Knapp ein Jahr ist es her, dass eine Entscheidung der deutschen Bundeskanzlerin das Leben von Maher Zhorati veränderte. Es war der Abend des 5. September, Zhorati stand auf dem Vorplatz des Budapester Ostbahnhofs Keleti und war verzweifelt: Er fand seinen Freund Saied Badawi unter den Tausenden Menschen nicht mehr, die seit Tagen vor dem Bahnhof kampierten.

Die beiden Freunde aus Damaskus waren tags zuvor von der Polizei getrennt worden. In Gruppen hatten Beamte sie von einem ungarischen Gefängnis in die Stadt und zum Bahnhof transportiert. "Wir treffen uns in Budapest", hatte Saied ihm noch zugerufen. Dann hatten sie sich aus den Augen verloren.

Unter den Flüchtlingen auf dem Bahnhofsvorplatz sprach sich herum, die deutsche Regierung habe in Berlin verkündet, Flüchtlinge aus Ungarn nicht mehr abzuweisen. Es rollten wieder Züge nach Westen, Tausende wollten weiter nach Deutschland. Zhorati irrte umher, er wollte seinen Freund finden. Ohne Saied wollte er nicht fahren. Schließlich fand er ihn im Getümmel, zusammen kauften sie eine Karte für den Zug nach München.

Ein mehr als 3.000 Kilometer langer Fluchtweg

Der ungefähre Verlauf der sogenannten Balkanroute, die viele Flüchtlinge im Jahr 2015 nahmen, um nach Deutschland zu gelangen.

"Wir wussten damals fast nichts über Deutschland"

Maher Zhorati, 23 Jahre alt, war mit seiner Frau Maha und seiner vier Monate alten Tochter Talia zu diesem Zeitpunkt seit zwei Monaten auf der Flucht. Sein Freund Saied Badawi und dessen jüngerer Bruder Qusai waren der jungen Familie seit der Abfahrt in Syrien nicht von der Seite gewichen. Zu fünft waren sie in die Türkei geflohen, hatten Schlepper bezahlt, die sie mit einem Schlauchboot von Izmir nach Lesbos brachten. Über Mazedonien und Serbien waren sie weiter nach Ungarn gereist, wo die Polizei sie aufgriff und mehrere Tage in ein Gefängnis sperrte. Und nun fuhren sie weiter in Richtung München.

"Wir wussten damals fast nichts über Deutschland", sagt Zhorati ein Jahr später. "Aber wir sind froh, dass wir hier angekommen sind."

Zhorati wohnt seit knapp einem Jahr mit seiner Frau und Tochter in einer Zwei-Zimmer-Sozialwohnung in Saarwellingen, einer Kleinstadt im saarländischen Nirgendwo. Weit weg von der nächsten Großstadt und dem nächsten internationalen Supermarkt. Seit einiger Zeit lernt er Deutsch und hofft auf einen Ausbildungsplatz, vielleicht bei einer Bank.

Wie viele Hunderttausende Menschen kam er im vergangenen Herbst ins Land, als Folge der Entscheidung Angela Merkels, die Flüchtlinge aus Ungarn einreisen zu lassen. Und wie Tausende andere erlebte er in München eine Stadt, die die Flüchtlinge mit offenen Armen aufnahm.