Der emeritierte Papst Benedikt XVI. sieht in Deutschland einen seiner Ansicht nach "etablierten und hoch bezahlten Katholizismus" am Werk. Dazu kämen angestellte Katholiken, die der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenüberträten, sagte er in dem Interviewbuch Letzte Gespräche. Die Kirche sei für sie nur der Arbeitgeber, den man kritisch sehe. Diese Art von Katholiken kämen nicht aus einer Dynamik des Glaubens, sondern seien eben in so einer Position.

Der deutsche Ex-Papst äußerte auch Bedenken gegen das System der Kirchensteuern in Deutschland: "Ich meine damit nicht, dass es überhaupt eine Kirchensteuer gibt, aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar."

Die große Gefahr der Kirche in Deutschland ist seinen Worten zufolge, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter habe und dadurch ein Überhang an "ungeistlicher Bürokratie" da sei, sagte der 89-Jährige. Auch die deutsche Universitätstheologie sei in einer Krise, brauche neue Köpfe und eine "neue Intensität des Glaubens". Dazu komme die Häme, die in deutschen Intellektuellenkreisen vorhanden sei.

In Italien könne man sich so viele bezahlte Leute gar nicht leisten, die Mitarbeit basiere zum großen Teil auf Freiwilligkeit. Benedikt betrübe die Situation in Deutschland, dieser Überhang an Geld, das dann doch wieder zu wenig sei. 

Benedikt sieht keine Gegensätze zu Franziskus

Zu seinem Amtsverzicht sagte er, dieser sei keine Folge von Intrigen, Skandalen oder der Vatileaksaffäre gewesen. "Zurücktreten darf man nicht, wenn die Dinge schiefliegen, sondern wenn sie in Frieden sind. Ich konnte zurücktreten, weil in dieser Situation wieder Ruhe eingekehrt war."

Mit der Wahl Jorge Mario Bergoglios zum neuen Papst habe er nicht gerechnet. Zwischen ihm und Franziskus gebe es keinerlei Bruch, sagte Benedikt: "Es gibt vielleicht neue Akzente, natürlich, aber keine Gegensätze." Eine große Stärke von Franziskus sei die persönliche Zuwendung zu den Menschen: "Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht, das ist schon etwas Schönes." 

Zweites Vatikanisches Konzil wurde falsch gedeutet

Benedikt äußerte sich zudem zu einer angeblichen homosexuellen Lobby im Vatikan. Es gab eine solche Gruppe während seines Pontifikats, und er habe sie zerschlagen lassen, sagte er. "Ob sich wieder was bildet, weiß ich nicht."

Benedikt kritisierte, dass die Beschlüsse des umstrittenen zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) missgedeutet wurden. Allerdings seien die politischen Folgen und die faktischen Auswirkungen nicht richtig eingeschätzt worden. "Man hat da zu sehr im Theologischen gedacht und nicht überlegt, welche Außenwirkung diese Dinge haben werden." Die Bischöfe hätten den Glauben vertiefen wollen, allerdings hätten immer stärker auch andere Kräfte eingewirkt, insbesondere Journalisten, die viele Sachen ganz neu interpretiert hätten.