"Klasse statt Masse?", denke ich und frage mich, wo da noch die Sozialdemokratie ist. Doch Frau Ressel hört zu und wenn Grimm merkt, dass er zu kompliziert wird, hilft er sich mit Schlagworten: "Die Windräder zerschreddern Vögel", sagt er dann und Frau Ressel nickt. Beim Verabschieden sagt sie: "Ich würde die AfD wählen, wenn die das alles durchgesetzt bekommt." 

Grimm ist längst aufgesogen von den Ideen der Neuen Rechten, glaubt fest daran, dass sie das durchgesetzt bekommen müssen und dabei entgehen ihm die inneren Widersprüche der einfachen Lösungen. Eben plädierte er noch für den Abbau von Handelshemmnissen in Europa. Als ich ihn jetzt frage, wie das mit Grenzkontrollen zusammengeht, stutzt er, macht eine lange Pause und überlegt dann laut:

"Also ich stelle mir das gerade vor: Es kommt ein Lkw aus der Schweiz an und derzeit wird er durchgewinkt. Wir würden ihn natürlich stoppen und Stichproben machen müssen: Sind da wirklich Kartons drauf oder irgendwelche Leute, die illegal nach Deutschland einreisen wollen? Also ja: Grenzen zu heißt auch Waren kontrollieren." Würde das nicht zu kilometerlangen Staus führen? "Es funktionierte ja früher auch."

Außerdem wäre es das wert, denn Flüchtlinge, erklärt er, bedrohten den sozialen Frieden. Bei der NPD hingegen verrenkt er sich. "Die NPD ist immer noch eine in der Demokratie zugelassene Partei", sagt er. Im Kreistag von Nordwestmecklenburg, in dem er seit zwei Jahren für die AfD sitzt, setzte er sich dafür ein, dass Anträge der NPD unterstützt werden. Alle anderen Parteien schlossen das bisher kategorisch aus.

Früher kämpfte er gegen Kohl und Strauß, jetzt ist er in der gleichen Partei wie Ralph Weber, Jura-Professor aus Greifswald, der in einer Vorlesung ein T-Shirt von der Neonazi-Marke Thor Steinar trug. "Ich kenne Professor Weber. Es ist doch sein gutes Recht, diese Thor-Steinar-Kleidung anzuziehen", sagt Grimm.

Der Jura-Professor promovierte kürzlich den früheren Sänger der Band Hassgesang, Maik Bunzel. Ins Mikrofon brüllte der: "Adolf Hitler, im Kampf für unser Land. Adolf Hitler, sein Werk verteufelt und verkannt. Adolf Hitler, du machtest es uns vor. Adolf Hitler, Sieg Heil tönt es zu dir empor."

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Grimm, der gegen 13 Uhr beschließt seinen Wahlkampfstand einzupacken, studierte Jura, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Erobert die AfD nur halb so viele Stimmen wie prognostiziert, dann wird er am 4. September Berufspolitiker und will dann für mehr direkte Demokratie kämpfen, denn: "Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verfolgen den geheimen Plan, dass sich die Nation Deutschland in Europa auflöst, wie ein Stück Würfelzucker im Kaffee."

In seinem Wahlkampfspot guckt er mit festem Blick in die Kamera und sagt: "Mein Herz schlägt immer noch links."

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