Heute will Rana* einfach nur Spaß haben. Mit Mann und drei Töchtern sitzt sie auf der Liegewiese des Sommerbad Kreuzberg, neben sich eine Strandmuschel und Boxen voll geschnittenem Obst. Um Ranas Gesicht spannt sich eine dunkelblaue Kopfbedeckung aus Polyamid und Elasthan. Es ist derselbe Stoff, aus dem auch herkömmliche Schwimmbekleidung besteht – und aus dem in Frankreich eine Staatsaffäre wurde, bis das Oberste Verwaltungsgericht einschritt und das umstrittene Burkini-Verbot kippte.

Eigentlich sollte die Geschichte an dieser Stelle enden, findet Rana. Eigentlich sollten Journalisten lieber über die wahren Probleme der Welt schreiben, Kriege zum Beispiel, und ihr den Nachmittag mit ihrer Familie lassen. Doch weil die Debatte nun in der Welt ist, möchte auch Rana ihre Geschichte erzählen. Sie hat es satt, dass alle nur über Frauen wie sie schreiben, sie aber nicht nach ihrer Meinung fragen.

"Früher war es mir unangenehm, in der Öffentlichkeit Arabisch zu sprechen", erzählt sie. "Und als ich mit 25 meine erste Tochter bekam, war es mir unangenehm, den Kinderwagen durch die Gegend zu schieben." Sie spürte die Blicke und den stillen Vorwurf, dass muslimische Frauen nichts anderes könnten als Kinderkriegen. Sie fühlte sich fremd im eigenen Land, distanzierte sich von anderen Arabern, wollte sich von ihnen abheben.

Mit der Geburt der zweiten Tochter wusste sie aber, dass es so nicht weitergehen konnte: die Scham, die Blicke, der Rückzug, die Leugnung der eigenen Herkunft. "Ich wollte nicht mehr ständig beweisen, dass ich Deutsch kann, studiert habe und integriert bin", sagt die Informatikerin. Es schien ihr ein sinnloser Kampf zu sein, die Vorurteile gingen ja doch nicht weg. 

Den Töchtern bringt sie nun ihre Muttersprache bei und lebt ihnen vor, dass man auch als muslimische Frau am öffentlichen Leben teilhaben kann. Früher ging Rana nur zu besonderen Frauentagen in Hallenbädern schwimmen, heute ist ihr das zu umständlich. Für rund 60 Euro kaufte sie sich einen Burkini, damit geht sie auch am Wochenende ins Freibad oder an den See.

Die Blicke stören nicht mehr

Auch ihre Schwester lässt sich nicht auf extra für Frauen vorgesehene Bereiche beschränkten, sagt Rana. Diese trage Kopftuch, seit sie elf sei, und gehe gern raus. Dem Ehemann der Schwester sei das unangenehm, weil die Leute gucken, "aber er hat sie schon mit Kopftuch kennengelernt. Meine Schwester würde sich niemals von ihm sagen lassen, dass sie es abnehmen soll", sagt Rana. "Genauso wenig lässt sie sich von ihm sagen, dass sie lieber zu Hause bleiben soll, um nicht angestarrt zu werden. Sie trägt das Kopftuch aus Überzeugung und mit Stolz."

Rana nimmt die Blicke der nichtmuslimischen Umgebung heute nicht mehr wahr, auch wenn ihr Mann sie manchmal darauf hinweist. "Mir ist das jetzt egal", sagt sie und stupst das Mädchen mit hellbraunen Ringellocken an, "dank ihr hat es Klick gemacht. Ich will mich nicht mehr verstecken." Das Mädchen grinst, die Mutter auch, dann schlägt sie die Hände vor dem Mund zusammen: "Oh nein, was hast du gemacht!" Während die Mutter erzählte, hat die Jüngste eine überreife Nektarine auf ihrem kleinen Körper und auf der Picknickdecke verteilt.

Rana führt ein Leben zwischen Politik, Computersystemen und Mutterdasein. Eins davon würde sie am liebsten streichen.

*Name von der Redaktion geändert