Hetze gegen gute Nachbarschaft – Seite 1

Die Landstraße zieht eine letzte Linkskurve und dahinter erscheinen die Plattenbauten von Mallentin über den Spitzen eines Maisfeldes, wachsen hinein in die rechte Hälfte der Windschutzscheibe, eckig und verwittert. "In 300 Metern rechts", sagt das Navi, ich gehe vom Gas, setze den Blinker und bin da.

Vor zwei Tagen traf ich Christoph Grimm, den AfD-Direktkandidaten für den Wahlkreis Nordwestmecklenburg I, einen Rechtsanwalt, der nach der Wende aus Hamburg herzog. "Ich habe Angst, wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin oder durch den Hamburger Hauptbahnhof laufe", sagte Grimm. Weil die Flüchtlinge und die "Islamisierung" den sozialen Frieden gefährdeten.

Und auch hier in Mecklenburg-Vorpommern sei das so. Wenn ich es selbst erleben wolle, solle ich nach Mallentin fahren. Dort würde ich schon sehen, wie die Zuwanderer hausten: kaputte Briefkästen, zerschlagene Haustüren, Kinder, die zwischen den Mülltonnen spielen. Und dann brüllten die Flüchtlinge von Fenster zu Fenster, anstatt das Telefon zu benutzen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit würden Besucher ein- und ausgehen und die Haustüren offen stehen lassen. Kurz: Mallentin sei ein Ort, an dem der soziale Frieden gefährdet ist.

"Ach, sind die überhaupt noch da?"

Um es vorweg zu nehmen: Entweder ist Grimms Wahrnehmung verzerrt oder aber er lügt. Denn das Gegenteil ist richtig. Christoph Grimm setzt sich das Bild von Mallentin so zusammen, wie es zu seiner Weltanschauung passt und dieser Tag wird für mich ein Lehrstück werden. Dafür wie die AfD alte rassistische Klischees bedient, weil sie ihr helfen. Wie sie sich auf jeden Fehltritt von Flüchtlingen stürzt und daraus eine Bedrohung konstruiert. Wie sie Propaganda betreibt, um Politik zu machen, die zu Lasten der Schwächsten geht.

Aber der Reihe nach.

Es ist halb zehn morgens, als ich die kleine Dorfstraße von Mallentin runter laufe und mich umgucke. An einer Laterne flattert ein halb abgerissenes NPD-Plakat im Wind: "Volk braucht Zukunft – Keine Einwanderung". Daneben steht ein weißes Bauernhaus mit Reetdach, ein Garten mit knorrigem Birnbaum und hoher Linde. Eine elektrische Heckenschere brummt. Rechts folgen weitere Reetdächer, links ducken sich die eng gepackten Wohnblöcke in ein Straßenkarree. Ein Fenster sieht aus, als habe es gebrannt, halb auf dem Rasen parkt ein Auto.   

Am Ende der Straße sehe ich einen älteren Mann in Arbeitshose, der über den Vorhof seines Hauses geht. Das Reetdach ist mit Wellblech geflickt, vor der Tür steht eine Sitzbank und ein alter Brunnen, ein Kater drückt sich am Zaun entlang. Der Mann mustert mich kritisch. Ich grüße übertrieben laut, gehe zu ihm hin und bleibe vor dem niedrigen Gartentor stehen. Er kommt ran, stützt eine Faust auf das Tor, die andere ins Kreuz.

Ich stelle mich vor und erzähle ihm, was mir AfD-Kandidat Grimm über die Flüchtlinge erzählt hat. Der Mann poltert los: "Die AfD ist die zweite NPD. Die wollen wir nicht." Aha, denke ich, also keine Probleme mit den Flüchtlingen? Doch es folgt weiteres Poltern: "Die Flüchtlinge kriegen doch alles in den Arsch geblasen. Ständig werden da neue Möbel in die Wohnungen gekarrt, während die Deutschen unter der Brücke schlafen müssen."

© Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Walter Baalhorn, 68, verrenteter Fernfahrer mit schmerzenden Bandscheiben, zog vor 40 Jahren nach Mallentin. Er hat Wut, eigentlich auf alles, und das sieht man ihm an, düsteres Gesicht, ausgestreckter Zeigefinger, der Löcher in die Luft sticht. Auf die verwahrlosten Deutschen in den Plattenbauten schimpft er, auf deren Gören, die nachts um elf noch Krach machten, auf die Berliner, die in Mallentin Grundstücke kaufen, die Ostsee Zeitung, die nur noch Nachrichten aus Lübeck bringt.

In diesem Moment rumpelt ein weißer Lastwagen die Straße runter und biegt ab Richtung Plattenbauten. "Da kriegen die Flüchtlinge bestimmt schon wieder neue Möbel, gehen Sie da mal hinterher!", platzt es aus Baalhorn heraus. Gute Idee. Ich verabschiede mich und folge dem Laster, doch er verschwindet hinter der nächsten Kurve. 

Stattdessen laufe ich durch die Wohnblocks und frage jeden, den ich treffe, nach den Flüchtlingen und der Bedrohung für den sozialen Frieden: zwei sonnengebräunte Schrebergärtner, zwei blonde Kindergärtnerinnen und eine Frau, die ihre Chihuahuas ausführt. Die Antworten ähneln sich: "Wir kriegen nichts von denen mit." "Ach, sind die überhaupt noch da?" "Sorgen hatte man ja schon, aber Probleme gab es nicht." Bedroht scheint nur die Tierwelt: Zwei Kinder fahren eine dicke, langhaarige Raupe mit ihrem Kettcar platt und lachen darüber.

Neue Möbel? Eher das Gegenteil

Um 11 Uhr treffe ich Ulla Hardt. Jahrelang entwarf die Architektin Ferienhäuser für Ostseebäder, bis die 49-Jährige eine Auszeit nahm und unverhofft in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe landete. Vor 20 Jahren zog sie aus Taunusstein im Rhein-Main-Gebiet nach Mecklenburg-Vorpommern. "Deswegen spreche ich auch ein bisschen Schulenglisch. Die älteren Leute hier haben Russisch gelernt und können deswegen nicht mit den Flüchtlingen reden", sagt sie.

Wir laufen unter einer Reihe Birken an der Brache vorbei, wo zu DDR-Zeiten der Konsum stand. Ein Stück weiter stehen in einer Senke Schaukel, Tischtennisplatte und Rutsche. 

Als wir den Wohnblock mit den Flüchtlingen erreichen, tritt ein Mann aus der Tür, der ein Baby auf dem Arm trägt, und mit seinem weißen Hemd, dem gepflegten Bart und gegelten Haaren nicht vor die schmutzig gelbe Fassade passt.

© Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Hardt stellt ihn vor: Das sei Mohammed Hafni. Sie kennen sich, seit er vor elf Monaten aus Damaskus nach Mallentin kam. Hardt gibt ihm eine Tüte mit Gurken und Kürbissen aus ihrem Garten. Hafni lädt uns ein, in die Wohnung zu kommen, in der er mit seiner Familie wohnt. Das Mobiliar: zwei Metallbetten, ein Metallspind, ein alter Fernseher, dazu eine karg möblierte Küche und ein schimmeliges Bad. Neue Möbel? Eher das Gegenteil. Wir setzen uns auf die Betten und Hafnis Schwester Mona serviert süßen Tee in Tassen, die sie von hilfsbereiten Mallentinern geschenkt bekommen haben.

Ein blonder Junge sagt zwei Worte auf Arabisch

Und dann erzählt Hardt: Rund 100 Flüchtlinge hätten in den vergangenen anderthalb Jahren in Mallentin gelebt, einmal an die 50 zur gleichen Zeit. Zwei Blöcke, die vorher wegen ihres schlechten Zustands nicht vermietet waren, wären auf einmal voll gewesen. Erst kamen Albaner, Serben und Mazedonier, später Ghanaer und Malier und schließlich im vergangenen Herbst die ersten Syrer.

© Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Hardt ergänzt: Die Kreisverwaltung habe es nicht geschafft, genügend qualifizierte Sozialarbeiter einzustellen. Da sei sie zeitweise die Einzige gewesen, die sich um die ganze Post gekümmert habe, die Deutschland seinen Neubürgern schickt, noch bevor es Deutschkurse gibt: GEZ-Abrechnungen, Termine zur U-Untersuchung, Rentenversicherungsnummernzuweisungen.

Und dazu noch die jungen Männer, die ohne ihre Familien nach Deutschland kamen und jetzt alleine zu Hause sitzen, in ihren Köpfen die Bilder verstümmelter Verwandter, in ihren WhatsApp-Nachrichten die Fotos der Fassbomben, die in Aleppo Menschen zerfetzen.

"Und, hat es Reibereien in der Nachbarschaft gegeben?", frage ich. "Klar", sagt Hardt und erzählt von der achtköpfigen Familie Al-Musa. Die Kinder seien schlecht erzogen gewesen und hätten auf der Straße viel Ärger gemacht. Ein deutscher Vater habe deswegen einmal die Polizei gerufen.

Aber die Al-Musas hätten die anderen Flüchtlinge ebenso gestört, sagt sie und zu Mohammed Hafni, der mit seiner Familie neben uns sitzt: "Oder, wie war das mit Familie Al-Musa?" Hafni nickt sarkastisch, streckt einen Daumen in die Luft und antwortet: "Ja, Familie Al-Musa, sehr gut."

Außerdem hätte ein Mann, der im Dorf allgemein für seine rechte Auffassung bekannt sei, an Silvester den Briefkasten des Flüchtlingsblocks mit einem Böller in die Luft gesprengt.

Das muss wohl der Briefkasten sein, von dem AfD-Mann Grimm sprach, denke ich und staune dann über die Ironie, zu der das Leben manchmal fähig ist: "Der 4-jährige Sohn des Mannes hat sich dann im Kindergarten mit dem Sohn einer eritreischen Familie angefreundet", sagt Hardt. "Seine Vorbehalte waren dann irgendwann weg und er hat die Eritreer sogar zu Hause besucht."

Während Hardt das erzählt, kommt ein blonder Junge rein, sagt zwei Worte auf Arabisch und verschwindet wieder. Hardt und ich verabschieden uns von Familie Hafni und gehen runter.

Jeremy in der Küche, Mallentin © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Vor dem angrenzenden Block spielen zwei Kinder. "Sind eure Eltern da?", frage ich und die beiden brüllen "Mama" zum offenen Fenster hoch. Wenn irgendwer noch von Unfrieden berichten könne, denke ich, dann doch die Nachbarn. Einige Augenblicke später stehen Mutter Sindy Mell und ihre Hausnachbarin Beate Schattschneider vor mir.

Sie erinnern sich an Familie Al-Musa, laut seien die Lütten gewesen. Aber man habe sich dann an die Sozialarbeiter gewandt und Vater Al-Musa habe die Kinder in ein anderes Zimmer umquartiert, so konnten alle nachts schlafen.

Warum tut Grimm das?

Als ich von Grimms sozialem Unfrieden anfange, lacht die 33-jährige Mell laut auf. Einmal noch, da hätten die Flüchtlinge ihre Wäsche auf die falsche Leine gehängt, aber das habe man unter sich geklärt. "Mein Mann ist als Lkw-Fahrer viel im Ausland unterwegs. Der weiß sich mit Händen und Füßen zu verständigen", sagt Schattschneider.

Sindy Mell und vier ihrer sechs Kinder in der Küche, Mallentin © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

"Und wer hat ihre Haustür eingeschlagen?", frage ich. "Das war ein erwachsener Freund von uns", sagt die 57-jährige. "Der war ein bisschen übermütig." Will wohl heißen: betrunken.

Und während ich denke, dass das wohl alles eher unter den Begriff "Nachbarschaft", als "sozialer Unfrieden" passt, kommt der blonde Junge angelaufen, der eben die arabischen Worte sagte. Es ist Mells 11-jähriger Sohn Jeremy, der immer zu Hafnis spielen und essen geht. Mell hat auf ihrem Handy Fotos, wie sie auf der Straße alle gemeinsam den Geburtstag des eritreischen Jungen mit deutscher Torte und würzigen Hähnchengerichten feierten.

Ihre eigene Tochter Kassandra hat in zwei Wochen Geburtstag. "Dann wollen wir auch ein bisschen grillen. Vielleicht kommen die von drüben dann ja auch wieder rüber", sagt Mell. "Die essen ja leider kein Schwein, nur Huhn. Aber vielleicht ja ein Stück Torte!"

Ich kann es immer weniger glauben. Ich hatte ein Ghetto erwartet und stoße auf eine Nachbarschaft mit ihren Streits und ihren Freundschaften. Ich hatte sozialen Unfrieden erwartet und stoße auf Einvernehmen, zwischen den Deutschen und den Fremden, den alten und den neuen Mallentinern.

Wohnhäuser in Mallentin © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Ich gehe zurück zum Auto und bin bald wieder auf der Landstraße. Warum tut AfD-Kandidat Grimm so etwas Niederträchtiges? Warum beschreibt er die Flüchtlinge, als seien sie halbwilde Barbaren? Er ist doch in Mallentin gewesen, um hier Wahlwerbung zu verteilen. Er hat es doch mit eigenen Augen gesehen, wie friedlich hier alles ist.

Hat er es gesehen?

Nein, vielleicht nicht. Seit einigen Jahren, erzählte er mir, misstraue er der Presse und lese stattdessen rechte Blogs. Hat sich die Hetze in seinen Kopf gefressen, Überschrift für Überschrift, bis er wirklich glaubte, dass Flüchtlinge nicht nach Deutschland passen? Dass sie rumschreien und alles kaputt schlagen? Vielleicht.

Gerade als Rechtsanwalt sollte Grimm vermeintliche Wahrheiten eigentlich kritisch hinterfragen. Das ließe nur den Schluss zu, dass Grimm lügt, obwohl er es besser weiß, lügt, um Stimmung zu machen, lügt, um die Wahl zu gewinnen.

Während die Wohnblöcke von Mallentin im Rückspiegel kleiner werden, denke ich: Ich weiß nicht, was mir lieber ist. Ein Politiker, der Hetze und Realität nicht auseinanderhalten kann, oder aber ein Politiker, der die Realitäten kennt, aber lügt. Und ich denke: Unglaublich, dass dieser Mann ab nächster Woche wahrscheinlich einer von 71 Abgeordneten sein wird, die die Gesetze für 1,6 Millionen Einwohner machen.