Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zwei Meldungen vorab!

Erstens: Wir freuen uns, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mitteilen zu können, dass in der vergangenen Woche der Verein für Reinhaltung von Sprache, Meinung und Zitierung (RSMZ) gegründet wurde. Die Gründungsmitglieder entstammen höchsten Kreisen der Presse (3), der Justiz (2) sowie der Psychiatrie (1). Der Verein ist gemeinnützig und hat sich zum Ziel gesetzt, Schmutz und Schund in Kolumnen aufzuspüren, allenthalben für Mäßigung zu sorgen und der Erwähnung sekundärer oder gar primärer Geschlechtsmerkmale ein Ende zu setzen.

Der Kolumnist unterstützt diese Bemühung selbstverständlich vorbehaltlos. Insbesondere, da ihm kürzlich von einem alten Zigeuner prophezeit wurde, er werde unter dieser Voraussetzung ruhigen Herzens in Pension gehen dürfen. Von nun an wird er deshalb gnadenlos an den Gutachterausschuss des RSMZ melden, was ausgemerzt gehört!

Zweitens: In der vergangenen Woche haben wir aus den Medien – unter anderem – Folgendes gelernt: dass die strafprozessuale Durchbrechung der ärztlichen Schweigepflicht ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Terrorismus sei (Quelle: CDU plus Weltpresse), dass allen Schweinen der Schwanz (Achtung, FAZ!) abgeschnitten gehöre (Quelle: Lohfink, Weltpresse), und dass, falls Hillary C. Präsidentin werden sollte, allenfalls noch die National Rifle Association etwas gegen die Ernennung eines linksextremistischen Obersten Bundesrichters unternehmen könne (Quelle: Entenhausener Kurier). Man könnte das für Nachrichten aus einer Welt des Wahns halten. Sie stammen aber, wie die Quellen belegen, aus den Zentren zivilisatorischer Vernunft. 

Preisverleihung

Den Kolumnistenpreis für den erhellendsten Beitrag der Woche erhält diesmal der Deutschlandfunk für ein bizarres Interview vom 9. August zwischen dem Moderator Tobias Armbrüster und der Journalistin Gisela Friedrichsen über die bevorstehende Entlassung des Strafgefangenen Dieter Degowski ("Gladbecker Geiseldrama") nach 30 Jahren Haftzeit (nachzuhören in der DLF-Mediathek).

Erinnern Sie sich noch an das Satire-Format Zwei Stühle – eine Meinung von Wigald Boning/Olli Dittrich? Die Gesprächspartner Armbrüster/Friedrichsen stellten es in vortrefflicher Weise nach und fügten jene Prise trauriger Bedeutsamkeit hinzu, die wir uns vom öffentlich-rechtlichen Programm erwarten dürfen. Es sprechen zwei Menschen zehn Minuten aneinander vorbei, ohne es sich anmerken zu lassen. Herr A. versucht, aus Frau F. die Antwort herauszuquetschen, 30 Jahre Haft seien noch nicht genug. Frau F. antwortet, 30 Jahre seien schon viel zu viel. Trotzdem kämpfen beide tapfer für dasselbe Ziel: Degowski auf keinen Fall zu entlassen. Herr A. meint: Weil D. ein so gefährlicher Mensch sei. Frau F. meint: Weil er aufgrund der langen Haft noch gefährlicher sei als vorher.

Die bemerkenswerte neue Theorie der Sachverständigen Friedrichsen, die da lautet: "Je länger einer sitzt, desto länger muss er weitersitzen" (ab zwölf Jahren hilft nur noch lebenslang) drängt nun die eine oder andere Nachfrage auf. Herr Armbrüster versucht ein schüchternes "Dann dürfte man ja nach langer Haft niemanden mehr rauslassen". Derlei Querschüsse überhört die Gefragte mit der ihr eigenen Routine. Sie äußert ein paar Wehs und Achs, wie sie vom Erblasser des justizgewidmeten Klagegesangs, Gerhard Mauz, auf sie und uns gekommen sind. So versinkt die einzig interessante Frage im Eifer des Moderators, Frau F. zur Schilderung imaginierter Gefahren zu bewegen ("Was könnte passieren?"), die der Gesellschaft nun drohen. Am Ende steht nicht Erkenntnis, jedoch ein klares Ergebnis: Weder Interviewer noch Interviewte haben die geringste Kenntnis vom Fall Degowski. Und danach sieht für es Herrn D.’s Prognose richtig schlecht aus. Für diese Analyse ein herzliches Dankeschön an den DLF!  

Zurück zur Psychiatrie

Wo waren wir stehengeblieben? Die Diskussionen der vergangenen Woche im Kommentarforum zu dieser Kolumne haben mich irritiert: Recht viele Kommentatoren haben, so schien mir, nicht wirklich verstanden, dass die Kolumne nicht einer Definition des Wahnsinns gewidmet war, sondern einer Erforschung ihrer eigenen Vorstellung davon, was der Wahnsinn mit dem Recht überhaupt zu tun hat. Insofern war es rührend zu lesen, wie im Forum die Protagonisten der verschiedensten Wahn-Fraktionen einander mit Verachtung, Belehrung und fern liegender Assoziation traktierten.

Gleichwohl: Dass "Wahn" und Paragraf 20 Strafgesetzbuch nicht deckungsgleich sind, war eine der Botschaften der letzten Folge. Was Wahn ist, ist eine Frage der gesellschaftlichen Verständigung. Was Schuld ist, ebenfalls. Trotzdem haben beide Verständigungen nur indirekt miteinander zu tun. Und Paragraf 20 StGB ist selbstverständlich mit dem "Wahn" nicht erledigt. Im Gegenteil: Dieser kommt ja im Wortlaut des Gesetzes gar nicht vor.