Zwei Tage nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien haben mehrere Erdstöße die Katastrophenregion erschüttert. Das stärkste Nachbeben ereignete sich am Freitagmorgen und hatte nach Angaben der italienischen Erdbebenwarte eine Stärke von 4,8. Das Zentrum lag demnach in elf Kilometern Tiefe in der Provinz Rieti, nicht weit von dem Ort Amatrice entfernt. Dort gab es im Zentrum weitere Einstürze, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Allerdings nicht dort, wo die Helfer versuchten, noch Opfer aus den Trümmern zu bergen.

Bisher hatte die Zahl der Toten bei mindestens 250 gelegen, der Zivilschutz sprach laut Nachrichtenagentur Ansa nun von 267. 387 Verletzte wurden in Krankenhäusern behandelt, wie der Zivilschutz weiter mitteilte. Einsatzleiterin Immacolata Postiglione erklärte, auch eineinhalb Tage nach dem schweren Beben werde weiter nach Verschütteten gesucht.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi hat den zerstörten Ortschaften in Mittelitalien unterdessen schnelle Hilfe beim Wiederaufbau versprochen und zusammen mit seinem Kabinett ein vorläufiges Hilfspaket in Höhe von 50 Millionen Euro gebilligt. "Wir haben die moralische Pflicht gegenüber den Frauen und Männern dieser Gemeinden", sagte er und kündigte an, dass die Bewohner der Unglücksregion von der Steuer befreit werden.

Für Beobachter ist dies allerdings erst der Anfang eines langen und kostspieligen Wiederaufbaus. Denn das Ausmaß der Schäden ist immens: Die Dörfer Amatrice und Accumoli in Latium und Pescara del Tronto in den Marken hat das Erdbeben vom frühen Mittwochmorgen praktisch eingeebnet.

"Der Wiederaufbau dieser Dörfer ist die Priorität der Regierung und des Landes", sagte Renzi, stellte aber auch klar, dass sein Land eine "Hausaufgabe für die Zukunft" habe: die Verbesserung der Erdbebenvorsorge. Der Premier sprach von einem neuen "Präventionsplan" und stellte eine Initiative mit dem Titel "Italienische Häuser" vor. Damit will er auch der anhaltenden Kritik an den Baustandards entgegentreten. Tatsächlich gelten die Vorschriften zum Bau erdbebensicherer Gebäude nicht für alte Häuser – doch auch bei Neubauten werden diese Standards häufig nicht angewandt.

Renzi räumte ein, dass die Sicherung alter Gebäude in Italien, das eine Reihe von Welterbestätten beherbergt, keine leichte Sache sei. Es sei illusorisch zu denken, dass man alles kontrollieren könne, so der Ministerpräsident. "Wir reden über Ortschaften aus der Zeit des Mittelalters." Die historischen Zentren vieler Städte könnten nicht einfach "dem Erdboden gleichgemacht" werden. Dennoch: Es gebe durchaus moderne Technologien zum besseren Schutz der Gebäude, deren Einsatz man nun prüfen müsse.

Nach Angaben von Kulturminister Dario Franceschini wurden bei dem Erdbeben 293 historische Gebäude beschädigt oder zerstört, darunter viele Kirchen und Paläste aus dem Mittelalter. Bereits am Mittwoch hatte Franceschini einen speziellen Krisenstab eingerichtet und "Kulturblauhelme" mit der Begutachtung und Restaurierung der Schäden beauftragt. In dem besonders schwer vom Beben betroffenen Städtchen Amatrice etwa wurde die 1428 gebaute Kirche Sant'Agostini komplett zerstört.

Derweil versuchen Rettungsmannschaften unermüdlich, in den Trümmern noch Überlebende zu finden. "Wir arbeiten unermüdlich weiter, bis die letzte Person gefunden ist, und stellen sicher, dass niemand mehr verschüttet ist", sagte der Sprecher der Rettungskräfte, Lorenzo Botti. Rund 700 Nachbeben erschweren ihm und seinen Kollegen allerdings die Arbeit. Lob aus Rom gab es dennoch: "Wir sind die Besten der Welt im Umgang mit Notfällen", sagte Premier Renzi mit Blick auf die vielen freiwilligen Helfer.