Wien und Graz waren bei der Präsidentschaftswahl grüne Inseln auf der blauen, österreichischen Landkarte. London war ein widerständiger Fleck in der englischen Brexit-Landschaft. In den USA kann sich Donald Trump auf die Stimmen aus dem ländlichen Süden verlassen und die Demokraten hoffen auf die dicht besiedelte Ostküste. Die aktuell wichtigsten Wahlen scheinen ein einheitliches Muster zu zeigen: Großstadt und Land sind politisch tief gespalten.

Zu den statistischen Belegen kommen die anekdotischen, persönlichen. Wenn ich in den vergangenen Monaten und Jahren in Dörfern in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen oder Bayern mit Bewohnern über Politik gesprochen habe, über Flüchtlinge, die Kanzlerin, Europa, dann schwang dort oft, mal ausdrücklich und mal eher unausgesprochen, auch das Gefühl mit, von den städtischen Machtzentren unverstanden zu sein.

In Berliner Bars wiederum begießen Großtstadtmenschen regelmäßig ihren Frust über jene vermeintlichen Provinzler, die mit ihrer Unterstützung für konservative Positionen die gesellschaftliche Liberalisierung bremsen, wenn nicht gar zurückdrehen. "Wir waren doch schon weiter", stöhnen sie dann gerne.

Ja, waren wir schon weiter? Und wer ist überhaupt dieses Wir? Ist es vielleicht gespalten in ein Großstadt-Wir und ein ländliches Wir?

Eigentlich waren sich viele Soziologen sicher, dass der Unterschied eher kleiner wird als größer. "Der Gegensatz von Stadt und Land hat sich aufgelöst zu einem Mehr-Oder-Weniger vom Selben (...)", schrieben 1978 die Stadtsoziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel. Dahinter stand die Beobachtung, dass mit der steigenden technischen Mobilität auch der Austausch zwischen Stadt und Land zunahm, das Internet nivelliert räumliche Distanzen dann noch weiter. Das Ländliche war auf dem Rückzug.

Über die Jahrhunderte lässt sich eine ständige Verstädterung beobachten. Weltweit leben seit ein paar Jahren erstmals mehr Menschen in Städten als auf dem Land, wie UN-Statistiken zeigen. Tendenz steigend. Außerdem ging mit dem Bedeutungsverlust der Landwirtschaft in vielen Ländern auch die typisch ländliche, bäuerliche Produktions- und Lebensweise verloren. Von der "Urbanisierung des Landes" sprachen deshalb manche.

Dass die ganze Welt zur Stadt zu werden schien, war dabei nicht nur eine territoriale Entwicklung, sondern auch eine geistige. Schließlich "galten nicht die Provinz, sondern allein die Metropolen als Motoren des historischen Prozesses", wie die Wissenschaftler Franz-Werner Kersting und Clemens Zimmermann zusammenfassen. Die Stadt war der Inbegriff der Moderne und des Fortschritts, wer etwas Neues aus sich machen und die Zukunft gestalten wollte, der musste in die Stadt gehen. Metropolen sind nicht nur als Regierungs- und Unternehmenssitze Herrschaftszentralen, sie sind es auch mental. Aus der wilden Mischung ambitionierter Menschen entstehen hier eher neue Ideen (und damit auch prägende Ideale) als auf dem Land.

Diese Selbstgewissheit, dem Land voraus zu sein, ist es, was sich in der "Wir waren doch schon weiter"-Rhetorik der Berliner Barbesucher versteckt.

Man kann also heute ins Zweifeln kommen, wenn man noch mal die These des Philosophen Hermann Lübbe aus dem Jahre 2002 liest, der ein "Verschwinden" der "Kulturdifferenz" von Stadt und Land behauptet. Nicht nur wegen der Wahlergebnisse.

Denn natürlich wird die klare Spaltung verschwommener, je genauer man hinsieht. Manche städtische Viertel haben für den Brexit gestimmt oder für die FPÖ. Andere Aspekte könnten gleiche oder noch größere Erklärungskraft für die Verteilung der Wählerstimmen liefern als die Stadt-Land-Geografie. Zum Beispiel haben sich in einigen Ländern das Geschlecht, das Alter oder der Bildungsstand als erklärende Faktoren herausgestellt.

Sicher aber scheint, dass die Stadt-Land-Spaltung mindestens in den Köpfen noch weiterwirkt. Vielleicht auch deshalb, weil sie gebraucht wird. Mindestens von all jenen, die die Seite gewechselt haben. Die aus der Stadt aufs Land gezogen sind oder vom Land in die Stadt. Sie brauchen das Andere als Gegenbild, als etwas, das sie mit guten Gründen hinter sich lassen. Man kann dieses Bedürfnis an Worten erkennen: Die einen sind froh, dem städtischen "Moloch" entkommen zu sein, die anderen der "öden Provinz".