Die Wände der Burg, die sie sich gegen die Angst gebaut haben, sind hauchdünn. Rana* und ihre Familie haben die metallenen Stockbetten, die man ihnen zugewiesen hat, aneinander geschoben und Tücher und Laken darumgehängt, als Sichtschutz. Monatelang werden Rana, 17 Jahre alt, und ihr dreijähriger Sohn Karim* in dieser Burg sitzen und horchen, was außerhalb dieser Wände in der Flüchtlingsunterkunft geschieht. Auch Ranas Eltern und ihre vier Geschwister sind da. Nila*, die 15-Jährige, quälen Albträume. Karim redet nicht, obwohl er alt genug wäre. Dafür weint er viel und schreit aus dem Nichts. Er lässt sich kaum beruhigen.

Draußen in der Halle ist es in diesen Tagen im September 2015 immer laut. Babys brüllen, fremde Bettnachbarn geistern herum oder murmeln Unverständliches vor sich hin. Immer ist das Licht an. Abends trinkt Rana möglichst nichts mehr, damit sie nachts nicht rausmuss. Denn da sind die vielen Männer, die auf dem Hof vor den Toiletten herumstehen und rauchen. Einige trinken auch. Sind sie gefährlich?

Keine der Schwestern wagt sich alleine dorthin, auf keinen Fall in der Nacht. Da sind auch die jungen Männer aus Syrien, alle ohne Familie, die sich mit den jungen Afghanen schlagen, bis die Polizei kommen muss. Doch was werden die Polizisten tun, können die Kinder ihnen trauen? In Afghanistan, dem Land, aus dem Rana und ihre Familie stammen, benahmen sich die Polizisten manchmal nicht viel besser als die Taliban. Hier trauen sie sich nicht einmal zu einem Spaziergang vor die Tür. Zu groß ist die Angst.

Leise erzählt Rana ihre Geschichte. Sie handelt von Angst und Verzweiflung, von Flucht und Hoffnung. Davon, dass es deutschen Behörden und Politikern teils aus Unwissenheit, teils aus Unwillen misslingt, Flüchtlingskinder angemessen und systematisch zu schützen. Und das sind viele: Rund 300.000 Kinder unter 18 Jahren haben seit Anfang 2015 einen Asylantrag gestellt. Rana erzählt auch, wie der deutsche Staat sie, das Flüchtlingsmädchen, ihrem Peiniger wieder auslieferte, dem sie entkommen zu sein glaubte. Dem Trinker. Dem Schläger. Dem Vergewaltiger.

Ranas Erzählung beginnt vor vier Jahren in Afghanistan. Ihre Familie lebt damals in einem kleinen Dorf in der Provinz Lugar südlich der Hauptstadt Kabul. Sie ist 13 Jahre alt, das älteste Kind. Ihr Bruder ist ein Jahr jünger, dann folgen drei Schwestern, wohl elf, sieben und fünf Jahre alt – genau wissen sie es selbst nicht. Ihr Vater ist Bauer, sie besitzen eigenes Land, eine Kuh, die Familie ist nicht reich, aber sie hat ihr Auskommen. Und sie hat Angst. Denn Taliban-Gruppen marodieren durch den Landstrich.

Ranas Vater und ihr Bruder arbeiten auf dem Feld, als Taliban auftauchen. Sie suchen neue Kämpfer. Der Vater soll mit ihnen kommen. Als er sich weigert, schlagen sie ihn zusammen und verletzen ihn schwer. Sie prügeln auch den zwölfjährigen Bruder. Dann ziehen sie ab.

Doch die Taliban vergessen die Familie nicht. Irgendwann sind sie wieder da, stehen im Dorf vor dem Haus und verlangen, dass statt des Vaters der Sohn mitkommen soll. "Die Taliban machen aus Kindern Attentäter", sagt Rana. Wieder weigert sich der Vater, wieder wird er zusammengeschlagen. Abermals rücken die Taliban unverrichteter Dinge ab.

Sie werden wiederkommen, alle wissen das. Also schickt der Vater den Sohn ins Ausland, in den Iran. Dort lebt eine Freundin der Familie, bei der er unterschlüpfen kann.

So beginnt die Fluchtgeschichte der Familie.

Verheiratet mit 14

Der Bruder ist fort, Rana und ihre Schwestern bleiben mit den Eltern im Dorf. Eine schwierige Zeit. "Wir waren immer im Haus, immer", sagt Rana. Nur sehr selten dürfen sie verschleiert den Hof verlassen. Die Eltern kämpfen um ein Mindestmaß an Bildung für ihre vier Mädchen. Eine Schule für sie gibt es nicht. Also lassen die Eltern eine Lehrerin ins Haus kommen, damit die Mädchen zumindest lesen, schreiben und ein wenig Mathematik lernen. Die Unterrichtsmethoden der Hauslehrerin sind rau, Stockschläge Normalität.

Als Ranas 14. Geburtstag näher rückt, taucht der Dorfmullah bei den Eltern auf. Sie sei nun alt genug, um zu heiraten. Der Mullah hat auch schon einen Mann ausgesucht: Rohan*. "Ein schlechter Mann", sagt Rana. Rohan ist etwa 30 Jahre alt. Er macht sein Geld beim Kartenspiel, trinkt und nimmt Drogen. Seine junge Frau sperrt er im Haus ein und schlägt sie regelmäßig.

Bald ist Rana schwanger und Rohan verprügelt sie weiter. "Er hat immer gesagt, ich sei hässlich", sagt Rana. Sie ist gerade 15 Jahre alt, da wird Karim* geboren. Nun sind zwei Menschen Opfer seiner Prügelattacken. Irgendwann kommt ihr Vater dazu, als sie fast besinnungslos geschlagen am Boden liegt. "Wenn du sie nicht willst, nehme ich sie wieder mit, hat er zu Rohan gesagt", erzählt Rana. Zweimal hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen.

Unsinn machen

Dann, im Frühjahr 2015, kehren die Taliban ins Dorf zurück. Die Gotteskrieger suchen Ranas Bruder und finden ihn nicht. Abermals prügeln sie Ranas Vater und drohen, die Töchter mitzunehmen, wenn der Sohn nicht auftaucht. Allen ist bewusst, was das bedeutet. "Manchmal holen sie sogar kleine Mädchen von drei Jahren und machen Unsinn mit ihnen", sagt Rana. Unsinn? Mehr als dieses Wort bringt sie nicht über die Lippen. Doch danach sind die Mädchen meistens tot.

Seit diesem Tag hat Rana immer Angst. Wenn der Vater aufs Feld zieht. Wenn sie das Haus kurz verlassen müssen, um etwas zu besorgen. Wenn sie nachts fremde Geräusche hören.

Nach dem letzten Auftauchen der Taliban beschließt die Familie, zu fliehen, Deutschland ist das Ziel. Der Vater verkauft sein Land. Sie wollen Rana nicht zurücklassen, doch sie ist eine verheiratete Frau. Also muss Rohan mit. Sie fliehen über Pakistan in den Iran und holen dort den Sohn ab. Der Vater schickt ihn voraus, er soll die Route erkunden. Bis Hamburg kämpft sich der Junge durch und weist der Familie den Weg.

Schlepper bringen sie mit dem Auto bis an die Grenze zur Türkei. Dort steigen sie aus und laufen 24 Stunden durch die Berge. Die Eltern schleppen die beiden kleinen Schwestern, Nila stolpert nebenher, Rana hat Karim mit einem Schal auf ihren Rücken gebunden, Rohan hält sich an ihrer Schulter fest. Irgendwann im Dunkel rutscht seine Hand ab. Rana dreht sich um. Sie sieht ihren Mann nicht mehr und will ihn suchen. "Aber die Männer haben plötzlich gerufen: Du möchtest leben? Dann musst du laufen! Und dann sind wir gerannt."

Seit jener Nacht plagen Rana Albträume. "Ich denke immer, jemand würgt mich und ich kann nicht aufwachen."

*Namen geändert