Das grüne Netz schießt aus den dunklen Wellen, läuft durch zwei Gummiwalzen, über einen weißen Tisch in eine schwarze Kiste. Wenn Dorsch, Scholle oder Flunder drin hängen, stoppt Klaus Pinkis die Rollen, sein Bruder Uwe greift zu und zerrt die Fische aus den Maschen, schmeißt sie in eine andere Kiste. Dann startet Klaus wieder die Walzen. Schon ihre Vorfahren waren Fischer, seit 700 Jahren auf der Seite des Vaters, seit 280 Jahren auf der Seite der Mutter.

"Das horizontale Gewerbe und die Fischerei sind die ältesten Gewerbe der Welt", sagt Klaus.
Die Fischereiflotte war einst Mecklenburg-Vorpommerns Stolz. Und heute? Fast vollständig abgewrackt. Und Pinkis' Kinder? Bleiben an Land. Und Pinkis? Sind sauer. 


Es ist zwei Uhr morgens, als wir vom Holzsteg über die Bordwand des zehn Meter langen Kutters Nidden steigen. Am Vortag brachten Klaus und Uwe Pinkis die Netze aus, jetzt holen sie ihre Beute.

Der trutzige Kutter zieht vorbei an den schlanken Masten der Sportsegler, wir lassen die Lichter des Hafens hinter uns, direkt hinter der Mole klatscht eine Welle gegen den Bug, die See ist kabbelig, Salzwasser überspült das Deck. Pinkis steigen in ihre orangenen Ölsachen, Klaus wühlt in einer Kiste unter dem Steuersitz nach Handschuhen.   

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Mit der linken Hand hält Klaus das Steuer, mit der rechten führt er einen Scheinwerfer. Hinten, wo sich das schwarze Wasser und der schwarze Himmel treffen, trifft der Lichtstrahl auf die Reflektoren ihrer Boje. Klaus schwenkt nach backbord und die Boje kommt längs. "Na, geht's gut mit dem Magen?" Es geht. 

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Uwe greift die Boje fädelt das grüne Netz zwischen die Walzen, legt den Motorhebel um und das Netz taucht auf. Die Fische im Netz stieren aus leeren Augen in den Nieselregen, die unruhige See hat sie schon unter Wasser in den Netzen erdrückt. 


© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Die Brüder stehen schweigend nebeneinander und zerren die Fische aus den Netzen. Die Maschen des Netzes sind groß, der Beifang gering. Nur selten hängt ein Seestern darin. Einmal eine Feuerqualle. "Die werden groß wie Toilettendeckel", sagt Uwe. "Wenn dann Wind aufm Netz steht, knallen die dir ins Gesicht." 

Die Haltekette des Netzes rasselt auf den Fangtisch, sie haben die 500 Meter Netz eingeholt. Klaus geht in die holzvertäfelte Kajüte. Links plottet das Echolot seine bunten Bilder, der Radar zeigt gelb die schmale Küstenlinie weit östlich ab. Klaus programmiert den Autopiloten auf Kurs zur nächsten Boje, der Dieselmotor heult auf und schiebt den Kutter durch die Wellen. 

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Aus der verdreckten Plastikkiste unter dem Steuersitz greift Klaus zwei lange Messer und sagt: "Jetzt beginnt das Morden." Er und sein Bruder packen die gefangenen Fische, ein Schnitt unter die Kiemen, einer öffnet den Bauch, mit der Hand reißen sie die Gedärme raus, schmeißen sie den Möwen zum Fraß vor. "Die Leute wollen Fisch essen, aber nicht wissen, woher er kommt." 

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Die Brüder Klaus und Uwe Pinkis wohnen in der gleichen Straße in ihrem Heimatdorf Rerik. Schon immer lebten und arbeiteten sie am Meer, in der DDR durften sie jedoch nicht rausfahren – zu viel Westverwandtschaft, die Stasi wähnte Fluchtgefahr. Nach der Wende fingen sie an zu fischen, besitzen heute ihren eigenen zehn Meter langen Kutter. 

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE