Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Ceterum censeo

Liebe Leser, der "Kolumnistenpreis für Literaturkritik und Revisionsrecht" kann in dieser Woche nur an eine Person gehen. Ihren Namen muss man eigentlich nicht mehr nennen, tut es aber trotzdem gern:

Der Kolumnenkenner Volker Zastrow erhält den Preis des Kolumnisten und zugleich den Baden-Badener "Venus Award" für sein Werk Der Richter mit den dicken Silikonbrüsten, veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 31. Juli 2016 auf Seite zwo.

Ich empfehle Ihnen allen das Werk zur Lektüre – es ist eine Art Porträt meiner Person – immerhin das dritte dem Fischer im Recht gewidmete, welches die Zeitung für Deutschland binnen kurzer Zeit in die Welt schleudert. Man kann dabei, wie schon in den vorangegangenen Erregungsausscheidungen der FAZ, das eine oder andere lernen über unsere gute alte Zeitung für Deutschland.

In Gestalt des Herrn Zastrow kommt nun auch schon der dritte FAZ-Autor aus seiner dunklen Höhle gestürzt wie die Leopardenmuräne aus dem Riff. Er reißt den Rachen mit den giftigen Zähnen auf und fordert die umherflitschenden Zebrafische auf, dem großmächtigen Zackenbarsch den Garaus zu machen.

Warum bloß? Welch bebende Wut muss da Platz gegriffen haben, und woher mag sie rühren? Ich selbst kenne Herrn Zastrow nicht. Er hat mit mir, über den er alles Mögliche zu wissen behauptet, nie ein Wort gesprochen.

Das Publikum immerhin kennt Herrn Zastrow aus seiner furchterregenden Kampagne gegen die Laschheit der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK), als beherzten Bekämpfer der "Fäkalsprache" und als Retter der Jugend vor Homosexualität – kurz: als Beauftragten zur Ausrottung von Schmutz und Schund. Sein Herausgeber Kohler posierte am 15. April 2016 in der FAZ mit offenem Hosenschlitz:

"Die Steinbach kann's einfach nicht. Sie hätte sich ein Beispiel an den Tweets nehmen sollen, die Böhmermann über sie abgesondert hat, in denen es nur so von eingeölten, holzharten Homosexuellenkörperteilen pimmelt."

Da war Herr Zastrow vermutlich gerade im Urlaub. Sonst hätte es auf Seite eins gewiss ein Jahrhundertstück gegeben mit dem Titel: "Der Herausgeber mit dem eingeölten P…" Daher kann sich gewiss jeder FAZ-Mitarbeiter die knallharte Abmahnung vorstellen, die Zastrow nach Urlaubsrückkehr in die Hauspost gab.  

In diesem Werkzusammenhang sollte man wohl auch sein neuestes, dem Kolumnisten gewidmetes Stück betrachten. Eine Internet-Abfrage führt uns zu folgender Beobachtung der Autorin Andrea Geier in literaturkritik.de:

"Schriebe Zastrow eine kleine Anleitung zur Rhetorik der Diffamierung, hießen ihre wichtigsten Punkte: Behaupte, dass die Zusammenhänge, um die es dir geht, allgemein bekannt und sonnenklar sind, aber bisher unausgesprochen geblieben sind. Gerade wenn dein Argument offenkundig absurd ist, wäre es ein Fehler, es argumentativ stützen zu wollen. Streue vielmehr immer wieder Bemerkungen in den Text ein, die deiner These zuarbeiten, so dass im Gesamteindruck die Leser/innen das Gefühl bekommen, du hättest ihnen deine Thesen bewiesen."

Vom Revisionsrecht lässt sich der Journalist mit Geschichtsstudium nicht abschrecken

Diesen Leitfaden hat er, das muss man ihm lassen, auch hier nicht nur befolgt, sondern kreativ ausgebaut.

Nehmen wir die inkriminierten Zitate: Sie sind ausnahmslos aus dem Zusammenhang gerissen und im Sinn verdreht. Teilweise sind es nicht einmal  Zitate des Kolumnisten, sondern solche dritter Personen, die dieser persifliert hatte. Selbst der Angeklagten Beate Zschäpe eilt Zastrow – an überraschender Stelle ganz Kavalier – zu Hilfe. Er vergisst hinzuzufügen, dass der Inhalt der ganzen Kolumne, aus welcher er lediglich einen matten Halbsatz über das "Mondgesicht" zitiert, nichts anderes war als die Verteidigung eben dieser Angeklagten gegen den Voyeurismus und die Vor-Verurteilung der außer Rand und Band geratenen Medien – auch der FAZ. "Haltet den Dieb!", ruft der Hund, die höchstpersönlich gestohlene Wurst quer im Maul.

Nehmen wir den Sachverstand: Vom Revisionsrecht lässt sich der Journalist mit Geschichtsstudium nicht abschrecken. "Bestürzend unzulänglich" findet er die Richtertätigkeit des Verhassten. Irgendetwas, was dem Vorwurf auch nur den Schein von Kompetenz verleihen könnte, ist ihm auf die Schnelle nicht eingefallen.

Nehmen wir die Stimmigkeit der Verdammungen des Kolumnisten: Innerhalb weniger Zeilen legt Zastrow einerseits dar, der ihm Kritisierte pflege einen "feigen Stil", der den Angegriffenen nicht erkennen lasse, und andererseits, er verbreite Hohn notorisch ad personam.

Und nehmen wir schließlich die vom Fischer im Recht erwähnten "Silikonbrüste". In einer entschlossenen Aufwallung von Humor dichtet Zastrow diese Inkorporationen mitten in den Richter hinein, den er niederzuschmettern sucht. Nun ist es mit der Silikonbrust allerdings so eine Sache. Seit Russ Meyer sprach: "Alle meine Schauspielerinnen haben zwei Dinge gemeinsam", versinkt die Welt in Implantaten, von denen 99 Prozent gerade nicht der Rekonstruktion nach karzinombedingter Amputation, sondern der Erhöhung des sexuellen Grunderregungspotenzials Mama-fixierter Männer dienen. Anständige Journalisten lassen sich spätestens nach dem zweiten Bier keinen Holz-vor-der-Hütte-Witz entgehen, verachten aber pflichtgemäß einen Bauunternehmer aus Wien, der Pamela Anderson für hunderttausend Dollar zum Opernball führt. In Wahrheit ziehen sie eine Triefspur der Sehnsucht hinter Kim Kardashian her wie mein Mastiff hinter dem Nassfutter.

Anders gesagt: Das Model Gina-Lisa Lohfink als eine "Frau mit dicken Silikonbrüsten" zu bezeichnen heißt, wenn Sprache noch einen Sinn haben soll, Holz in den Wald tragen. Und dass das Präsentieren ihrer sekundären Geschlechtsmerkmale in den vergangenen Jahren die hauptsächliche berufliche Tätigkeit von Frau L. gewesen ist, dürfte ja nun wirklich jeder Einfaltspinsel den zahllosen Selbst- und Fremddarstellungen der Figur der Zeitgeschichte entnehmen: "Viel zu sehen für die TV-Gebühr. Gina-Lisa Lohfink drehte gestern beim Marienhof und zeigte ihre frisch gemachten XXL-Brüste", meldete eine große deutsche Tageszeitung.

"Die Spielerinnen rennen aufs Feld. Ihre knappen Höschen enden haarscharf an der Schamhaargrenze. Ihre Bustiers werden von überdimensionalen Silikonbrüsten gesprengt."

Mit diesen erregenden Worten geißelte Emma, Fachzeitschrift für Sexualstrafrecht und Zentralorgan des Gina-Lisa-Teams, den "neuesten Trend", den sie humorvoll "Sporno" nennt. Sie meinte damit so perverse Dinge wie Beachvolleyball und Frauen-Football. "Es überrascht kaum, wenn zahlreiche Spielerinnen (…) aus der Pornobranche kommen." Dies, liebe Leserinnen, ist der Geist der Freiheit, den Sie Arm in Arm mit Emma und Herrn Zastrow gegen den Kolumnisten verteidigen sollen!

Zurück zur Mutter des guten Geschmacks, zurück zur FAZ. Irgendetwas an der Raserei der Zeitung gegen den Kolumnisten erscheint selbst dem gutmütig  kolumnenkritischen Leser irgendwie fehlgesteuert, oder dürfen wir sagen: grenzwertig. Zunächst könnte man denken, es sei dieser etwas alberne, wenn auch offenkundige Wille zur größtmöglichen Beschädigung, der ja auch schon die Vorgängerstücke der Autoren Brubowski und Kohler kennzeichnete – dieses Japsende, Sich-Überschlagende. Andererseits ist das aber schon fast normal in einer Medienlandschaft, über deren Degeneration zum Maschinenpark der Güllezerstäuber die Frankfurter Allgemeine Zeitung sich sonst so bigott zu entrüsten vermag wie keine zweite.

Die Botschaft ist ein stetes Vorwärts!

Eher hier dürfte daher das Geheimnis liegen: "Alte Tante" heißt die FAZ ja nicht deshalb, weil sie so betagt ist und so voll von herzlicher Menschenfreundlichkeit. Sondern weil sie das Zentralorgan einer angeblich bildungsbürgerlichen Weltsicht ist, für welche die Ordnung einer Gesellschaft vor allem daraus besteht, dass jeder Schuster bei seinen Leisten bleibt und jedes Mäntelchen an seinem Häkchen hängt. Deshalb gerät diese Zeitung, die sich aus der Ferne als Tanker der Beständigkeit präsentiert, regelmäßig in echte Verzweiflung, wenn die Rechtschreibung ein bisschen geändert werden soll, 20.000 Lokführer eine eigene Gewerkschaft aufmachen oder Horst Köhler die Brocken hinschmeißt. Dann murmelt und unkt und dräut und jammert es aus den finstern Grotten der Frankfurter Apokalyptiker: Ogottogott! Wo soll das alles enden? Was soll bloß aus uns werden?

Die kleine Welt der großen FAZ, das lässt sich wohl sagen, ist in der letzten Zeit ziemlich unter Druck geraten. Das Vakuum breitet sich aus, bis in die Ladenkasse. Und mit der Luftnot steigt der Furor Teutonicus: Sie können es und wollen es und wollen es nicht aushalten, dass die Dinge und die Personen nicht an ihrem Platz bleiben, sondern umherwandern, einander durchdringen, ihre Rollen, Positionen und Bedeutungen wechseln, unberechenbar sind. Arme FAZ. (Bitte hören Sie an dieser Stelle bitte Mother von John Lennon. Und zwar richtig laut und bis zu Ende.)  

Zur selben Stunde, da Volker Zastrow und die Zeitung für Deutschland ihm jede Spur irgendeiner Anerkennung versagten, las der Kolumnist in der Welt am Sonntag vom 31. Juli auf Seite 22 ein vom Autor Uwe Schmitt verfasstes Porträt des Fischers im Recht. Dort wurde ein ganz anderer Richter vorgestellt, der Herrn Zastrow ebenso unbekannt ist wie der von ihm selbst beschriebene.

Bleibt die Frage: Kennen die beiden Richter einander? Handelt es sich um ungleiche Zwillinge? Um gespaltene Persönlichkeiten? Wer weiß. Sicher ist bloß, dass keiner von beiden einen Herrn Zastrow kennt. Und das ist gut so.

Das Sachthema dieser Woche handelt von der:

Die Zweispurigkeit des Strafrechts

Zweispurig, so nannten die deutschen Strafrechtsreformer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine Idee, die ganz neu auch wieder nicht war: Eine Trennung zwischen Strafen und Heilen beziehungsweise zwischen Strafen und Sichern. Ich habe darüber schon in einer früheren Kolumne berichtet, komme aber aus aktuellem Anlass darauf zurück.

Reform

Gleich nach dem Zwischentitel muss man schon die erste Einschränkung machen: Das Wort "Reform" ist in der Gesetzesgeschichte, der Rechtswissenschaft und der Rechtspolitik so desavouiert wie kaum ein anderes. Das betrifft nicht den kargen Wortsinn: "Neugestaltung". Sondern vielmehr seinen von Anfang an und über alle Zeitläufe erbärmlich missbrauchten Sinn: "Reform" nannte das Kaiserreich jede Verschärfung der Meinungsunterdrückung; "Reform" hießen die Gesetze zur Entrechtung der Juden; "Reform" schreibt seit 1949 der Bundesgesetzgeber über manches Gesetz, weil er es für besonders problematisch hält.

Das darf er, denn der Titel eines Gesetzes fällt nicht vom Himmel oder erscheint dem Bundestagspräsidenten im Traum, sondern ist das Ergebnis eines rechtspolitischen Wollens und Formens oder Sinnens: Die Fraktion, die sich durchsetzt, bestimmt auch den Titel des Gesetzes. Und wenn sie dazu der Hilfe einer Politikberatungsfirma bedarf, deren Partner aus einer Riege vordem bedeutender Elder-Fraktionsmen besteht, so ist das nur natürlich und nicht schlecht, sondern gut (wie Mao sagen würde).

Also heißt ein Gesetz, das die Förderung von Arbeitslosen einschränkt, "Gesetz zur Beschleunigung der Integration in den Arbeitsmarkt", ein Gesetz, das das Streikrecht beschränkt, "Gesetz zur Modernisierung der Arbeitnehmervertretung", ein Gesetz, das den Bürgern jede denkbare Möglichkeit nimmt, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, "Gesetz zur Sicherstellung der Lebensfreude". 

Warum ist das so? Weil die Worte "Reform" oder "Modernisierung" etwas in uns anstoßen. Täten sie das nicht – jeder Politiker, jede Partei und erst recht jede Regierung miede sie. Niemand würde seinen Gesetzesvorschlag nennen: "Gesetz zur Rückwärtsorientierung" oder "Gesetz zur Rückgängigmachung der Reform…". Die Botschaft ist also ein stetes Vorwärts! Und sie trifft immerzu in die Seelen: Vorwärts, wohin auch immer! So etwas kann nur funktionieren, wenn man an einen sehr starken Magneten rührt.

Fürchte dich nicht vor der Freiheit!

Erstaunlich! Wo wir doch im christlich-jüdischen Abendland leben! Und nicht etwa im islamischen "Kulturkreis", der bekanntlich etwas anderes ist als ein Abendland. Und nicht im ostasiatischen, der immerzu in sich selbst ruht und daher seit 50 Jahren mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an uns vorbeizieht. Viele tausend Jahre lang hat uns jeglicher Aufruf zur "Reform" keinen Zentimeter von der Schlafmatte bewegt. "Du mich auch", rief daher der keulenschwingende Krieger der Wagabu (Am Anfang war das Feuer, 1981, Regie Jean-Jacques Annaud) in die Reformdebatte. Irgendwann später kam die Sache dann aber doch ins Rollen.  

Nun also gehen wir jüdischen Christen des Abendlands in uns und murmeln und lesen und studieren die Schriften und Pergamente unserer heiligen Kultur, als da sind: der Mustertarifvertrag der IGM von 1962 und die geheimen Anlagen zum Koalitionsvertrag 1981 und die Spenderliste des Kanzlers der Einheit. Und wir finden: Uns selbst. Polaroid. DNA. Eindeutig.

Was das heißt? Ganz einfach: Es ist mitnichten alles verloren. "Reform" heißt nur deshalb Reform, weil wir uns, auf unserem erbärmlich kleinen Flecken zwischen Warnemünde und Freiburg, bis heute an dieses Wort erinnern, und damit verbinden: Öffnung, Freiheit, Atemluft, Gestaltungskraft, Entwicklung, Freude. Siehe Schiller: hoher Berg, klare Luft, Wilhelm Tell. Wir hätten diese Assoziationen nicht, wenn das Wort sie nicht viele hundert Jahre geprägt und getragen hätte.

Offenheit und Freiheit: Das bezeichnet, wie jeder Nichtverrückte außerhalb des – an diesen Hoffnungen schrecklich früh gescheiterten, aber bis heute nachtretenden – "Wilden Westens" weiß, keineswegs die Freiheit, auf meinem Rasenstück abzuknallen, wen ich zum Feind erkläre. Sondern es ist das Versprechen jener Zivilisation, die uns zu unseren Rasenstücken verholfen hat, während Milliarden anderen solches Glück nicht vergönnt war.

Fürchte dich nicht vor der Freiheit! Ich bezweifle stark, dass dies der authentische Auftrag war der Erweckten in jeglichem Namen, mögen ihre Exegeten auch bis heute in Höchstdrehzahl rotieren. Ich denke vielmehr, der Appell kommt aus den Tiefen unserer selbst, und richtet sich daher unserer Natur nach keinesfalls auf die Unfreiheit der jeweils anderen.

Der Wahnsinn

Wenn Sebastian Schweinsteiger, ungedopt, aus Sicht von Mehmet S. dezent übergewichtig, untrainiert, in der 93. Minute gegen die Ukraine ein Tor schießt wie Günter Netzer (aus Sicht von Waldemar H. dezent adipös) im Pokalfinale von  1973, dann sagt der Maghrebiner: "Wahnsinn". Er meint damit natürlich nicht, dass der Schweini von 2016 geisteskrank geworden sei, sondern nur, dass die Wirklichkeit vor den Augen des Nordafrikaners soeben eine Form angenommen hat, die er für übernatürlich hielte, stünde das Gegenteil nicht fest. Aber das tut es.

Anders wäre es: Wenn zum Beispiel eine riesige blauweiße Wolke sich über das Stadion senkte, und eine Stimme käme aus dem Himmel wie aus tausend Marshall-Verstärkern, die da spräche: "Dies ist mein lieber Mittelstürmer, an dem ich Wohlgefallen habe", und dann liefe ein kleiner Mensch, der sich niemals selbst eingewechselt hat, ganz allein in einem Halbkreis gegen den Ball, in Super-Slow-Motion, und die Bananenflanke senkte sich von rechts herein, und Uwe Seeler stiege hoch und hoch, höher als jemals vor ihm ein Mensch gestiegen ist, und er legte sich quer in der Luft, drei Meter über dem braunen Rasen, und er zöge einen Seitfallrückzieher mit dem rechten Spann ins linke Lattenkreuz, und noch bevor er den Boden berührte, wäre er vom gnadenlosesten Treter aller Zeiten, Nobby Stiles, genannt Ohnezahn, schon wieder gefoult worden, aber egal.

Je kleiner und beschränkter der Mensch, desto unendlicher die Gewalt, die ihn angeblich leitet

Das, verehrte Tischtennisfreunde, wäre wirklich Wahnsinn! Oder eine kollektive LSD-Erfahrung. Schauen Sie dazu an: Puccini, Madame Butterfly, "Un bel di vedremo", Maria Callas in: Wacken. Der Film, 2014 (und bitte nicht die unintelligente YouTube-Version).

Der Wahnsinn also ist, was schon vor 3.000 Jahren die jeweils erkorene "Best Pythia of Delphi" wusste, ein merkwürdiges Ding: mal höchstes Glück, mal schrecklichstes Leid. Viele Jahrtausende lang haben wir Menschen nicht genau gewusst, was die Grenze oder die Schnittmenge zwischen beidem ausmacht. Über Feuer sprangen Priester und Sehende, Kriegshäuptlinge und Heiler, Erretter und Führer aus allerhöchster Weisheit. Je kleiner und beschränkter der Mensch, desto unendlicher die Gewalt, die ihn angeblich leitet.

Bis heute murmeln die Weltendeuter und Wortausdeuter, die goldgekrönten Dolmetscher des jenseitigen Königreichs und die pietistischen Zweifler der Askese, und haben doch nur dasselbe zu sagen: Sieh zu, wie du klarkommst, Yak-Treiber und Mittelmeer-Flüchtling, Richter und Gerichteter, Vortrefflicher und Erbärmlicher.

Das Murmeln wird, wenn mich nicht alles täuscht, über die Jahrhunderte leiser und leiser. Und das ist gut so, wenn auch nicht immer und jederzeit. Auch das muss man aushalten und nicht gleich wieder die Nerven verlieren. Wir haben das mit den Hexen hingekriegt und dem Fegefeuer und den blutenden Madonnen – und zwar, aufs Ganze gesehen, mit links. Nicht ohne unschuldige Opfer, nicht ohne vermeidbares Leid; aber doch ohne je die Hoffnung aufzugeben. (Unvermeidlich: The Road, 2009, Regie John Hillcoat.)

Also werden wir auch die Sache mit dem Dschihad hinkriegen: Je sicherer wir unserer Welt sind, desto schneller. Denn der Dschihad kämpft, entgegen seinem durcheinandergeratenen Zeitgefühl, mitnichten gegen das Kreuzfahrertum oder die Geißlerzüge oder die Verzückung der heiligen Märtyrer, und daher auch nicht gegen das "Abendland": Er kämpft auch mitnichten für das, was er zu sein vorgibt: ein Gottesreich. Denn das, liebe Verzückte, haben wir längst hinter uns. 

Der Dschihad kämpft in seinen Wurzeln gegen die Armut und die Dummheit, in seinen Formen aber gegen die Offenheit und die Freiheit, für die erbärmlichste ejaculatio violentiae und einen Streifen mehr auf dem Turnschuh und zwei Gramm mehr Koks im Hirn. Das macht die Sache unübersichtlich. Die Drogenmafia in Mittelamerika ist eine Degenerationsform des Dschihad. Der Dschihad ist ein zweitausend Jahre verspäteter Spartakus-Aufstand: Sklaven möchten Herren sein.

Oben auf ihrer Dächer Zinnen stehen die Kaiser der Welt und rümpfen die Nase über die tätowierten Krieger aus dem stinkenden Morast des Tiber. Und fürchten sich zu Tode. Frau Bundesministerin der Verteidigung rollt, Hunderte Meilen vom Einsatzort, mit einer Kompanie Leo II umher, an der Kolonnenspitze die Frage: Wo geht's zum Olympiazentrum?, am Ende eine eregierte Flagge: Bundestagswahl 2017!

Herr Kant hat die Freiheit nicht erfunden, auch nicht Herr Perikles oder Herr Cromwell. Sie alle und wir wurschteln uns so durch. So lange, wie seit Tausenden Jahren, jeder verstorbene Gotteskrieger unter dem gottgeweihten Tuch, das ihn unsichtbar und unsterblich machte, heimlich Vanilleeis mit Pistazien aß, Arien von Pamela Callas anhörte und Bilder von Maria Anderson betrachtete. Zum Glück!  

Wahre Berserker benötigten keine Ego-Shooter-Spiele, um in Stimmung zu kommen

Zurück nach Ansbach

Die Republik rätselt: Feind oder Bürger? Teufel oder Bruder? Was können wir tun gegen das Entsetzliche der unvorhergesehenen Gewalt?

Fragen wir zurück: Was haben wir bisher dagegen getan? Unvorhergesehene Gewalt ist ja, wenn man es ein bisschen genau nimmt, jetzt nichts wirklich Neues. Jedes Jahr werden in Deutschland – im sogenannten "Hellfeld" – 2.000 Personen vorsätzlich getötet; mindestens fünf pro Tag. Die Chance, dazuzugehören, ist für uns alle sehr gering. Noch viel geringer ist die statistische Wahrscheinlichkeit, im Einkaufszentrum unseres Vertrauens von einem minderjährigen Amokläufer getötet zu werden. Wenn das nicht jeder und jede in der Tiefe des Herzen wüsste, wäre ja nicht der Tatort am nächsten Öffnungstag ebenso überfüllt wie am Tag vor der Tat. Der am wenigsten wahrscheinliche Grund dafür ist nämlich, dass 30.000 Käufer dem Wahnsinn der Todesgefahr die Stirn bieten wollen. Das hieße denn wohl doch, des deutschen Menschen Widerstandskraft zu überschätzen! Hier geht niemand an den Blumengebinden vorbei zum Sommerschlussverkauf bei Deichmann und sagt: Schieß doch!

Das ist ja überhaupt nicht schlimm, sondern ganz normal. Man muss sich nur einmal ehrlich anschauen im Spiegel, und sich herauszuträumen trauen aus der Fiktion, in die man sich in den schönen gemeinsamen Stunden hineinfantasiert hat, mit Ulrich Kleber und seinen Sieben Zwergen: Wir und sie und wie viele Deutsche sind unter den Opfern und wie viele Explosionen könnte man von dort hören, wenn sie denn stattfinden würden, und wie erschüttert sind Sie?

Und dann wieder, in Slow Motion: Wie sieht eigentlich jemand aus, der sich in die Luft gesprengt hat? Wie lange brauchen die Feuerwehr und die Müllabfuhr, um die letzte Spur seiner Einmaligkeit, Größe und Kraft vom Pflaster zu spritzen? Und wie geht es deiner kleinen Schwester danach, Vollpfosten?

Die in Medien-Umfragen zunächst fragetechnisch suggerierte und alsbald als Volksmeinung wieder aufgesammelte Ansicht, man könne sowieso nichts machen, sei aber vorläufig erst einmal traumatisiert, scheint mir nicht zutreffend. 81 Millionen Deutsche sind nicht zack die Bohne traumatisiert – so wenig wie der Livereporter, wenn am Münchner Innenstadtring doch wahrhaftig ein Auto vorbeifährt.

Anders gesagt: Ist das alles am Ende nur eine Simulation?

Nun stellt sich die uralte Frage schon wieder: Verrückt oder böse? Wenn ein verwirrter, einsamer, durchgedrehter Mensch meint, er müsse die Herrschaft des "Katzengottes" auf Erden verwirklichen; oder wenn ein jenseits aller Kontrolle vegetierender Mensch meint, er müsse einen Weltenendkampf zwischen sogenannten "Rassen" von Menschen vorantreiben; oder wenn ein geschundenes Würstchen unter uns meint, durch Vernichtung seiner Mitmenschen der Ewigkeit des Rausches näherzukommen – dann ist das selbstverständlich immer Wahnsinn, aber auch immer normal und ein Reflex der Wirklichkeit. Wahre Berserker benötigten keine Ego-Shooter-Spiele, um in Stimmung zu kommen.

Was halten wir für "normal"? Uns selbst. Alles andere: irgendwie verrückt, oder zu dick, oder fehl am Platze. Was machen wir mit den Verrückten? Alle umbringen, sagt die Ameise. Alle therapieren, sagt der Therapeut. Alles schwierig, sagt der Soldat: Erst mal ein paar Panzerhaubitzen auffahren und die Lage stabilisieren. Und was dann?

Genug für heute. Zu viele Fragen. Vielleicht fällt mir bis zur nächsten Woche eine Antwort ein oder ein Vorschlag. Andernfalls mach ich's wie die Journalisten: Einfach das Thema wechseln und so tun, als sei alles ganz einfach und bloß der Bürger zu beschränkt, es zu verstehen.