ZEIT ONLINE: Herr Mansour, die Islamkonferenz wird zehn Jahre alt. Sie hat den islamischen Religionsunterricht und die islamische Theologie in Deutschland angestoßen. Aktuell wird über islamische Seelsorge und einen Wohlfahrtsverband verhandelt. Andererseits ist die Angst vor dem Islam und die Islamophobie in der Bevölkerung so groß wie nie. Ist die Islamkonferenz eher ein Erfolg oder gescheitert?

Ahmad Mansour: Die Islamkonferenz hat viele Themen angestoßen, die vorher keinen Raum hatten. Sie hat dafür gesorgt, dass deutsche Politiker endlich mit Muslimen reden. Es sind darüber hinaus leidenschaftliche innermuslimische Diskussionen in Gang gekommen. Die Rolle der Islamkonferenz ist also nicht kleinzureden. Die Ängste vor dem Islam und internationale Entwicklungen wie der IS sollten der Islamkonferenz nicht einfach übergestülpt werden.

ZEIT ONLINE: Aber?

Mansour: Die Entwicklung der letzten drei Jahren gefällt mir nicht. Alle muslimischen Einzelpersonen sind ausgeladen worden. Geblieben sind fast nur reaktionäre, konservative Verbände, die über ihre Themen reden und andere nicht zulassen. Salafismus, die Radikalisierung von Jugendlichen, Frauenrechte – alles, was problembelastet ist, wird vermieden. Wer beispielsweise die in muslimischen Familien verbreitete Angstpädagogik kritisiert oder dass den Texten blind gefolgt wird, ohne sie in ihren historischen und lokalen Kontext zu stellen, wird als islamophob diffamiert und mundtot gemacht. Als ich noch dabei war, haben wir zum Beispiel darüber diskutiert, ob man den Begriff Islamismus überhaupt verwenden darf, statt etwas dagegen zu tun.

ZEIT ONLINE: Aber viele Themen sind gerade in den vergangenen Jahren konkret geworden. Oder halten Sie nichts von einem muslimischen Wohlfahrtsverband oder muslimischer Seelsorge in Gefängnissen oder Krankenhäusern?

Mansour: Einen Wohlfahrtsverband finde ich sehr wichtig. Muslime müssen mitreden, wie sie gepflegt werden wollen, wenn sie alt werden, ob sie halal essen können etc. Aber Frauenrechte dürfen deshalb nicht vernachlässigt werden. Oder die Radikalisierung. Als ich noch dabei war, 2013, war diese Entwicklung am Anfang. Wir hätten noch die Möglichkeit gehabt, die Lage zu entschärfen. Heute ist die Situation viel schwieriger. Mittlerweile haben sich etwa 1.000 Jugendliche aus Deutschland dem IS angeschlossen. Wir hätten ihnen früher Alternativen anbieten sollen.

ZEIT ONLINE: Aber auch hier hat sich viel getan, es gibt inzwischen sehr viele Präventionsprojekte.

Mansour: Präventionsarbeit ist aber nicht gleich Präventionsarbeit. Es kommt immer wieder vor, dass Projekte gestoppt werden müssen, weil sie Inhalte vermitteln, die die Radikalisierung sogar noch fördern. Viele Initiativen und auch Moscheeverbände machen sehr gute Arbeit, andere aber nicht. Ich vermisse auch hier die Klarheit.

"Die Behörden müssen ihre Naivität ablegen"

ZEIT ONLINE: Wenn die deutsche Politik nicht auf ein paar Verbände als Vertreter der Muslime zurückgreifen kann, welche Partner soll sie etwa für Präventionsarbeit oder für den Islamunterricht an Schulen wählen? 

Mansour: Die Behörden müssen ihre Naivität ablegen und sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Dann können sie erkennen, mit wem sie arbeiten können, und wer eher Teil des Problems ist. Warum greifen die Länder für den Islamunterricht nicht auf die Wissenschaftler an den Universitäten zurück? Es gibt ja inzwischen islamische Theologen, die hier lehren und forschen. Der Islam ist nicht vergleichbar mit dem Christentum, er lässt sich nicht in zwei Kirchen einteilen. Wir brauchen deshalb auch für die Islamkonferenz Lösungen, die die Vielfalt widerspiegeln. Die Verbände müssen natürlich ein Teil sein, aber als alleiniger Repräsentant spiegeln sie die Vielfalt der Muslime nicht wider.

ZEIT ONLINE: Liberale Muslime wie Sie werden nicht repräsentiert. Aber sind die meisten Muslime hier nicht eher konservativ?

Mansour: Ja, Sie haben Recht, die säkularen Muslime sind definitiv nicht in der Mehrheit in Deutschland. Aber ob konservativ oder liberal -  die Mehrheit der Muslime, die hier in Deutschland sozialisiert ist, fühlt sich nicht von den Verbänden vertreten, die ihre Strukturen in Saudi Arabien oder in der Türkei haben und politische Interessen verfolgen. Das haben wir gerade bei der Ditib während des Putsches in der Türkei miterleben müssen. Wir brauchen in Zukunft ein Islamverständnis, made in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Wie stellen sie sich eine ideale Islamkonferenz vor? Wer sollte dabei sein? Wie sollte sie organisiert sein?

Mansour: Es sollten Einzelpersonen dabei sein, islamische Wissenschaftler, unabhängige Moscheevereine und auch die Verbände. Für die großen Themen, für Visionen und ihre Symbolkraft sollte es weiter die Islamkonferenz des Innenministeriums geben. Sie sollte sich aber auf lokaler Ebene fortsetzen und dort über die Themen reden, die die Menschen interessieren. Der Islam ist in Berlin ein anderer als in einem Dorf in Sachsen. Aber alles kann der deutsche Staat nicht leisten.  Die Muslime müssen miteinander diskutieren, um den deutschen Islam zu formen.