Zum freiwilligen Flüchtlingshelfer wird Colin Turner im Spätsommer vor einem Jahr wie so viele Münchner: spontan. Es ist Sonntag, der 30. August 2015. Turner, damals 35, ist gerade von einer Dienstreise zurückgekehrt, er arbeitet in München im Wahlkreisbüro einer Bundestagsabgeordneten der Linkspartei. 

Abends scrollt er auf Facebook durch seine Timeline. Dort bekommt er mit, was in diesen Stunden am Hauptbahnhof passiert: In kurzer Zeit sind in München mehr als 3.000 Flüchtlinge angekommen. Für 700 gibt es in den Notunterkünften keine Plätze mehr, sie sind auf dem Bahnhofsvorplatz gestrandet. In den sozialen Netzwerken organisieren sich Freiwillige, um zu helfen. Turner macht sich sofort auf den Weg zum Bahnhof, mit einem Kasten Wasser und einer Tüte voller Brezn.

Refugees Welcome: Dass Deutschland in den Spätsommerwochen 2015 so ein freundliches Gesicht zeigte, dass Zehntausende Flüchtlinge hier so herzlich empfangen und unbürokratisch versorgt wurden, lag vor allem an Menschen wie Colin Turner. Ohne diese Freiwilligen hätte eine Stadt wie München, hätte das ganze Land diese Herausforderung nicht gemeistert. Doch über diese Dimension dachte Turner damals gar nicht nach.

"Ich wollte einfach etwas tun", sagt er heute, wenn er an die Wochen vor einem Jahr zurückdenkt. Es sei eine "moralische Pflicht" zu helfen, wenn man es denn könne. Aus Turners Hilfsimpuls wurde konstantes Engagement, er verbrauchte dafür alle freien Tage, die er im vergangenen Jahr noch hatte. Ab dem 31. August war er wochenlang jeden Tag am Bahnhof, meist von morgens um acht bis spät am Abend. Und er war nicht der Einzige: Wie Turner wollten sich Hunderte Münchner nützlich machen. Schon am Abend des 31. August zählten sie am Bahnhof 250 Helfer. 

"Unter den Freiwilligen herrschte ein unglaublicher Elan", sagt Turner im Rückblick. Viele Studenten sind dabei, Rentner, Hausfrauen, aber auch Arbeitnehmer wie Turner. Die ersten Septembertage nutzen sie, um sich zu organisieren. Als die Bundeskanzlerin in der Nacht vom 4. auf den 5. September entscheidet, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge nach Deutschland zu holen, sind die Helfer am Münchner Hauptbahnhof nicht mehr unvorbereitet. Sie haben ein Schichtsystem eingerichtet und verschiedenfarbige Warnwesten verteilt, weiß für die Teamleiter am Hauptbahnhof, pink für die einfachen Helfer, grün für die Helfer am unweit parkenden Infobus. Jeder kennt seine Aufgabe. Doch wirklich gewappnet für das, was am 5. September passiert, kann hier niemand sein.

Ein Passant stimmt die deutsche Hymne an

Am Samstagvormittag hat sich die Nachricht von der Grenzöffnung am Münchner Hauptbahnhof herumgesprochen, unter den Helfern herrscht positive Anspannung. Gegen 13 Uhr kommt endlich ein Zug aus Österreich an, die ersten 400 Flüchtlinge aus Ungarn erreichen den Bahnhof. Zwischen Absperrgittern werden sie zur Sammelstelle geleitet, wo die Helfer ihnen Wasser, Kekse und den Kindern Kuscheltiere reichen, hauptsächlich aus Spenden der Münchner Bevölkerung.

Colin Turner blickt in erschöpfte Gesichter, die Menschen wirken abgeschlagen, dehydriert. Am Rand der Absperrgitter sammeln sich die Schaulustigen, irgendwann bemerkt er ein Klatschen, erst zaghaft, dann immer heftiger. Ein Passant stimmt die deutsche Hymne an. Turner weiß erst nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist. Er fürchtet, dass die Flüchtlinge Angst bekommen, doch bald lächeln die ersten, winken zurück, das Klatschen und Jubeln wird immer lauter.