Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) hat in Europa ein größeres Netz von potenziellen Attentätern installiert, als bisher bekannt ist. Davon gehen europäische Sicherheitsbehörden mittlerweile aus. Die drei Syrer, die am Dienstag in Norddeutschland festgenommen wurden, könnten ein weiteres Glied dieses Netzwerks sein.

Erst in der vergangenen Woche hatte der amerikanische Nachrichtensender CNN über neue Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden berichtet, die die These vom großen Netzwerk bestätigen. Zehntausende Dokumentenseiten konnten die Journalisten auswerten. Sie zeigen: Der IS steuert nach Europa eingeschleuste Mitglieder wesentlich enger als bisher bekannt. Und die Terrororganisation hat möglicherweise die Flüchtlingswanderung des vergangenen Jahres gezielter genutzt, als angenommen wurde.

Bisher wusste man, dass zwei der Pariser Attentäter als Flüchtlinge getarnt und mit falschen syrischen Pässen ausgestattet nach Europa gelangt waren. Das Bundeskriminalamt hatte zudem ermittelt, dass zwei weitere Terrorverdächtige, ein Algerier und ein Pakistaner, gemeinsam mit den Pariser Attentätern aus der Türkei nach Griechenland übergesetzt und zuvor gemeinsam mit ihnen in der Türkei unterwegs gewesen waren. Die beiden Männer konnten schließlich mit Hilfe deutscher Sicherheitsbehörden in Salzburg in Österreich festgesetzt werden.

Das Muster wiederholt sich

Aus den Ermittlungsunterlagen, die CNN auswertete, geht hervor, dass der IS den Algerier und den Pakistaner aus Syrien heraus permanent mit Reiseinformationen und anderen Hinweisen unterstützte. Sie kommunizierten über Handy-Apps. Einem IS-Kader namens "Abu Ahmad" gelang es sogar, den beiden Männern 2.000 US-Dollar zukommen zu lassen. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die beiden Männer ursprünglich in Paris eingesetzt werden sollten. Weil sie einige Wochen lang von den griechischen Behörden festgehalten wurden, verpassten sie die Anschläge allerdings. Der IS erwog daraufhin offenbar, sie für andere Anschläge zu verwenden.

Der Fall der in Norddeutschland festgenommenen Syrer erinnert stark an dieses Muster. Sie seien, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière, mit derselben Schleuserorganisation nach Europa gelangt und hätten Pässe aus derselben Werkstatt mit sich geführt wie die beiden Selbstmordattentäter von Paris.

Nach Informationen von ZEIT ONLINE hatten die beiden Pariser Attentäter, die sich am Stade de France in die Luft sprengten, sogenannte echte falsche syrische Pässe bei sich. Es handelt sich um Dokumente auf echten Blankovordrucken, die in Rakka, der IS-Hauptstadt in Syrien, ausgestellt wurden. Interpol kannte zwar die entsprechenden Reisepassnummern, sie fielen den griechischen Behörden jedoch nicht auf. Hier unterscheidet sich ihr Fall und der norddeutsche allerdings vom Salzburger Fall: Der Algerier und der Pakistaner hatten offenbar gefälschte Pässe bei sich, die sehr wohl auffielen und zur zeitweisen Ingewahrsamnahme führten.

Die Festnahmen in Norddeutschland sind nach Informationen von ZEIT ONLINE ebenfalls ein Ausfluss der Ermittlungen des BKA über die genaue Reiseroute, die die beiden als Flüchtlinge getarnten Paris-Attentäter seinerzeit nahmen. Nicht nur die Pässe deuten auf eine Verbindung zwischen den verschiedenen Gruppen hin, sondern auch die auf ihren Mobiltelefonen festgestellten Kommunikation-Apps, die gerne vom IS genutzt werden, weil sich damit verschlüsselte Nachrichten austauschen lassen. Zudem gibt es anscheinend Querverbindungen zu dem Mann, der im August vergangenen Jahres einen Anschlag im Schnellzug Thalys verüben wollte und der seinerseits über Mittelsmänner mit Abdelhamid Abaaoud verbunden war, dem Drahtzieher der Pariser Anschläge.

Laut Bundesanwaltschaft soll einer der nahe Hamburg Festgenommenen eine Ausbildung beim IS in Syrien erhalten haben. Außerdem hätten er und die beiden anderen Verdächtigen "höhere vierstellige Geldbeträge in amerikanischer Währung" vom IS erhalten. Diese Informationen, sollten sie sich erhärten, würden ebenfalls in das von CNN beschriebene Muster passen.

Auch England im Visier des IS

Einige Analysten in Sicherheitsbehörden und Thinktanks vermuten seit Längerem, dass der IS ein engmaschigeres Netz an Kadern über Europa ausgeworfen haben könnte als bisher angenommen. In Deutschland beispielsweise holte ein Mitglied der französisch-belgischen Terrorzelle im vergangenen Herbst drei Männer nahe einer Flüchtlingsunterkunft in Baden-Württemberg ab. Diese Männer gelten seither als nicht mehr auffindbar. Die drei hatten sich offenbar ebenfalls als Syrer ausgegeben und waren über die Balkanroute eingereist. Mindestens einer aber ist mittlerweile nach Informationen von ZEIT ONLINE als Nordafrikaner identifiziert worden, der den belgischen Behörden bekannt sein soll.

Auch die Attentäter von Ansbach und Würzburg, zu deren Anschlägen sich der IS jeweils bekannte, standen nach einem Bericht des Spiegels von Anfang August in telefonischem Kontakt mit IS-Kadern im Nahen Osten. Sie waren ebenfalls als Flüchtlinge eingereist. Der Attentäter von Ansbach war tatsächlich Syrer, soll aber nach einer Erklärung des IS bereits vor Jahren Mitglied in einer seiner Vorläuferorganisationen gewesen sein. Der Attentäter von Würzburg, ein junger Afghane, hat sich derweil offenbar erst in Deutschland radikalisiert und scheint nicht vom IS ausgesandt worden zu sein. Trotzdem suchte und fand er Kontakt zu der Terrororganisation und wurden von einem Kader geradezu beraten. So jedenfalls berichtet es der Spiegel.

Trotz dieser Hinweise ist allerdings keineswegs sicher, dass die in Norddeutschland festgenommenen Männer wirklich zum IS gehören. Denn nach Informationen von ZEIT ONLINE hat der IS auch Nichtmitgliedern gefälschte Pässe ausgestellt, wohl gegen Bezahlung.

Die Sorge, dass der IS Mitglieder eingeschleust hat, treibt Sicherheitsbehörden in ganz Europa um. "Wir sehen, dass ausgebildete IS-Kämpfer die Migrationsrouten nutzen", sagte ein hochrangiger britischer Antiterroroffizieller ZEIT ONLINE. Entsprechende Versuche, Großbritannien zu infiltrieren, seien ebenfalls bekannt.

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