Maria wohnt in Niedersachsen. Sarah wohnt in Brandenburg. Wenn wir annehmen, dass Sarah und Maria durchschnittliche Bürgerinnen in ihren Regionen sind, dann ist Sarah fremdenfeindlicher als Maria. Dass Xenophobie in Ostdeutschland weiter verbreitet ist als in Westdeutschland, ist während den Pegida- und Flüchtlingsdebatten zu einer allgemein anerkannten Diagnose in der deutschen Öffentlichkeit geworden. Hier das weltoffene Westdeutschland – Willkommenskultur am Münchner Bahnhof – und dort das fremdenfeindliche OstdeutschlandPegida, AfD und Freital.

Umfragen und Studien scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Die Mitte-Studien der Universität Leipzig beobachten, dass fremdenfeindliche Aussagen wie "die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen" im Osten deutlich mehr Zustimmung finden als im Westen. Auch die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) macht diese Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland aus.
Woher kommt dieser Unterschied?

Viele Beobachter ziehen kulturelle und historische Erklärungen heran und behaupten eine Sonderrolle der ostdeutschen Bundesländer. Dort habe noch aus DDR-Zeiten eine gewisse autoritäre Einstellung überlebt. Diese manifestiere sich jetzt in einer Hörigkeit gegenüber der Konkurrenzlogik der Markwirtschaft und einer damit vermeintlich verbundenen Engherzigkeit gegenüber Bedürftigen. Zusätzlich habe der rapide soziale Wandel nach der Wiedervereinigung bei vielen das Gefühl hinterlassen, zu kurz zu kommen. Das gekränkte Selbstbewusstsein der Ostdeutschen hätte dann unter anderem zu einer übersteigerten Gruppenidentifikation geführt und zu einem Abschluss nach Außen.

So gesehen wäre die spezifisch ostdeutsche Psyche der Rahmen für die Fremdenfeindlichkeit und das Problem damit ein typisch ostdeutsches. 

Kehren wir zurück zu Sarah und Maria. Die Behauptung ist also, dass Sarah weniger fremdenfeindlich wäre, wenn sie wie Maria in Niedersachsen und nicht in Brandenburg wohnen würde. Allgemeiner formuliert: Der ostdeutsche Kontext, also die kulturellen und historischen Gegebenheiten, soll verantwortlich für die Unterschiede in der durchschnittlichen Fremdenfeindlichkeit zwischen Ost und West sein.

Aber stimmt das? Eine Studie, die ich mit Professor Peter Selb gerade abgeschlossen habe, kommt zu anderen, widersprechenden Erklärungen.

Wir haben uns dafür mit der Zusammensetzung der Bevölkerungen in Ost- und Westdeutschland beschäftigt. Die sind nämlich sehr unterschiedlich.

Wenn Sarah und Maria tatsächlich typisch für ihren lokalen Kontext sind, lassen sich noch weitere Unterschiede als den unterschiedlichen Grad der Xenophobie finden. Maria wohnt eher in einer Stadt, Sarah eher auf dem Land. Maria ist ein bisschen jünger als Sarah, verdient mehr und gehört eher der Mittelschicht an, während sich Sarah eher der Arbeiterschicht zugehörig fühlt. Was folgt daraus? Die Bevölkerungen in Ost und West unterscheiden sich nicht nur durch ihren Kontext, also die kulturelle Prägung in der jeweiligen Region, sondern auch durch ihre individuelle Zusammensetzung. Das klingt banal, ist aber für die Erklärung der Fremdenfeindlichkeit wichtig. Denn in der Sozialwissenschaft ist es von Fall zu Fall eine offene Frage, ob ein Unterschied zwischen zwei Gruppen durch den Kontext oder deren Zusammensetzung zustande kommt.

Ein Beispiel sind Schulen: Wenn der Notendurchschnitt der Abschlussklasse von Schule A höher ist als der von Schule B, dann muss das nicht heißen, dass Schule A eine bessere Ausbildung bietet als Schule B. Es könnte auch sein, dass Schule A in einem Gebiet mit einer sehr hohen Akademikerrate liegt und die Schüler dieser Schule deshalb bessere Voraussetzungen für schulischen Erfolg haben.

Was bedeutet das für unsere Frage nach den Gründen für die unterschiedliche Fremdenfeindlichkeit in Ost und West?

Frühere Studien haben einen Zusammenhang zwischen sozio-demografischen Faktoren – also beispielsweise Alter, Einkommen, soziale Schicht, Geschlecht – und Fremdenfeindlichkeit in Gruppen nachgewiesen. Und genau in diesen Faktoren unterscheiden sich die Bevölkerungen von Ost- und Westdeutschland noch immer deutlich.

Aus ökonomischem Verlust entsteht Frust

Wer weniger verdient stimmt zum Beispiel Aussagen wie "Ausländer stehlen Deutschen die Jobs" eher zu als wohlhabendere Personen. Aus ökonomischer Deprivation resultiert Frustration und das Gefühl, keinen fairen Anteil am Wohlstand des Landes zu genießen – was wiederum dazu führt, Sündenböcke für die eigene Situation zu suchen. Obwohl sich die Lebenssituationen in Ost- und Westdeutschland seit dem Mauerfall angeglichen haben, ist die ökonomische Realität immer noch verschieden. Das durchschnittlich verfügbare Einkommen in Ostdeutschland beträgt nur etwa 80 Prozent des verfügbaren Einkommens in den westdeutschen Ländern. Zwar sind auch die Lebenserhaltungskosten hier niedriger, aber die Armutsrate ist im Osten höher als im Westen. So liegen zum Beispiel Sachsen-Anhalt (20,9 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (23,6 Prozent) weit über dem Bundesdurchschnitt von etwa 15 Prozent. Auch wenn man die Menschen fragt, welcher sozialen Schicht sie sich zugehörig fühlen, ordnen sich 40 Prozent der Ostdeutschen, aber nur etwa 20 Prozent der Westdeutschen der Arbeiterklasse zu. Nur ein Drittel der Brandenburger, Sachsen und Sachsen-Anhalter würde sich als wohlhabend bezeichnen, verglichen mit der Hälfte der Bayern.

Hinlänglich bekannt ist auch der positive Effekt einer höheren Bildung auf die Toleranz gegenüber Fremdem: Bildung fördert das Verständnis für Minderheiten und die Hintergründe von Migration. Gebildetere sind außerdem weniger anfällig für Vorurteile. Auch hier unterscheiden sich Osten und Westen noch. Zwar wurden die Bildungssysteme nach der Wiedervereinigung angeglichen, aber einige Unterschiede blieben bestehen. Zum Beispiel sind Männer in Westdeutschland an Hochschulen noch überrepräsentiert, während im Osten Frauen die höheren Bildungsabschlüssen aufweisen können.

Das könnte relevant sein, weil Fremdenfeindlichkeit bei Männern und Frauen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Nicht nur werden rechtsextreme Straftaten häufiger von Männern begangen, auch in der Mitte der Gesellschaft weisen Männer in Deutschland im Schnitt höhere Werte von Fremdenfeindlichkeit auf. Auch über verschiedene Altersgruppen kann man Muster erkennen: Jugendliche und Individuen über 60 Jahre sind eher xenophob eingestellt.

Unterschied zwischen Stadt und Land

Es könnte also sein, dass diese Faktoren – Alter, Geschlecht, Bildung – in ihrem Zusammenwirken das größere Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit im Osten teilweise erklären können. Dazu kommt ein weiterer struktureller Unterschied: In Westdeutschland leben wesentlich mehr Menschen in Städten und deren Umgebung, während in Ostdeutschland ein Großteil der Bevölkerung auf dem Land lebt. Städter sind kulturelle Unterschiede eher aus ihrem Alltag gewohnt, was Vorurteile gegenüber Minderheiten abbauen könnte und dazu beiträgt, sogenannte kosmopolitische Werte zu entwickeln. In der Sozialpsychologie wird dieser Mechanismus als Kontakthypothese bezeichnet.

Unsere Studie hat nun versucht, den Einfluss der Bevölkerungskomposition auf die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland mithilfe eines Matching-Verfahrens zu testen. Im Prinzip funktionierte es ganz einfach: Wir haben die Ergebnisse der ALLBUS-Befragung genommen und für jede Person aus Ostdeutschland eine Person aus Westdeutschland gesucht, die einen ähnlichen sozio-ökonomischen Hintergrund aufweist. Dann haben wir untersucht, ob es innerhalb der Paare Unterschiede bei der fremdenfeindlichen Einstellung gibt. Wenn im Mittel die ostdeutschen Individuen innerhalb der Paare tatsächlich höhere Werte an Xenophobie aufweisen, dann würde das dafür sprechen, dass es tatsächlich Kontexteffekte in Ostdeutschland gibt. Wir vergleichen nun also nicht mehr Sarah mit Maria, sondern suchen eine Person aus Westdeutschland, die genau wie Sarah auf dem Land wohnt, derselben Altersgruppe angehört, ein ähnliches Einkommen und das gleiche Bildungsniveau hat. Nennen wir sie Anna. Zwischen Sarah und Anna wird dann der Unterschied in der Fremdenfeindlichkeit berechnet.

Unsere erste Erkenntnis: Die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland ist noch immer sehr unterschiedlich zusammengesetzt. Nur für etwa 50 Prozent der Individuen aus Ostdeutschland gab es ein entsprechendes Individuum aus Westdeutschland.

Unter den so gebildeten Paaren konnten wir dann tatsächlich keine signifikanten Unterschiede finden. Die ostdeutschen Individuen waren im Schnitt nicht fremdenfeindlicher als ihre westdeutschen Pendants. Mit anderen Worten: Sarah ist nicht fremdenfeindlicher als Anna. Die Ergebnisse belegen also die These, dass es eher die individuelle Zusammensetzung der ostdeutschen Bevölkerung und weniger die Prägung durch die Region ist, der Kontexteffekt, die die Fremdenfeindlichkeit erklärt.

Das heißt nicht, dass die ostdeutsche Geschichte und Prägung gar keine Rolle spielt. Kontext und Komposition wirken eher zusammen. Wie eine Gruppe zusammengesetzt ist, beeinflusst ihre kollektive Identität und damit die Art und Weise, auf die sie beispielsweise Hinzukommende prägt. Andersherum ziehen Gruppen bestimmter Prägung eher Individuen mit bestimmten sozio-ökonomischen Eigenschaften an.

Die Erkenntnis aber, dass die Komposition der ostdeutschen Bevölkerung eine solche Entwicklung von fremdenfeindlichen Einstellungen befördert, müsste für die Politik entscheidend sein. Neben politischer Aufklärungsarbeit und einer Stärkung der Zivilgesellschaft müssen vor allem die Lebensbedingungen zwischen Ost und West weiter angeglichen werden. Insbesondere die strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland dürfen nicht noch weiter abgehängt werden.

Eine Entwicklung ist dabei besonders beunruhigend: Der demografische Wandel ist in Ostdeutschland wesentlich stärker ausgeprägt als in Westdeutschland. Die Bevölkerung in Ostdeutschland altert vor allem auf dem Land schneller, weil gut ausgebildete Leute vom Land in die Stadt beziehungsweise nach Westdeutschland ziehen, insbesondere gut ausgebildete junge Frauen. Wenn sich dieser Trend verschärft, bleibt letztendlich eine Bevölkerungsgruppe zurück, die aufgrund ihrer Prädisposition besonders anfällig für xenophobe Einstellungen ist.