Erstaunlich! Wo wir doch im christlich-jüdischen Abendland leben! Und nicht etwa im islamischen "Kulturkreis", der bekanntlich etwas anderes ist als ein Abendland. Und nicht im ostasiatischen, der immerzu in sich selbst ruht und daher seit 50 Jahren mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit an uns vorbeizieht. Viele tausend Jahre lang hat uns jeglicher Aufruf zur "Reform" keinen Zentimeter von der Schlafmatte bewegt. "Du mich auch", rief daher der keulenschwingende Krieger der Wagabu (Am Anfang war das Feuer, 1981, Regie Jean-Jacques Annaud) in die Reformdebatte. Irgendwann später kam die Sache dann aber doch ins Rollen.  

Nun also gehen wir jüdischen Christen des Abendlands in uns und murmeln und lesen und studieren die Schriften und Pergamente unserer heiligen Kultur, als da sind: der Mustertarifvertrag der IGM von 1962 und die geheimen Anlagen zum Koalitionsvertrag 1981 und die Spenderliste des Kanzlers der Einheit. Und wir finden: Uns selbst. Polaroid. DNA. Eindeutig.

Was das heißt? Ganz einfach: Es ist mitnichten alles verloren. "Reform" heißt nur deshalb Reform, weil wir uns, auf unserem erbärmlich kleinen Flecken zwischen Warnemünde und Freiburg, bis heute an dieses Wort erinnern, und damit verbinden: Öffnung, Freiheit, Atemluft, Gestaltungskraft, Entwicklung, Freude. Siehe Schiller: hoher Berg, klare Luft, Wilhelm Tell. Wir hätten diese Assoziationen nicht, wenn das Wort sie nicht viele hundert Jahre geprägt und getragen hätte.

Offenheit und Freiheit: Das bezeichnet, wie jeder Nichtverrückte außerhalb des – an diesen Hoffnungen schrecklich früh gescheiterten, aber bis heute nachtretenden – "Wilden Westens" weiß, keineswegs die Freiheit, auf meinem Rasenstück abzuknallen, wen ich zum Feind erkläre. Sondern es ist das Versprechen jener Zivilisation, die uns zu unseren Rasenstücken verholfen hat, während Milliarden anderen solches Glück nicht vergönnt war.

Fürchte dich nicht vor der Freiheit! Ich bezweifle stark, dass dies der authentische Auftrag war der Erweckten in jeglichem Namen, mögen ihre Exegeten auch bis heute in Höchstdrehzahl rotieren. Ich denke vielmehr, der Appell kommt aus den Tiefen unserer selbst, und richtet sich daher unserer Natur nach keinesfalls auf die Unfreiheit der jeweils anderen.

Der Wahnsinn

Wenn Sebastian Schweinsteiger, ungedopt, aus Sicht von Mehmet S. dezent übergewichtig, untrainiert, in der 93. Minute gegen die Ukraine ein Tor schießt wie Günter Netzer (aus Sicht von Waldemar H. dezent adipös) im Pokalfinale von  1973, dann sagt der Maghrebiner: "Wahnsinn". Er meint damit natürlich nicht, dass der Schweini von 2016 geisteskrank geworden sei, sondern nur, dass die Wirklichkeit vor den Augen des Nordafrikaners soeben eine Form angenommen hat, die er für übernatürlich hielte, stünde das Gegenteil nicht fest. Aber das tut es.

Anders wäre es: Wenn zum Beispiel eine riesige blauweiße Wolke sich über das Stadion senkte, und eine Stimme käme aus dem Himmel wie aus tausend Marshall-Verstärkern, die da spräche: "Dies ist mein lieber Mittelstürmer, an dem ich Wohlgefallen habe", und dann liefe ein kleiner Mensch, der sich niemals selbst eingewechselt hat, ganz allein in einem Halbkreis gegen den Ball, in Super-Slow-Motion, und die Bananenflanke senkte sich von rechts herein, und Uwe Seeler stiege hoch und hoch, höher als jemals vor ihm ein Mensch gestiegen ist, und er legte sich quer in der Luft, drei Meter über dem braunen Rasen, und er zöge einen Seitfallrückzieher mit dem rechten Spann ins linke Lattenkreuz, und noch bevor er den Boden berührte, wäre er vom gnadenlosesten Treter aller Zeiten, Nobby Stiles, genannt Ohnezahn, schon wieder gefoult worden, aber egal.