Bekir Alboğa versteht die Welt nicht mehr. Gerade ist der Generalsekretär des Moschee-Dachverbands Ditib aus dem Türkeiurlaub zurückgekehrt. Er ist fassungslos über die "Verleumdungskampagne" gegen die Ditib. Aber nicht so fassungslos, dass es ihm die Sprache verschlägt. Im Gegenteil.  Das Ditib-Bashing bringt ihn dazu, sich in Rage zu reden. Er ist empört über den Vorwurf, die Ditib sei ein verlängerter Arm der türkischen Regierung und enttäuscht darüber, dass all die Arbeit seines Verbands, all die Bemühungen um den religiösen Dialog und die Integration von türkischstämmigen Muslimen hierzulande infrage gestellt wird.

Seit mehr als drei Jahrzehnten gibt es die Ditib in Deutschland, mehr als 900 Moscheegemeinden haben sich dem Verband angeschlossen, über viele Jahre gab es gute Kontakte zu Parteien, galt der Verband als ein verlässlicher Partner der Politik. Und plötzlich, wie aus heiterem Himmel, soll der Verband nichts anderes machen, als die politischen Ziele des Staatspräsidenten Erdoğan in Deutschland  zu verfolgen? "Wir sind ein deutscher Dachverband und stehen in keiner Weise unter dem Einfluss der türkischen Regierung ", sagt Alboğa.

Dankbar für die Gehälter der Imame

Er ist überzeugt von dem, was er sagt. Dass Imame der Ditib-Gemeinden aus der Türkei entsandt werden und von der türkischen Religionsbehörde finanziert werden, sei doch nichts Neues und bedeute doch auch keineswegs, dass sie "unter den Fittichen des Staatspräsidenten stehen". Die Ditib kooperiere auf theologischer Ebene mit der Türkei, halte sich aber von Parteipolitik fern. "Das war früher schon so und heute ist es nicht anders." Die Ditib sei dankbar, dass die Religionsbehörde die Gehälter der Imame zahle. Denn eine Alternative dazu biete der deutsche Staat ja nicht. Ähnlich klingt es auch, wenn sich Ditib-Funktionäre aus den Landesverbänden offiziell zu der Frage äußern, was es denn auf sich habe mit dem Einfluss der Türkei auf die Arbeit der Moscheegemeinden.

In vertraulichen Gesprächen werden aber auch andere Töne angeschlagen. Dann ist von Flügelkämpfen in der Ditib-Zentrale zu hören, davon, dass die junge Generation von Moscheemitgliedern aneckt mit ihrer Integrationsarbeit und ihrem Engagement, weil die sich an der Mehrheitsgesellschaft orientiert.
Berichtet wird auch, dass die Vorstellungen der Imame und die der Moscheevorstände über Ausrichtung der Gemeindearbeit nicht immer kompatibel sind, dass die religiöse Unterweisung der Imame sich nicht an der Lebenswirklichkeit der jungen Gemeindemitglieder orientiere, dass ein zu konservatives Islamverständnis vermittelt werde.

Zu hören ist von einem der Landesvorstände davon, dass die Imame Anweisungen von Religionsattachés aus den türkischen Konsulaten erhalten und wöchentlich Rapport abzuliefern haben über ihre Arbeit. Die interne Kritik an Ditib-Strukturen wird auch von anderen nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Politiker wie Cem Özdemir und Islamexperten wie Susanne Schröter nehmen hingegen kein Blatt vor den Mund.

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