß und denkt keiner auch nur im Entferntesten an ein allgemeines Verbot.

Es gibt viele Formen der Bekleidungsbevormundung von Frauen, seien sie nun religiös begründet oder nicht. In aller Regel haben sich Männer diese Vorschriften ausgedacht. Zugegeben, die Vollverhüllung mit einem vergitterten Sehschlitz ist ein besonders radikales und extremes Gebot, zumal in liberalen Gesellschaften, die davon leben, dass ihre Mitglieder, Männer wie Frauen, miteinander kommunizieren – und zwar mit offenem Visier.

Gesicht des Gegenübers soll sichtbar sein

Darum stoßen Burka und Nikab in diesen Gesellschaften auch an Grenzen – nicht an absolute, sondern an relative, vor allem an funktionale Grenzen. Denn wo es darauf ankommt, dass eine Frau gesehen und erkannt werden muss, hat sie ihre Vollverschleierung abzulegen, zumindest zeitweise, also für die Dauer des Vorgangs.

Das gilt zum Beispiel fürs Autofahren (wer verhüllt hinter dem Steuerrad sitzt, kann nur eingeschränkt sehen und nicht geblitzt werden) wie für den Besuch bei der Meldebehörde oder beim Sozialamt. Das gilt ebenso für Frauen, die vor Gericht als Zeugin aussagen, die eine Schulbank drücken oder eine Universität besuchen. Die in einem Laden oder in einer Apotheke Kunden bedienen, die einen Arzt aufsuchen oder ihre Sprösslinge vom Kindergarten abholen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wo im alltäglichen Zusammenleben das Gesicht des Gegenübers gesehen und identifiziert werden muss.

Ob man für diese Fälle, wie es die Innenminister von CDU und CSU jetzt wollen, extra ein neues Gesetz schaffen muss? Ob, wenn es schon kein Totalverbot sein darf, zumindest ein Burkaverbot light her muss? In den meisten der eben genannten Fälle regelt sich die – zeitweise – Entschleierung quasi von selbst, kann der Arbeitgeber dies verlangen und die Ordnungsbehörde es eigenständig regeln. Auch dafür gibt es bereits zahllose Beispiele.

Eine eigene Vorschrift, ein spezielles Verbot für ein paar Tausend Burkaträgerinnen? Die Welt ginge davon nicht unter und auch die Verfassung würde nicht völlig außer Kraft gesetzt. Aber den islamistischen Fundamentalismus oder gar den Terrorismus besiegte man damit nicht.