Hadeel* war 14 Jahre alt, als sie in Deutschland ankam. Wie viele Mädchen floh sie aus Syrien, allerdings nicht mit ihren Eltern, sondern mit ihrem 21-jährigen Cousin und Ehemann. Für das Jugendamt unmöglich: Es trennte das Paar und erlaubte nur noch zwei Stunden begleiteten Kontakt pro Woche – bis der Mann sie im Mai vor dem Bamberger Oberlandesgericht zurück klagte. Mittlerweile lebt das Paar wieder zusammen, allerdings nicht in Ruhe, denn der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Medien, Politiker und sogar der Bundesgerichtshof beschäftigen sich seitdem mit der Frage, wie viele Kinderehen es in Deutschland gibt und was sich dagegen tun lässt.

Die Kinderehe habe Deutschland erreicht, titelte zum Beispiel die Bild. Die Welt am Sonntag wusste sogar von "mehr als 1.000 Kinderehen". Die Paare kämen aus dem Ausland, manche Ehe werde aber auch hierzulande abgeschlossen, "unter dem Radar der Behörden".

Fakt ist: In Deutschland kann man erst ab 18 Jahren legal heiraten oder verheiratet sein. Wer jünger und verheiratet ist, fällt unter eine von zwei möglichen Ausnahmen: Entweder die Hochzeit fand auf deutschem Boden statt, dann gelten besondere Hürden. Unter anderem muss der Minderjährige mindestens 16 Jahre alt und der Partner volljährig sein. Außerdem muss ein Familiengericht der Ehe zustimmen.

Oder die Eheschließung wurde rechtswirksam im Ausland vollzogen, dann gilt das minderjährige Paar auch in Deutschland als verheiratet, weil grundsätzlich alle im Ausland geschlossenen Ehen auch in Deutschland erst mal wirksam sind. Ein verpflichtendes Verfahren zur Anerkennung gibt es nicht. Die Ehen können jedoch angefochten und aufgehoben werden, etwa wenn das Kindeswohl gefährdet ist oder es sich um Verstöße gegen grundlegende Wertevorstellungen handelt, die im Rechtswesen als ordre public abgekürzt werden. Das gilt zum Beispiel für Zwangs- und Mehrfachehen. Ein niedriges Alter allein stellt nach geltender Rechtsprechung noch keine Verletzung der ordre public dar.

Im Fall der mittlerweile 15-jährigen Hadeel prüfte das Bamberger Oberlandesgericht nicht, ob ein Verstoß gegen die ordre public vorlag. Vielmehr gingen die Richter davon aus, dass das Mädchen sowohl nach syrischem als auch deutschem Recht zum Zeitpunkt des Urteils verheiratet gewesen sei. Bis zum Urteil war deren Ehe nämlich nicht angefochten worden, ebenso habe es "keine greifbaren Anhaltspunkte" dafür gegeben, dass Hadeel zwangsverheiratet worden oder ihr Kindeswohl gefährdet gewesen sei. Also erlaubte das Gericht dem Mädchen, frei zu entscheiden, wo sie leben und mit wem sie Umgang haben will. Dieses Recht haben laut Gesetz grundsätzlich alle minderjährigen Verheirateten, solange die Ehe selbst als legal gilt.

Heiratsalter auf 18 erhöhen?

Kritiker warnen dennoch, dass durch diese Entscheidung die Kinderehe bestätigt worden sei. Monika Michell von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes fordert, dass die Ehemündigkeit generell auf 18 Jahre festgelegt und im Ausland geschlossene Ehen mit Minderjährigen nicht anerkannt werden sollen. Das entspräche auch der UN Kinderrechtskonvention. "Selbst für einen wirksamen Kaufvertrag muss man 18 Jahre alt sein. Eine Ehe ist ein Vertrag auf Lebenszeit, das sind ganz andere Dimensionen", sagt Michell. Sie fürchtet, dass viele junge Mädchen diese Konsequenzen nicht einschätzen können und früh in Abhängigkeit geraten.

Hinzu komme, dass frühe Ehen oder gar Zwangsehen überproportional viele junge Flüchtlinge, Migrantinnen oder Mädchen mit Migrationshintergrund treffen. Das sei problematisch, weil sie häufig aus Familien kämen, in denen Jungfräulichkeit auf der einen und männliche Dominanz auf der anderen Seite zur Not mit Gewalt sichergestellt werden. Das erhöhe das Missbrauchsrisiko. Dabei gehe es Michell nicht darum, junge Paare auseinanderzureißen. "Auch ohne eine Ehe sollte es möglich sein, sich gegenseitig zu sehen, wenn es der Wunsch von beiden ist", sagt sie. "Und wenn die Mädchen mit 18 immer noch zu ihrer Entscheidung stehen, dann können sie ja nochmal heiraten."

Schwierige Faktenlage

Wie viele dieser Fälle es bundesweit gibt, bleibt jedoch unklar. Ein Blick auf offizielle Statistiken lässt vermuten, dass es eher Einzelfälle sind. Die meisten Bundesländer erfassen erst gar keine Zahlen zu minderjährigen Verheirateten, andere Bundesländer kommen nach Umfragen bei Standes- und Jugendämtern maximal auf zweistellige Zahlen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Mädchen, die über 16 Jahre alt sind. Nur in sehr wenigen Fällen waren die Betroffenen jünger. Verheiratete unter 14, die auch nach rechtlicher Definition Kinder wären, sind bundesweit nur sehr wenige bekannt. In Niedersachsen waren den Jugendämtern beispielsweise zwei verheiratete Mädchen unter 14 bekannt, die Landesaufnahmebehörde kannte einen Fall. Eine Doppelmeldung sei "sehr wahrscheinlich", heißt es in der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der FDP.

Viele Fälle in Nordrhein-Westfalen und Bayern

Die einzigen Bundesländer, die zahlenmäßig herausstechen, sind Nordrhein-Westfalen und Bayern. Sie sind zugleich die bevölkerungsreichsten Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen etwa wurden nach einer einmaligen Datenbankauswertung 188 verheiratete Flüchtlingsmädchen festgestellt. Davon waren zum Zeitpunkt der Einreise etwa 21 zwischen 14 und 15 Jahre alt, der Rest war über 16. Noch jüngere Verheiratete, also die viel beschworenen Kinderbräute, gab es keine.

Dagegen wurden in Bayern 711 Fälle von verheirateten minderjährigen Asylbewerberinnen festgestellt, 161 davon waren unter 16 Jahre alt. Ob es darunter auch Kinder gab, wurde nicht erhoben. Auch so sind die Zahlen laut Ulrike Roider, Pressesprecherin des Bayerischen Justizministeriums, nur eingeschränkt belastbar. "Sie beruhen oft nur auf Angaben der Betroffenen und sind nicht durch entsprechende Dokumente belegt", so Roider. Hinzu komme, dass Angaben zum Familienstand nicht verpflichtend seien und bei fehlenden Erkenntnissen keine Eintragung erfolge.

In Baden-Württemberg soll es laut der Welt 177 minderjährige Flüchtlingsehefrauen geben, allerdings konnten weder das Justiz, noch das Innen- oder Sozialministerium in Baden-Württemberg diese Zahl bestätigen.

Bedenkliche Momentaufnahme

Trotz der relativ geringen offiziellen Fallzahlen nehmen sich Bund und Länder bald des Phänomens an. Nur weil Kinderehen nicht statistisch vollständig erfasst sind, muss das nicht bedeuten, dass es keine gibt. Denkbar wäre ein hohe Dunkelziffer. Ab dem 5. September wird es eine Arbeitsgruppe geben, die das Ausmaß feststellen soll. Die Initiative kam unter anderem aus Nordrhein-Westfalen. "Die Momentaufnahme gab zu denken", sagt der stellvertretende Pressesprecher des Justizministeriums Marcus Strunk.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF steigt die Zahl von Kindesheiraten in Flüchtlingslagern in der Türkei, Syrien und Jordanien, also in Ländern, aus denen zuletzt viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Eltern stimmten dort einer frühen Zwangsheirat aus Finanz- oder Sicherheitsgründen zu. Diese verletze jedoch fundamentale Frauen- und Kinderrechte, denn die älteren Männer würden häufig die Not der Familien ausnutzen, so UNICEF. Auch die Hilfsorganisation SOS Kinderdörfer berichtet von mehr Kinder- und Zwangsehen in Krisengebieten. Vor dem Krieg in Syrien seien bei 13 Prozent aller Hochzeiten einer oder beide Ehepartner minderjährig gewesen. Nun seien es über 51 Prozent.

Strunk fordert, dass Deutschland als Rechtsstaat den Betroffenen Hilfe anbieten müsse und keine Ehen anerkennen dürfe, "die für die junge Mädchen und Frauen nichts anderes als ein Albtraum" gewesen seien. Stattdessen bräuchten Gerichte klare Regeln, wann eine im Ausland geschlossene Ehe mit hiesigen Werten in Einklang stehe und anzuerkennen sei. "Das Heiratsalter ist dafür ein wichtiges Indiz", so Strunk.

*Name von der Redaktion geändert