Trauer und Tränen in Ascoli Piceno: Zum Staatsakt für die Opfer der Erdbebenkatastrophe in Italien sind zahlreiche Trauernde in die Sporthalle der Stadt gekommen. Auch Staatspräsident Sergio Mattarella und Ministerpräsident Matteo Renzi nahmen an der Zeremonie teil. 35 mit Blumen geschmückte Särge waren von Leichenwagen in den Palazzetto dello Sport gebracht worden. Überall im Land wehen an diesem Tag der nationalen Trauer die Flaggen auf halbmast. Radiostationen hatten zu Beginn der Trauerfeier das Programm für eine Minute unterbrochen.

"Habt keine Angst, euer Leid hinauszurufen, aber verliert auch nicht euren Mut", sagte Bischof Giovanni D'Ercole beim Staatsakt in der großen Sporthalle und forderte die Trauernden auf, die Kraft zu finden, Häuser und Gemeinden wieder aufzubauen. "Es tut mir leid, dass wir zu spät gekommen sind", stand als Botschaft eines Vertreters der Rettungskräfte an einem Zettel auf einem Sarg geschrieben. "Aber ich möchte, dass Du von dort oben weißt, dass wir unser Möglichstes getan haben, um Dich dort rauszuholen. Wenn ich später nach Hause zurückkehre, weiß ich, dass ein Engel aus dem Himmel auf mich schaut."

Staatschef Mattarella umarmte die Trauernden, auch Renzi zeigte sich tief bewegt und sprach mit den Angehörigen. Die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Laura Boldrini, spendete weinenden Menschen Trost. Pfadfinder hatten zuvor darüber gewacht, dass nur Familienmitglieder in die Halle gelangten. Die Zeremonie, zu der auch internationale Medienbeobachter anreisten, wird von einem Großaufgebot an Sicherheitskräften bewacht. Das Gedenken für die Toten in dem besonders schwer getroffenen Ort Amatrice ist für Dienstagabend geplant. Dazu werden wiederum Mattarella und Renzi erwartet.

Bei dem verheerenden Erdbeben in der Nacht zum Mittwoch kamen nach Angaben des Zivilschutzes mindestens 290 Menschen ums Leben. Allein in dem Bergdorf Amatrice starben 230 Menschen, wie der Zivilschutz mitteilte. Tausende Menschen in der Bergregion des Apennin wurden obdachlos. Besonders schlimm betroffen war auch Accumoli in der zentralitalienischen Region Latium, dessen historischer Kern völlig zerstört wurde. Seither erschüttern auch eine Reihe von Nachbeben die Region. In der Nacht zu Samstag erreichte sie eine Stärke von 4, wie das Italienische Institut für Geophysik mitteilte. Die Rettungsarbeiten werden so immer wieder erschwert.

Unmittelbar vor dem Staatsbegräbnis besuchte Staatspräsident Mattarella den Ort Amatrice, der zum Symbol der jüngsten Katastrophe wurde. Bürgermeister Sergio Pirozzi führte das Staatsoberhaupt durch den Ort, allerdings nur an den Stadtrand, weil es zu gefährlich gewesen wäre, das zerstörte mittelalterliche Zentrum aufzusuchen. "Danke für das, was ihr macht", sagte Mattarella zu Bergungskräften. "Das ist unsere Pflicht", antworteten die Helfer, die seit dem Beben unermüdlich versuchen, Opfer aus den Trümmern zu bergen. Erst in der Nacht waren unter den Trümmern eines Hotels weitere drei Leichen gefunden worden. 

Bürger berichteten im italienischen Fernsehen, der Präsident habe ihnen einen raschen Wiederaufbau zugesichert. Sie würden sich "daran erinnern", damit sie "nicht so enden wie in L'Aquila, wo sie immer noch am Anfang stehen", hieß es mit Verweis auf die Stadt in Abruzzen, die durch ein Erdbeben 2009 schwere Schäden erlitten hatte. Der damalige Regierungschef Silvio Berlusconi sagte damals eine Milliardensumme für den Wiederaufbau zu.

Zugleich leitete die zuständige Staatsanwaltschaft in der italienischen Provinz Rieti Untersuchungen ein, ob in der Erdbebenregion gegen Bauvorschriften verstoßen wurde. "Was da passiert ist, kann nicht nur als Unglück gesehen werden", zitierte die Tageszeitung La Repubblica Staatsanwalt Giuseppe Saieva. Bei einigen der zerstörten Häuser sei "mit mehr Sand als Zement" gebaut worden. Vor allem der Einsturz einer erst kürzlich renovierten Grundschule in Amatrice hatte für Aufsehen und eine öffentliche Debatte gesorgt. Bisher seien aber keine Verdächtigen identifiziert worden.