Es war ein Bauwerk des Schreckens. Die Nazis hatten es errichtet, um sich den Rücken freizuhalten für ihren Eroberungskrieg im Osten: der Westwall. Mehr als 600 Kilometer lang erstreckte er sich von der niederländischen bis zur Schweizer Grenze. Noch heute finden sich in der Gegend vielerorts Panzersperren und Bunkerruinen. Und so stößt der Pfalz-Besucher unweit der französischen Grenze auf ein seltsames Museum: die Gerstfeldhöhe. Ein Bunker voller Militaria und NS-Devotionalien. 

Der kilometerlange unterirdische Gang in diesem privat betriebenen Museum ist voller Kriegsgerät: Panzer, Waffen, Munition. Selbst eine Flugabwehrkanone, eine Flak, ist ausgestellt. Hakenkreuze prangen auf Uniformen und Dokumenten, auf einem Teller zum "Kriegsweihnachten 1940" und auf einem wuchtigen Gedenkstein mit der Inschrift "1940. Das Jahr des Sieges". SS-Runen und das Eiserne Kreuz liegen in Vitrinen aus – alles unkommentiert. Kein Wort, keine Informationstafeln zur Massenvernichtung und rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten, über das Sterben auf Seiten der Kriegsgegner, über die Verbrechen der Wehrmacht.  

Historiker sind entsetzt, trotzdem wirbt die Stadt Pirmasens für das Museum. Wie konnte das passieren?

Der Westwall wurde ab 1936 errichtet; auf Befehl Adolf Hitlers brach das Deutsche Reich damit die Verpflichtung aus dem Versailler Vertrag, keine militärischen Anlagen an der Grenze zu bauen. "Der Westwall war nie nur eine Verteidigungslinie, wie das die NS-Propaganda und manche Rechtsextremisten bis heute weismachen wollen. Im Gegenteil: Dort wurde beim Feldzug gegen Frankreich 1940 gekämpft und getötet und die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie erprobt," sagt der Historiker Nils Franke, der im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz ein Gutachten zum Westwall erstellt hat.

Wie umgehen mit diesem schwierigen Erbe – immerhin das größte erhalten gebliebene Flächendenkmal aus der NS-Zeit auf bundesdeutschem Gebiet?

Der Westwall

Propagandistische Darstellung aus der Zeit des Nationalsozialismus

Nach Kriegsende übernahm der Bund die Bunkeranlagen von den Alliierten und damit auch die Verantwortung, Gefahren durch Munition und Gräben zu beseitigen. Eines Teils des kostspieligen Unterfangens, die Anlage abzureißen, entledigte sich der Bund in den 1980er Jahren, indem er einzelne Bunker verkaufte – auch an Privatpersonen.

Einige richteten darin in Eigenregie Privatmuseen wie in der Gerstfeldhöhe ein. Unter der seriösen Marke ‘Museum’ werde dort die Geschichte des Nationalsozialismus verkürzt, verharmlost, verklärt und sogar verherrlicht, kritisiert die Historikerin Karola Fings vom Kölner NS-Dokumentationszentrum.

Das Land Rheinland-Pfalz will diesem "wilden Gedenken", wie Wissenschaftler die unkritische Erinnerungskultur nennen, ein Ende setzen. Dafür übernahm es den früheren Westwall 2014 vom Bund. Neben dem Wissenschaftsministerium, das für den Denkmalschutz zuständig ist, engagiert sich besonders das Umweltressort. Denn die ehemalige Bunkeranlage ist nach Jahrzehnten der Überwucherung ein Biotop für seltene Tierarten geworden. 

Dem Umweltministerium ist aber auch klar: Bei aller Liebe zur Natur kann man nicht die Augen davor verschließen, dass sich die Wildkatzen an einem "Täterort" niedergelassen haben. Also will Ministerin Ulrike Höfken von den Grünen am früheren Westwall neben Naturschutz auch politische Bildung betreiben. Dafür wurde die Stiftung Grüner Wall im Westen gegründet, den Vorsitz hat Höfken übernommen.

Doch bevor es damit losgehen kann, müssen die Anlagen erfasst, kartiert und gesichert werden. 8.000 Westwall-Standorte gibt es in Rheinland-Pfalz, davon müssen nach Ministeriumsangaben ungefähr 1.400 Ruinen verkehrssicher gemacht werden. Keine ungefährliche Aufgabe, selbst für Profis.