Uwe Michaelis läuft durch die niedrige Einkaufspassage von Rostock Groß Klein. Verbrauchte Männer trinken am Stehtisch ihr Mittagspils, prahlen übers Saufen und Ficken. Michaelis lebt seit 1987 in der berüchtigten Plattenbausiedlung, seit 20 Jahren ist er Ortsbeiratsvorsitzender, hat viel im Stadtteil bewegt, kennt jeden hier. Fast jeden. "Die Russlanddeutschen bleiben unter sich, da kenne ich auch niemanden."

Am 4. September ist Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und die AfD könnte stärkste Kraft werden. Bei früheren Landtagswahlen holte die Alternative für Deutschland in russisch geprägten Gegenden mehr als 50 Prozent der Stimmen, der Kreisvorsitzende der Rostocker AfD sagt mir am Telefon: "Als ich die Unterschriften für meine Direktkandidatur sammelte, waren von den 200 Stück ungefähr 40 von Deutschrussen."

Woher kommt diese Begeisterung für die AfD?

Der richtige Ort für unsere Recherche sollte der russisch geprägte Stadtteil Groß Klein sein, die AfD schaffte hier bei den letzten Bürgerschaftswahlen ihr zweitbestes Ergebnis in Rostock. Wir fangen an, uns durchzufragen.

Für 15 Uhr haben wir einen Termin mit Galina Weber-Poukhlovski, sie betreibt im Einkaufszentrum von Groß Klein ein Ballettstudio. Wir haben gesagt, dass wir gern über die deutsch-russische Community schreiben würden, sie führt uns in den Raum mit den bodentiefen Spiegeln und der Ballettstange.

"Bitte nehmen Sie Platz", sagt sie und bleibt aufrecht vor uns stehen. In Russland tanzte sie als Solistin, in Bonn und Wiesbaden ist sie aufgetreten, ein Drittel ihrer Schüler kommt aus deutsch-russischen Familien. Doch auf unsere Fragen über das Leben in Russland und Deutschland antwortet sie in knappen Sätzen.

Nach zehn Minuten ist unser Gespräch so gut wie beendet, wir fragen noch, ob sie jemanden kennt, der vielleicht mit uns sprechen möchte. Sie telefoniert einige Familien ihrer Schüler durch. Niemand möchte.

"In Russland hatten wir mehr Disziplin"

Fotograf Hannes Jung bittet, ein Foto machen zu dürfen, und während ihre Tochter im weißen Tutu den Rücken durchdrückt und auf den Zehenspitzen tippelt, schaut ihre Mutter kritisch zu: "Die Kinder in Deutschland sind faul, üben nicht genug. In Russland hatten wir mehr Disziplin."

Wir treffen Marina und Igor Grygorenko, die nebenan mit großem Erfolg einen russischen Supermarkt betreiben, und lassen uns erzählen, wie sie vor hohen Feiertagen Borschtsch, Dosenfisch und Eiernudeln auf Paletten reinkarren. Sie lieben ihre Arbeit und einander, sie lächeln so zufrieden, dass ich sie drücken möchte. Marina sagt: "Wenn unsere Kinder Deutsch sprechen, verstehe ich sie manchmal nicht."

Für Politik, sagen beiden, interessieren sie sich nicht. "Und habt ihr noch Freunde, die politisch interessiert sind?" Kurzes Beraten auf Russisch, dann: "Nein." Wie die Ballettlehrerin scheinen auch sie misstrauisch gegenüber jeglicher Politik.

Liest man Zeitungen oder hört Politikern zu, versteht man das: Spätaussiedler bescheißen den Staat, saufen, prügeln, steht da. Erfolgsgeschichten, wie die der Grygorenkos, werden selten erzählt. Und sind nicht auch wir unterwegs, um die Enttäuschten und Wütenden zu suchen?