Um 11 Uhr treffe ich Ulla Hardt. Jahrelang entwarf die Architektin Ferienhäuser für Ostseebäder, bis die 49-Jährige eine Auszeit nahm und unverhofft in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe landete. Vor 20 Jahren zog sie aus Taunusstein im Rhein-Main-Gebiet nach Mecklenburg-Vorpommern. "Deswegen spreche ich auch ein bisschen Schulenglisch. Die älteren Leute hier haben Russisch gelernt und können deswegen nicht mit den Flüchtlingen reden", sagt sie.

Wir laufen unter einer Reihe Birken an der Brache vorbei, wo zu DDR-Zeiten der Konsum stand. Ein Stück weiter stehen in einer Senke Schaukel, Tischtennisplatte und Rutsche. 

Als wir den Wohnblock mit den Flüchtlingen erreichen, tritt ein Mann aus der Tür, der ein Baby auf dem Arm trägt, und mit seinem weißen Hemd, dem gepflegten Bart und gegelten Haaren nicht vor die schmutzig gelbe Fassade passt.

© Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Hardt stellt ihn vor: Das sei Mohammed Hafni. Sie kennen sich, seit er vor elf Monaten aus Damaskus nach Mallentin kam. Hardt gibt ihm eine Tüte mit Gurken und Kürbissen aus ihrem Garten. Hafni lädt uns ein, in die Wohnung zu kommen, in der er mit seiner Familie wohnt. Das Mobiliar: zwei Metallbetten, ein Metallspind, ein alter Fernseher, dazu eine karg möblierte Küche und ein schimmeliges Bad. Neue Möbel? Eher das Gegenteil. Wir setzen uns auf die Betten und Hafnis Schwester Mona serviert süßen Tee in Tassen, die sie von hilfsbereiten Mallentinern geschenkt bekommen haben.

Ein blonder Junge sagt zwei Worte auf Arabisch

Und dann erzählt Hardt: Rund 100 Flüchtlinge hätten in den vergangenen anderthalb Jahren in Mallentin gelebt, einmal an die 50 zur gleichen Zeit. Zwei Blöcke, die vorher wegen ihres schlechten Zustands nicht vermietet waren, wären auf einmal voll gewesen. Erst kamen Albaner, Serben und Mazedonier, später Ghanaer und Malier und schließlich im vergangenen Herbst die ersten Syrer.

© Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Hardt ergänzt: Die Kreisverwaltung habe es nicht geschafft, genügend qualifizierte Sozialarbeiter einzustellen. Da sei sie zeitweise die Einzige gewesen, die sich um die ganze Post gekümmert habe, die Deutschland seinen Neubürgern schickt, noch bevor es Deutschkurse gibt: GEZ-Abrechnungen, Termine zur U-Untersuchung, Rentenversicherungsnummernzuweisungen.

Und dazu noch die jungen Männer, die ohne ihre Familien nach Deutschland kamen und jetzt alleine zu Hause sitzen, in ihren Köpfen die Bilder verstümmelter Verwandter, in ihren WhatsApp-Nachrichten die Fotos der Fassbomben, die in Aleppo Menschen zerfetzen.

"Und, hat es Reibereien in der Nachbarschaft gegeben?", frage ich. "Klar", sagt Hardt und erzählt von der achtköpfigen Familie Al-Musa. Die Kinder seien schlecht erzogen gewesen und hätten auf der Straße viel Ärger gemacht. Ein deutscher Vater habe deswegen einmal die Polizei gerufen.

Aber die Al-Musas hätten die anderen Flüchtlinge ebenso gestört, sagt sie und zu Mohammed Hafni, der mit seiner Familie neben uns sitzt: "Oder, wie war das mit Familie Al-Musa?" Hafni nickt sarkastisch, streckt einen Daumen in die Luft und antwortet: "Ja, Familie Al-Musa, sehr gut."

Außerdem hätte ein Mann, der im Dorf allgemein für seine rechte Auffassung bekannt sei, an Silvester den Briefkasten des Flüchtlingsblocks mit einem Böller in die Luft gesprengt.

Das muss wohl der Briefkasten sein, von dem AfD-Mann Grimm sprach, denke ich und staune dann über die Ironie, zu der das Leben manchmal fähig ist: "Der 4-jährige Sohn des Mannes hat sich dann im Kindergarten mit dem Sohn einer eritreischen Familie angefreundet", sagt Hardt. "Seine Vorbehalte waren dann irgendwann weg und er hat die Eritreer sogar zu Hause besucht."

Während Hardt das erzählt, kommt ein blonder Junge rein, sagt zwei Worte auf Arabisch und verschwindet wieder. Hardt und ich verabschieden uns von Familie Hafni und gehen runter.

Jeremy in der Küche, Mallentin © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Vor dem angrenzenden Block spielen zwei Kinder. "Sind eure Eltern da?", frage ich und die beiden brüllen "Mama" zum offenen Fenster hoch. Wenn irgendwer noch von Unfrieden berichten könne, denke ich, dann doch die Nachbarn. Einige Augenblicke später stehen Mutter Sindy Mell und ihre Hausnachbarin Beate Schattschneider vor mir.

Sie erinnern sich an Familie Al-Musa, laut seien die Lütten gewesen. Aber man habe sich dann an die Sozialarbeiter gewandt und Vater Al-Musa habe die Kinder in ein anderes Zimmer umquartiert, so konnten alle nachts schlafen.