Der Islamverband Ditib hat angekündigt, auf lange Sicht von der Türkei finanziell unabhängig werden zu wollen. "Die Frage ist, wie lange die Türkei die Unterstützung der Ditib-Imame noch leisten wird. Wir müssen uns langfristig nach Alternativen in der Finanzierung umschauen", sagte Ditib-Sprecher Zekeriya Altuğ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Dem Dachverband deutsch-türkischer Moscheegemeinden wird immer wieder vorgeworfen, er lasse sich von der Türkei aus lenken und betreibe politische Agitation für Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Nach dem Putschversuch in der Türkei und der darauffolgenden Verhaftungs- und Suspendierungswelle Tausender Staatsbediensteter waren mehrere Bundesländer auf Abstand zu Ditib gegangen. Denn der Verband erhält seine finanzielle Unterstützung von der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Diese Behörde wiederum ist direkt dem türkischen Ministerpräsidenten unterstellt und soll bald im Präsidialamt von Erdoğan angedockt werden.

Konflikte nicht aus der Türkei nach Deutschland tragen

Rheinland-Pfalz setzte wegen der Nähe Ditibs zur türkischen Regierung die Verhandlungen über einen islamischen Religionsunterricht aus. Nach dem Putschversuch sei sicherzustellen, dass die Türkei die Verbände nicht beeinflusse, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Innenpolitische Konflikte der Türkei dürften nicht in Deutschland ausgetragen werden. Ähnlich argumentierten auch die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Sie unterbrachen Verhandlungen, in denen es um die Anerkennung Ditibs als Religionsgemeinschaft geht.

Ditib-Sprecher Altuğ äußerte sich überrascht von der Kritik. Dass der Verband mit der Religionsbehörde Diyanet kooperiere, sei nicht neu. Die Zusammenarbeit sei wissenschaftlich begutachtet und die Unabhängigkeit von Ditib bestätigt worden. "Ditib ist und bleibt politisch neutral", sagte Altuğ. "Es gibt keine finanzielle Unterstützung durch den türkischen Staat oder die Diyanet, bis auf die Imame, welche die Diyanet bereitstellt, für die wir kein Gehalt zahlen müssen."

Beamte ohne Deutschkenntnisse

Schon seit 1960 entsendet Diyanet Imame nach Deutschland. Doch wie groß der Einfluss auf die türkische Gemeinde in Deutschland  ist, der aus dieser Praxis erwächst, wird deutlich, wenn man sich die Zahl der Moscheegemeinden vor Augen führt, die sich Ditib angeschlossen haben: Es sind mehr als 900. Für alle diese Gemeinden übernimmt die Behörde die Personalkosten der Theologen, die sie zuvor selbst ausgebildet hat. Es handelt sich um Beamte, die für bis zu fünf Jahre aus der Türkei entsandt werden. Oft sprechen sie kaum Deutsch und kennen die hiesige Kultur nicht.

Glaubt man Ditib-Sprecher Altuğ, soll sich das nun ändern. Künftig "sollen und werden" die Imame in den Gemeinden beheimatet sein und die deutsche Sprache als Muttersprache beherrschen, sagte er. Ditib fördere seit zehn Jahren ein Ausbildungsprogramm in der Türkei, das bisher etwa 150 Absolventen hervorgebracht hat, von denen 60 als Imame in Gemeinden des Verbands tätig seien. Die Auszubildenden müssten deutsche Staatsangehörige sein. Altuğ sagte, er gehe davon aus, "dass in zehn Jahren mindestens die Hälfte unserer Imame in Deutschland sozialisiert sein wird".

Kritiker weisen jedoch auf weitere Verflechtungen zwischen Ditib und den Religionsbehörden hin. So sind zwei der sieben Vorstandsmitglieder von Ditib zugleich Religionsattachés der türkischen Botschaft. Volker Beck, religionspolitischer Sprecher der Grünen, schrieb deshalb im Tagesspiegel, man müsse wissen, mit wem man es bei Ditib zu tun habe, nämlich mit einem religiösen Verein mit politischer Identität und nicht mit einer Religionsgemeinschaft. "Muslimisch sein ist ein religiöses Bekenntnis, türkisch sein oder sprechen ist es nicht."

Allerdings beobachten Fachleute innerhalb von Ditib Flügelkämpfe zwischen traditionellen Kräften, die einem konservativen Islamverständnis folgen und  einer junge Generation von Moscheemitgliedern, deren Integrationsarbeit sich an der Mehrheitsgesellschaft orientiert. Zugleich setzen Integrationspolitiker Hoffnung darauf, dass inzwischen rund 1.800 Personen an deutschen Universitäten Islamische Theologie studieren. "Wenn wir genügend Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland anbieten können, dann wird auch die Forderung glaubwürdiger, dass Imame hier ausgebildet sein sollten", sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz.