Als ich von Grimms sozialem Unfrieden anfange, lacht die 33-jährige Mell laut auf. Einmal noch, da hätten die Flüchtlinge ihre Wäsche auf die falsche Leine gehängt, aber das habe man unter sich geklärt. "Mein Mann ist als Lkw-Fahrer viel im Ausland unterwegs. Der weiß sich mit Händen und Füßen zu verständigen", sagt Schattschneider.

Sindy Mell und vier ihrer sechs Kinder in der Küche, Mallentin © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

"Und wer hat ihre Haustür eingeschlagen?", frage ich. "Das war ein erwachsener Freund von uns", sagt die 57-jährige. "Der war ein bisschen übermütig." Will wohl heißen: betrunken.

Und während ich denke, dass das wohl alles eher unter den Begriff "Nachbarschaft", als "sozialer Unfrieden" passt, kommt der blonde Junge angelaufen, der eben die arabischen Worte sagte. Es ist Mells 11-jähriger Sohn Jeremy, der immer zu Hafnis spielen und essen geht. Mell hat auf ihrem Handy Fotos, wie sie auf der Straße alle gemeinsam den Geburtstag des eritreischen Jungen mit deutscher Torte und würzigen Hähnchengerichten feierten.

Ihre eigene Tochter Kassandra hat in zwei Wochen Geburtstag. "Dann wollen wir auch ein bisschen grillen. Vielleicht kommen die von drüben dann ja auch wieder rüber", sagt Mell. "Die essen ja leider kein Schwein, nur Huhn. Aber vielleicht ja ein Stück Torte!"

Ich kann es immer weniger glauben. Ich hatte ein Ghetto erwartet und stoße auf eine Nachbarschaft mit ihren Streits und ihren Freundschaften. Ich hatte sozialen Unfrieden erwartet und stoße auf Einvernehmen, zwischen den Deutschen und den Fremden, den alten und den neuen Mallentinern.

Wohnhäuser in Mallentin © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Ich gehe zurück zum Auto und bin bald wieder auf der Landstraße. Warum tut AfD-Kandidat Grimm so etwas Niederträchtiges? Warum beschreibt er die Flüchtlinge, als seien sie halbwilde Barbaren? Er ist doch in Mallentin gewesen, um hier Wahlwerbung zu verteilen. Er hat es doch mit eigenen Augen gesehen, wie friedlich hier alles ist.

Hat er es gesehen?

Nein, vielleicht nicht. Seit einigen Jahren, erzählte er mir, misstraue er der Presse und lese stattdessen rechte Blogs. Hat sich die Hetze in seinen Kopf gefressen, Überschrift für Überschrift, bis er wirklich glaubte, dass Flüchtlinge nicht nach Deutschland passen? Dass sie rumschreien und alles kaputt schlagen? Vielleicht.

Gerade als Rechtsanwalt sollte Grimm vermeintliche Wahrheiten eigentlich kritisch hinterfragen. Das ließe nur den Schluss zu, dass Grimm lügt, obwohl er es besser weiß, lügt, um Stimmung zu machen, lügt, um die Wahl zu gewinnen.

Während die Wohnblöcke von Mallentin im Rückspiegel kleiner werden, denke ich: Ich weiß nicht, was mir lieber ist. Ein Politiker, der Hetze und Realität nicht auseinanderhalten kann, oder aber ein Politiker, der die Realitäten kennt, aber lügt. Und ich denke: Unglaublich, dass dieser Mann ab nächster Woche wahrscheinlich einer von 71 Abgeordneten sein wird, die die Gesetze für 1,6 Millionen Einwohner machen.