Zurück nach Ansbach

Die Republik rätselt: Feind oder Bürger? Teufel oder Bruder? Was können wir tun gegen das Entsetzliche der unvorhergesehenen Gewalt?

Fragen wir zurück: Was haben wir bisher dagegen getan? Unvorhergesehene Gewalt ist ja, wenn man es ein bisschen genau nimmt, jetzt nichts wirklich Neues. Jedes Jahr werden in Deutschland – im sogenannten "Hellfeld" – 2.000 Personen vorsätzlich getötet; mindestens fünf pro Tag. Die Chance, dazuzugehören, ist für uns alle sehr gering. Noch viel geringer ist die statistische Wahrscheinlichkeit, im Einkaufszentrum unseres Vertrauens von einem minderjährigen Amokläufer getötet zu werden. Wenn das nicht jeder und jede in der Tiefe des Herzen wüsste, wäre ja nicht der Tatort am nächsten Öffnungstag ebenso überfüllt wie am Tag vor der Tat. Der am wenigsten wahrscheinliche Grund dafür ist nämlich, dass 30.000 Käufer dem Wahnsinn der Todesgefahr die Stirn bieten wollen. Das hieße denn wohl doch, des deutschen Menschen Widerstandskraft zu überschätzen! Hier geht niemand an den Blumengebinden vorbei zum Sommerschlussverkauf bei Deichmann und sagt: Schieß doch!

Das ist ja überhaupt nicht schlimm, sondern ganz normal. Man muss sich nur einmal ehrlich anschauen im Spiegel, und sich herauszuträumen trauen aus der Fiktion, in die man sich in den schönen gemeinsamen Stunden hineinfantasiert hat, mit Ulrich Kleber und seinen Sieben Zwergen: Wir und sie und wie viele Deutsche sind unter den Opfern und wie viele Explosionen könnte man von dort hören, wenn sie denn stattfinden würden, und wie erschüttert sind Sie?

Und dann wieder, in Slow Motion: Wie sieht eigentlich jemand aus, der sich in die Luft gesprengt hat? Wie lange brauchen die Feuerwehr und die Müllabfuhr, um die letzte Spur seiner Einmaligkeit, Größe und Kraft vom Pflaster zu spritzen? Und wie geht es deiner kleinen Schwester danach, Vollpfosten?

Die in Medien-Umfragen zunächst fragetechnisch suggerierte und alsbald als Volksmeinung wieder aufgesammelte Ansicht, man könne sowieso nichts machen, sei aber vorläufig erst einmal traumatisiert, scheint mir nicht zutreffend. 81 Millionen Deutsche sind nicht zack die Bohne traumatisiert – so wenig wie der Livereporter, wenn am Münchner Innenstadtring doch wahrhaftig ein Auto vorbeifährt.

Anders gesagt: Ist das alles am Ende nur eine Simulation?

Nun stellt sich die uralte Frage schon wieder: Verrückt oder böse? Wenn ein verwirrter, einsamer, durchgedrehter Mensch meint, er müsse die Herrschaft des "Katzengottes" auf Erden verwirklichen; oder wenn ein jenseits aller Kontrolle vegetierender Mensch meint, er müsse einen Weltenendkampf zwischen sogenannten "Rassen" von Menschen vorantreiben; oder wenn ein geschundenes Würstchen unter uns meint, durch Vernichtung seiner Mitmenschen der Ewigkeit des Rausches näherzukommen – dann ist das selbstverständlich immer Wahnsinn, aber auch immer normal und ein Reflex der Wirklichkeit. Wahre Berserker benötigten keine Ego-Shooter-Spiele, um in Stimmung zu kommen.

Was halten wir für "normal"? Uns selbst. Alles andere: irgendwie verrückt, oder zu dick, oder fehl am Platze. Was machen wir mit den Verrückten? Alle umbringen, sagt die Ameise. Alle therapieren, sagt der Therapeut. Alles schwierig, sagt der Soldat: Erst mal ein paar Panzerhaubitzen auffahren und die Lage stabilisieren. Und was dann?

Genug für heute. Zu viele Fragen. Vielleicht fällt mir bis zur nächsten Woche eine Antwort ein oder ein Vorschlag. Andernfalls mach ich's wie die Journalisten: Einfach das Thema wechseln und so tun, als sei alles ganz einfach und bloß der Bürger zu beschränkt, es zu verstehen.