Bei einem Anschlag auf ein Polizeihauptquartier im türkischen Kurdengebiet sind am Freitagmorgen nach offiziellen Angaben elf Polizisten getötet worden. 78 Menschen wurden verletzt, darunter drei Zivilisten, als ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen an einem Kontrollpunkt etwa 50 Meter vor dem Gebäude explodierte. Das dreistöckige Polizeigebäude im türkisch-syrischen Grenzort Cizre glich nach der Detonation einer Ruine, wie Fernsehbilder zeigten. Ein Materiallager stand in Flammen.

Zu dem Attentat bekannte sich am Nachmittag die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Als Grund gab sie in ihrer im Internet veröffentlichten Erklärung die "anhaltende Isolation" des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan an.

Cizre wird mehrheitlich von Kurden bewohnt. Anfang des Jahres kam es dort zu Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen Minderheit. Soldaten und Polizisten hatten sich wochenlang Häuserkämpfe mit PKK-Anhängern geliefert, bei denen ganze Straßenzüge zerstört wurden. Auslöser für diese Gefechte war eine Aktion der PKK, bei der Aktivisten der Organisation in einigen Städten einseitig Autonomiegebiete ausgerufen und diese mit Straßengräben und Barrikaden gegen die Sicherheitskräfte verteidigt hatten.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım drohte der PKK schon kurz nach dem Anschlag in Cizre Vergeltung an. "Wir werden diese hinterhältige Terrororganisation, die eine Geißel für unser Land ist, in die Knie zwingen", sagte er in Istanbul. Der Anschlag reiht sich in eine Serie von Attacken der PKK ein, seitdem ein Waffenstillstand vor gut einem Jahr scheiterte.

Erst am Vortag war im Nordosten der Türkei der Konvoi eines Spitzenpolitikers der Opposition angegriffen worden. Dabei wurden drei Soldaten verletzt, einer von ihnen tödlich. Der Politiker Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der Mitte-Links-Partei CHP, blieb bei dem Anschlag in der Nordostprovinz Artvin unversehrt. Auch zu diesem Anschlag bekannte sich die PKK. Er habe dem Militär gegolten, nicht aber Kılıçdaroğlu, teilte die PKK auf ihrer Website mit. Die Untergrundorganisation wird nicht nur von der Türkei, sondern auch von den USA und der EU als terroristisch eingestuft.

Seit 1984 mehr als 40.000 Tote

Die türkische Armee geht mit aller Härte gegen die PKK im Südosten des Landes vor. Seit 1984 wurden in dem Konflikt zwischen der PKK und der türkischen Regierung mehr als 40.000 Menschen getötet. Erst Anfang der Woche gab es zwei verheerende Anschläge in der Region. In der Stadt Elâzığ wurden bei einem Anschlag auf das dortige Polizeihauptquartier sechs Menschen getötet und fast 200 weitere verletzt. Zuvor explodierte in der Nacht eine Autobombe im Zentrum der weiter östlich gelegenen Stadt Van. Dieser Anschlag galt ebenfalls dem ansässigen Polizeihauptquartier, drei Menschen wurden getötet, mehr als 70 weitere verletzt.

Der schlimmste Terroranschlag der vergangenen Tage galt einer kurdischen Hochzeitsfeier in Gaziantep, bei dem mehr als 50 Menschen getötet worden. Für diese Attacke machte die Türkei die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verantwortlich. Drei Tage danach überquerte die türkische Armee die Grenze nach Nordsyrien und schaltete sich erstmals direkt in den dortigen Krieg ein. Zusammen mit Kämpfern der Freien Syrischen Armee nahm sie die seit gut zwei Jahren vom IS kontrollierte syrische Grenzstadt Dscharabulus ein – auch um kurdische Kämpfer zurückzudrängen, ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet dieser Einheiten im Norden Syriens und so ein Übergreifen der Autonomiebestrebungen auf türkisches Territorium zu verhindern.